Das Praktische an der Theorie


Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie | ©Ivelin Radkov/fotolia.com

Das zentrale Instrument bei der Arbeit in und mit Organisationen ist die Beobachtung. Allerdings ist der Vorgang des Beobachtens nicht ohne den Beobachter und seinen Einfluss darauf zu betrachten. Wer auch immer beobachtet, entscheidet darüber was beobachtet wird: Was interessiert die Beobachter, worauf richten sie ihre Aufmerksamkeit und welche Schlüsse werden aus den Beobachtungen gezogen?

Von der Beobachtung zur Theorie

Der Prozess des Beobachtens ist eng verknüpft mit den jeweiligen Grundannahmen des Beobachters. Diese Grundannahmen ergeben sich wiederum aus den Erfahrungen des Beobachters. Werden allgemeine Erfahrungen gesammelt, geordnet und in einen Zusammenhang mit wiederholbaren Phänomenen gebracht, entsteht Theorie. Theorie wird hier als das gebündelte und geordnete Wissen betrachtet, über das Beobachter verfügen und auf welches sie sich in ihrem Prozess der Konstruktion ihrer Wirklichkeiten  beziehen. Theorie erleichtert es Beobachtungen zu organisieren, Erklärungen dafür zu finden und darauf aufbauend Handlungen zu setzen.

Auf den Punkt gebracht geht es um den Gewinn von Erkenntnis und was man daraus macht. Die Frage nach Episteme (so der altgriechische Begriff für „Erkenntnis“ oder „Wissen“) ist nicht neu und geht auf die altgriechischen Philosophen zurück. Aristoteles (2004) definierte für den Prozess des Erkenntnisgewinns unter anderem zwei grundsätzliche Formen: die Deduktion und die Induktion (auf die dritte Form, die Abduktion wird noch gesondert eingegangen).

Vom Allgemeinen zum Besonderen

Eine Vorgehensweise, die vom Allgemeinen auf das Beobachtete schließt nennt Aristoteles „Deduktion“. Eine allgemein gültige Regel wird angewendet und führt somit zu einer Aussage darüber „was der Fall ist“. Ein mittlerweile berühmt gewordenes Beispiel für Deduktion geht auf den amerikanischen Philosophen Charles Sanders Peirce zurück.

Nehmen wir an, man hätte es mit einem Sack zu tun, in dem Bohnen enthalten wären und man würde die Information erhalten, dass alle Bohnen in diesem Sack weiß wären (vgl. Pierce 1991). Diese Information wäre die allgemein gültige Regel, auf die man sich beziehen könnte. Würde man in den Sack greifen und Bohnen herausnehmen, so könnte man schlussfolgern, dass die Bohnen ebenfalls weiß wären. Man müsste sich nicht die Arbeit machen, das Licht einzuschalten und die Farbe der Bohnen zu überprüfen. Diese Vorgehensweise ist in vielen Fällen hilfreich, denn man muss nicht alles hinterfragen oder überprüfen und man kann relativ rasch handeln. Will jemand weiße Bohnen, könnte man ihm oder ihr getrost Bohnen aus besagtem Sack geben.

Von der Beobachtung zum Allgemeinen

Was passiert allerdings, wenn der Empfänger der Bohnen diese erbost zurückgeben würde. „Wenn Sie genau schauen würden, könnten Sie feststellen, dass die Hälfte der Bohnen schwarz ist!“ Man überprüft den Fall durch seine eigene Beobachtung und stellt (in unserem Beispiel) fest, dass dem tatsächlich so ist. Nun müsste man eine andere Regel formulieren, die lauten würde: „Dieser Sack beinhaltet sowohl weiße als auch schwarze Bohnen“. Zufrieden könnte man nun diese Regel auf die Situation anwenden (vgl. Pierce 1991). Es wird also von einem speziellen Fall ausgegangen, bei dem man eine besondere Beobachtung macht und prüfen kann, ob eine andere Regel anwendbar wäre. Aristoteles definierte dafür den Begriff der Induktion (auch Epagogé genannt für „herbeiführend“): man beobachtet einen Fall und prüft daraufhin, ob eine vorhandene Theorie brauchbar wäre. Somit können Phänomene eingeordnet und Sicherheit für weitere Schritte gewonnen werden (natürlich kann man sich nie vollkommen sicher sein, aber immerhin kann man als Beraterin oder Managerin die nächsten Handlungen setzen).

Das Praktische daran

Ein Beispiel für die erfolgreiche Kombination von Deduktion und Induktion beschreibt Taleb (vgl. 2007): Lange Zeit konnten nur weiße Schwäne beobachtet werden, was zur Entstehung der Theorie führte, dass alle Schwäne ein weißes Federkleid haben müssten. Diese bis dahin deduktiv angewendete Schlussfolgerung wurde bei Reisen in Australien durch die Beobachtung schwarzer Schwäne erschüttert. Eine alternative Regel konnte nicht gefunden werden (Induktion) und es musste somit eine neue Theorie formuliert werden: Schwäne sind entweder weiß oder schwarz.

Auf Organisationen umgelegt wird erkennbar, dass die Kenntnis über Theorien bei der praktischen Arbeit sehr hilfreich sein könnte. Nicht umsonst fasste der Sozialwissenschaftler Kurt Lewin das Verhältnis mit dem Satz zusammen, es gäbe nichts Praktischeres als eine gute Theorie (im Original: „There is nothing so practical as a good theory“). Allerdings stellt sich als zentrale Frage ob und wie Theorie in der Praxis behandelt wird.

Wissenschaft liefert einen wichtigen Beitrag zum Erkenntnisgewinn (und somit auch zur Theoriebildung). Das besonders Lustvolle und Hilfreiche an der Arbeit mit Theorie ist, dass man sie für die eigenen praktischen Fälle hinterfragt, prüft, bei Bedarf ergänzt oder überhaupt neu formuliert. Gerade Praktiker verfügen über eine Fülle von Gelegenheiten zur Verknüpfung ihrer Beobachtungen mit Theorien, daher sollten sie sich aktiv am Prozess des Erkenntnisgewinns beteiligen und ihre empirischen Erkenntnisse in die Theoriebildung einbringen. Das setzt jedoch voraus, dass sie ihre Beobachtungen sammeln, aufbereiten, schreiben und veröffentlichen.

 

Zur Nachlese:

  • Aristoteles (2004): Topik, Stuttgart: Philipp Reclam jun.
  • Peirce, C. S. (1991): Vorlesungen über Pragmatismus. Hamburg: Felix Meiner Verlag.
  • Taleb, N. N. (2007): The Black Swan. The Impact of the Highly Improbable. London: Penguin Books.

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


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