Berater und ihr Beratungsansatz


Beratung ist nicht gleich Beratung | © Thomas Reimer / fotilia.com

Sowohl Berater als auch deren Kunden müssen sich grundsätzlich mit einer wichtigen Entscheidungen beschäftigen: welcher Beratungsansatz ist für sie passend und sinnvoll? Eine ähnliche Argumentation wurde bereits letzte Woche bearbeitet, als es um die grundsätzliche Entscheidung ging, wie Berater wirksam werden können: über inhaltliche Fachexpertise oder über die Gestaltung des Beratungsprozesses. Diese Dichotomie dominierte über viele Jahre die Szene bis systemische Beratungsansätze populärer wurden. Was steckt dahinter?

Fachberatung

Wie die Bezeichnung schon signalisiert, fokussiert die Fachberatung in erster Linie auf fachlich-sachliche Fragestellungen. Fachberater werden in der Regel dann beauftragt, wenn in der Organisation ein bestimmtes Expertenwissen auf der Sachebene benötigt wird. Entsprechend rückt die Sachdimension im Beratungsprozess in den Mittelpunkt und es liegt auf der Hand, dass Berater vorwiegend inhaltliche Kompetenzen aufweisen müssen. Fachthemen dominieren den Beratungsablauf, die Berater vertrauen dabei auf ein bewährtes Repertoire an Werkzeugen und Vorgehensweisen, von welchen sie kaum abweichen.

Beispiele dafür könnten sein: die Einführung eines bestimmten Produktionsverfahrens, die Installation eines neuen Computersystems, die Verbesserung von Arbeitsabläufen, die Durchführung eines umfassenden Kostensenkungsprogrammes, etc.

Mit Fachberatung verspricht man sich, komplexe Situationen durch Expertenrat in den Griff zu bekommen. Die Fachberater verstehen die Materie, analysieren die Situation und bearbeiten die Themenstellungen anhand ihrer Erfahrung und Expertise. Sie sind Wissende was die Fragestellungen betrifft und der Kunde kauft sich dieses Wissen ein.

Prozessberatung

Die im Zuge der 1970er Jahre populär gewordene Prozessberatung (vgl. Schein 2003) fokussiert in erster Linie auf die Gestaltung von Beratungsprozessen, bei denen die jeweils Betroffenen aktiv einbezogen wurden. Die Expertise des Prozessberaters liegt weniger auf fachlichen Fragestellungen, sondern auf dem Verständnis darüber, wie soziale Beteiligungsprozesse zu gestalten sind.

Die Expertise in den fachlichen Themenstellungen liegt bei der Organisation. Prozessberater vertrauen auf Methoden, in denen die Beziehungen zwischen Personen besonders berücksichtigt und individuelle Einflüsse auf Konsensprozesse gestärkt werden. Prozessberater werden oft engagiert um Widerstände möglichst gering zu halten und um die „Betroffenen zu Beteiligten“ zu machen. Themen der Prozessberatung könnten sein: Verbesserung der Kommunikation in einer Abteilung, Etablierung eines neuen Teams, Konfliktbearbeitung zwischen zwei Parteien, etc.

Einschränkungen

Aufmerksame Beobachter von Organisationen erkennen, dass beide Ansätze spezielle Limitierungen aufweisen. Fachberatung ist für manche Fragestellungen äußerst sinnvoll, gerät aber in der Praxis oft an ihre Grenzen, denn Organisationen sind grundsätzlich undurchschaubar und schwer von außen zu analysieren. Was in einer Organisation funktioniert, kann sich in der anderen als wirkungslos herausstellen. Die ausschließliche Konzentration auf externe Expertise übersieht oft die Besonderheiten einer Organisation. Die Anwendung bestimmter Vorgehensweisen kann zu unerwarteten Widerständen bei den Mitarbeitern führen. Selbst wenn der Beratungsprozess mit „soften Themen“ angereichert wird, so agieren die Fachberater grundsätzlich auf der Sachebene (alles andere wird ihnen oftmals auch nicht ernsthaft abgenommen).

Die Konzentration auf die Beteiligung der betroffenen Personen ist wiederum insbesondere dann hilfreich und erfolgreich, wenn keine fachlichen Fragestellungen auftauchen. Viele Veränderungsprozesse sind jedoch auch mit strukturellen Anpassungen und sachlichen Themen verbunden. Darauf sind viele Prozessberater nicht vorbereitet. Auch gebietet so manches Verständnis von Prozessberatern, dass man sich als Berater nicht in fachliche Fragen einbringen und auf die Weisheit des Kunden bauen sollte (Motto „Der Kunde ist Spezialist über sein Problem“). Nur in Ausnahmefällen wird von solchen Dogmen abgewichen.

Systemische Beratung

Die jeweiligen Einschränkungen berücksichtigend lag es auf der Hand, dass für viele Probleme andere Herangehensweisen erforderlich wurden. In den 1980er Jahren wurde ein Beratungsansatz entwickelt, der die grundsätzliche Undurchschaubarkeit von Systemen und deren Komplexität bewusst berücksichtigt. Zentral dabei ist die Orientierung an einem umfangreichen und multidisziplinären Theoriegebäude, bei dem Fach- und Prozess-Know-How kombiniert werden.

Was genau dahinter steckt, wird nächste Woche ausgearbeitet.

 

Zur Nachlese:

  • Schein, Edgar (2003): Prozessberatung für die Organisation der Zukunft: Der Aufbau einer helfenden Beziehung Bergisch-Gladbach: EHP-Verlag.
  • Simon, Fritz B. (2014): „Einführung in die (System-)Theorie der Beratung“. Heidelberg: Carl-Auer Compact.

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


Top