Bedenkliche „Konsent“-Entscheidungen


Gute Entscheidungen im Team brauchen Zeit | ©Robert Kneschke/fotolia.com

Konsequenzen rund um neue Organisationskonzepte wurden hier des Öfteren besprochen. Wie so vieles bieten sie interessante Möglichkeiten und gleichzeitig bergen sie einige nicht unbedenkliche Konsequenzen. Im Zusammenhang mit der Übertragung von Entscheidungen auf Mitarbeiter stößt man unter anderem auf die Frage, wie diese innerhalb von Gruppen und Teams getroffen werden. Eine oft vorgeschlagene Methode ist das „Konsent“- Konzept.

Das Konzept der „Konsent-Entscheidung“

Nein, man hat es nicht mit einem Tippfehler zu tun. Das Konzept schreibt sich tatsächlich mit „T“ am Ende. Dahinter steckt die Idee, dass eine Entscheidung als getroffen gilt, wenn keiner der am Entscheidungsprozess Involvierten einen Einwand formuliert hat. Jeder der Teilnehmer hat zwar die Möglichkeit Einwände vorzubringen, solange er diese als schwerwiegend bezeichnet. In diesem Fall werden Einwände vom Team ausführlich behandelt.

Die Idee klingt auf den ersten Blick interessant – und ökonomisch: Wer nicht vollkommen dagegen ist, ist dafür. Bedenken müssen gravierend genug sein, um als Argument zu gelten. Diese Herangehensweise hilft Entscheidungen in sozialen Kleinsystemen rasch zu treffen. Dies scheint allerdings nicht unkritisch zu sein, wie uns ein kleiner Ausflug in die Praxis gruppendynamischer Trainings zeigt.

Konsens in Gruppen

Man stelle sich vor, eine Gruppe erhält den Auftrag im Rahmen einer bestimmten Fragestellung eine Lösung zu erarbeiten. Ein verbreitetes Beispiel wäre die sogenannte „Seenot-Übung“, bei der ein Schiffsunglück simuliert wird. Die Gruppenmitglieder sollen als einzige Überlebende eines Segelausflugs das langsam sinkende Schiff verlassen und dabei entscheiden, welche besonders wichtigen Gegenstände sie ins Rettungsboot mitnehmen. Es muss eine Reihung vorgenommen werden, denn im Fall einer kritischen Situation könnte man die unwichtigsten Gegenstände zuerst aus dem Rettungsboot werfen.

Zunächst werden die Mitglieder gebeten ihre eigene Lösung zu erarbeiten und das Ergebnis abzugeben. Da es um das gemeinsame Überleben geht, sollte eine möglichst gute und für alle gültige Gruppenlösung gefunden werden. Daher erteilt man der Gruppe im nächsten Schritt üblicherweise den Auftrag, eine Konsenslösung zu erarbeiten.

Einzelergebnisse vs. Gruppenlösung

Fordert man von allen Beteiligten deren explizite Zustimmung (man könnte dies ruhig „Konsens“ nennen), so benötigt dies natürlich eine intensive Auseinandersetzung innerhalb der Gruppe. Ideen, Annahmen, Erwartungen, Vorstellungen, Hypothesen, etc. müssen vorgetragen und besprochen werden. Das dauert Zeit und erfordert Geduld aller Beteiligten. Würde man das Prinzip der expliziten Zustimmung in eines umwandeln, in dem es einer explizite Ablehnung („Konsent“) bedarf, könnte man wohl rascher ein Ergebnis erzielen. Quantität schlägt allerdings nicht Qualität.

Interessant ist, neben den zu beobachtenden gruppendynamischen Phänomenen, die Analyse der Ergebnisse. Dabei wird die Wahl der Teilnehmer mit einer von Überlebensexperten erarbeiteten Musterlösung verglichen wird. Stellt man dieser Musterlösung die jeweiligen Einzelergebnisse und das Gruppenergebnis gegenüber, so lässt sich zumeist feststellen, dass Letzteres in mehr als 90% der Fälle besser ist als jedes Einzelergebnis. Anders formuliert: In der Regel ist die Gruppenlösung besser als jede Einzellösung.

Das spricht für gute Gruppenarbeit – sofern man diese nicht mit zeitlichen Vorgaben zu sehr einschränkt. Gibt man den Gruppen kein Zeitlimit, dann ist die Gruppenlösung in der Regel besser als jene Gruppenergebnisse, für die ein bestimmtes Zeitbudget vorgegeben wurde.

Bei Versuchsdurchführungen mit Zeitbeschränkung finden sich übrigens viele jener Einzelergebnisse, die besser sind als die Gruppenergebnisse. Darin sind auch jene zu finden, deren Meinung in der Gruppe aus verschiedensten Gründen nicht gehört werden.

Ein soziomorphes Zeitverständnis fördern

Die hier angestellten Überlegungen zeigen den starken Einfluss von Zeit auf die Ergebnisse von Gruppenarbeiten. Bei vorwiegend nach technologisch-ökonomischen Kriterien getaktetem Vorgehen, wie es derzeit in Organisationen besonders häufig zu beobachten ist, wird ein „technomorphes“ Zeitverständnis (vgl. Heintel 1999, S. 208) gefördert. Dabei wird Zeit als linear, planbar und berechenbar betrachtet. Bei Teams und Gruppen hingegen hat man es mit einer gewissen „Eigenzeitlichkeit“ zu tun, die nicht je nach Bedarf verlängert, gekürzt oder gar gestrichen werden kann. Ein solcher „soziomorpher“ Zeitbegriff (vgl. Heintel 1999, S. 227) kann weder vorhergesagt, noch nach Belieben verändert werden. Man kann nicht vorhersagen, wie viel Zeit bestimmte soziale Prozesse in Anspruch nehmen.

Die Gefahr der Anwendung von „Konsent“-Prinzipien liegt darin, dass eine technomorphe Behandlung von Zeit im Vordergrund steht. Teams brauchen zur Erarbeitung qualitativ hochwertiger Ergebnisse jedoch ausreichend Zeit – und diese sollte auch nicht über die Hintertür von Regeln, wie beispielsweise dem Konsent-Prinzip, beschränkt werden.

 

Zur Nachlese:

  • Oestereich Bernd / Schröder Claudia (2017): „Das kollegial geführte Unternehmen“, Valen.
  • Heintel, P. (1999): Innehalten. Gegen die Beschleunigung – für eine andere Zeitkultur. Freiburg im Breisgau: Herder
  • Heintel, P. (2001): Die Zeit von Sozialsystemen. In: Gruppendynamik und Organisationsberatung, 32(3), S. 245-258.
  • Geramanis, Olaf (2017): „mini-handbuch Gruppendynamik“. Basel: Beltz Verlag.

 

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


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