Berater für Theorie begeistern


Weiterbildung für Berater: Theoriearbeit | ©Ivan Kurmyshov/foltolia.com

Praktiker sollten sich aktiv an Theoriebildung beteiligen. Allerdings ist diese Forderung leichter erhoben, als in die Tat umgesetzt. Im Folgenden finden Sie praktische Tipps wie sich die Theoriearbeit in den Arbeitsalltag integrieren lässt.

Verlangsamung bringt Wissensgewinn

Theoriearbeit verlangsamt und hilft den Praktikern innezuhalten, nachzudenken, ihre Tätigkeiten zu reflektieren und andere Sichtweisen zu gewinnen. In großzügiger Abwandlung des „ethischen Imperativs“ von Heinz von Foerster (vgl. 1993, S. 234) kann durch eine solche aktive Arbeit mit Theorie die Zahl der Wahlmöglichkeiten vergrößert werden. Man erweitert seinen Horizont und sein Handlungsspektrum. Das bedeutet allerdings ein beträchtliches Investment an Zeit und Energie – beides für Berater äußerst limitierte Ressourcen.

Man könnte argumentieren, dass aktive und regelmäßige Weiterbildung insbesondere von Beratern erwartet werden kann. Allerdings lässt ich die Auseinandersetzung mit Theorie nicht über inhaltsbezogene Trainings oder klar strukturierte Seminare zufriedenstellend erlernen.

Ein erster Schritt: Theorie lesen

Einige Kollegen organisieren sich in sogenannten „Lesezirkeln“, vereinbaren Texte, die sie gemeinsam bearbeiten. Das funktioniert insbesondere dann gut, wenn diese Zirkel über längere Zeiträume existieren und regelmäßige Treffen stattfinden. Es werden Texte gelesen, anschließend gemeinsam diskutiert, um Erfahrungen ergänzt, mit Fällen in Verbindung gebracht und schließlich Schlussfolgerungen gezogen. Manchmal wird man sich irren oder das eine oder andere auch nicht verstehen. Das liegt daran, dass Theoretiker gerne komplizierte, mitunter schwer zu verstehende Sprache wählen (vgl. Luhmann 1981). Um mit dem dabei erlebente Frust- und Schamgefühlen umgehen zu können, ist ein großes Maß an Vertrauen untereinander erforderlich. Selbst wenn sie bei solchen Gelegenheiten kooperieren, kann das nicht zu ignorierende Konkurrenzverhältnis zwischen Beratern eine große Herausforderung für die gebildeten Gruppen darstellen.

Beobachten – Reflektieren – Theoretisieren

Eine andere Möglichkeit aktive Theoriearbeit zu betreiben, liegt in der gemeinsamen Reflexion von „beraterischen“ Handlungen, für die in Folge so etwas wie Regeln und Gesetze formuliert werden. Das verhält sich ähnlich zur Arbeit mit Hypothesen, die generalisiert werden. Dabei kann man sich auch Unterstützung durch Wissenschaftler holen. Soziologen, Psychologen, Philosophen, Kulturwissenschaftler, etc. können mit ihrer theoretischen Expertise zu dem Prozess beitragen (einige Beratergruppen engagieren in der Tat Sozialwissenschaftler, um mit ihnen bereits ausgearbeitete Modelle kritisch zu reflektieren).

Schließlich könnte man aktiv Forschungsfragen formulieren und diese im Rahmen von multidisziplinär zusammengesetzten Teams bearbeiten und die Ergebnisse mit Kollegen und Wissenschaftlern diskutieren.

Nicht nur Werbung, auch Reputationsgewinn

Neue Erkenntnisse können in Fachartikeln zusammengefasst oder bei Kongressen vorgestellt werden. Viele Berater erkennen darin ein zusätzliches Potenzial: solche Aktivitäten können als Marketingmaßnahmen betrachtet werden und zusätzlich kann Reputation am Markt (d.h. nicht nur bei den Kunden, sondern auch bei den KollegInnen) gewonnen werden. Damit lässt sich wohl die Konkurrenz mit anderen Beratern auch gut ertragen.

Wie wir erkennen, spricht einiges dafür, dass sich Berater als theorieaffine und theoriefeste Praktiker positionieren. Der damit verbundene Aufwand dürfte sich bezahlt machen.

 

Zur Nachlese:

  • Foerster, H. v. (1993): Wissen und Gewissen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Luhmann, N. (1981): Unverständliche Wissenschaft. Probleme einer theorieeigenen Sprache. In ders. Soziologische Aufklärung Band 3. Wiesbaden: VS-Verlag, S. 193-201

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


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