Das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis


Die Theorie bestimmt die Praxis | © fotogestoeber/foltolia.com

Auch wenn man argumentiert, dass Theorie eine äußerst praktische Angelegenheit darstellt und dass in der Theoriearbeit nicht nur Vorteile in der Praxisanwendung gesucht, sondern auch Lernmöglichkeiten für Organisationen gefunden werden, so stellt sich dennoch die Frage nach dem Verhältnis zwischen Theorie und Praxis.

Eine nicht hilfreiche Trennung

Denn in vielen Diskussionen wird streng zwischen Theorie und Praxis unterschieden: Hier die abstrakte Sichtweise von Zusammenhängen, Regeln und Gesetzen, da die Welt der Praxis, die als nicht zusammenhängend, ungeregelt und ohne Gesetzmäßigkeiten erlebt wird. Mit Theorie erfolgt nicht selten eine Abstrahierung der Welt zugunsten eines gut formulierten und eindeutigen Theoriekonstrukts. Theorien orientieren sich an Prämissen und Paradigmen, um die Wahrscheinlichkeit von Widersprüchen und Unklarheiten zu reduzieren.

Allerdings müssen Wissenschaftler eingestehen, dass für große und komplexe Systeme, wie etwa Organisationen, keine adäquaten Forschungsverfahren verfügbar sind (vgl. Weaver 1948, Luhmann & Fuchs 1997). Ihre Verfahren zielen in erster Linie auf Systeme überschaubarer Größe und befassen sich mit wenigen (dafür aber modifizierbaren) Variablen.

In der Regel verweisen Praktiker auf die Besonderheiten ihrer Gegebenheiten, die auch besondere Handlungen erfordern. Die Umwelt ist weder berechenbar noch vorhersehbar. Die in der Theorie formulierten Gegebenheiten würden die für den Organisationsalltag erforderliche Komplexität kaum abdecken.

Diese Umstände führen zur Aussagen, dass Theorie „ja gut und schön, aber praktisch nicht brauchbar“ wären. Das ist bei allem Verständnis über Kritik verständlich, dennoch scheint es zu kurz gedacht und grob fahrlässig, der Theorie ihre praktische Anwendbarkeit abzustreiten und sie nicht zu nützen.

Was bringt Theorie dem Praktiker

Die Auseinandersetzung mit Theorie liefert in einer sich rasch verändernden Welt eine besondere Qualität: sie verlangsamt und entschleunigt. Man muss innehalten, reflektieren, nachdenken, prüfen, Analogien herstellen, abwägen und Schlüsse ziehen. Um Gesamtzusammenhänge herzustellen (und somit auch höhere Glaubwürdigkeit zu erlangen), werden Theorien in „Theoriegebäude“ eingebettet. Um diese Einbettung zu rechtfertigen wird nicht selten dogmatisch argumentiert wie beispielsweise: „Das ist vollkommen un-systemisch und daher nicht passend“ (statt „systemisch“ kann man jedes beliebige Theoriegebäude angeben).

Paradoxerweise haben solche Aussagen der „Nicht-Passung“ produktive Konsequenzen, denn wenn die Beobachtung nicht zur Theorie passt, liegt die Suche nach anderen Erklärungen auf der Hand (wir hatten ein solches Vorgehen als „induktiv“ bezeichnet). Dadurch werden im Rahmen eines Suchprozesses nach alternativen Theorien bzw. „Erklärungen“ alternative Hypothesen erarbeitet, die kreative „Lösungen“ ermöglichen. Von dieser Betrachtungsweise her argumentiert spricht daher nichts gegen Dogmatik (Baecker 2016).

Wissen bestimmt das Handeln

Praktiker handeln auf Grundlage von Vorwissen. Basiert dieses Vorwissen auf früheren Erfahrungen, könnte man dies „implizite Theorien“ oder „Alltagstheorien“ nennen. Wer wenig Vorwissen hat, wird versuchen Wissen zu erwerben. Man kann Bücher lesen, Filme ansehen, erfahrene Leute befragen, Tagebuch führen, etc. Manager werden in manchen Entscheidungssituationen wohl auf ihre Alltagstheorien oder ihr „Bauchgefühl“ (Gigerenzer 2008) zurückgreifen können. Wenn die Entscheidung keine negativen Folgen zeitigt, werden die betreffenden Manager als einzigartig beschrieben, vielleicht ein Stück weit genial und somit auch für die Organisation als wertvoll und schwer ersetzbar bewertet.

Für Berater muss Erfahrung kein Nachteil sein, aber für sie gelten andere Bewertungskriterien. Sie werden in der Regel beauftragt, jene blinden Flecken aufzuzeigen, welche die Organisation selbst nicht in der Lage ist zu erkennen. In aller Konsequenz bedeutet dies, dass Beobachtung eines der grundsätzlichsten Werkzeuge von Beratung darstellt. Wer beobachtet, arbeitet mit Unterscheidungen und die Anweisung dafür lautet: „Triff eine Unterscheidung und gib dieser Unterscheidung einen Namen“ (Spencer-Brown 2004). Das bedeutet, dass Berater sich darüber einigen müssen, was sie beobachten und wie diese Beobachtungen zu benennen sind, um im Kontakt mit ihren Kunden/Klienten auch verstanden werden. Die Basis dafür ist die Einigung auf ein gemeinsames Theorieverständnis bei den Beratern. Auf diese Art und Weise werden alternative Sichtweisen und Erklärungsmöglichkeiten ermöglicht.

Großzügig ausgelegt könnte man zusammenfassen, dass Theorie die Praxis bestimmt (Karafillidis 2010), egal ob es sich um Alltagstheorie oder eine wissenschaftlich fundierte und empirisch unterlegte Theorie handelt. Also ist die Theorie doch eine sehr praktische Angelegenheit …

 

Zur Nachlese:

  • Luhmann N. (1992): „Die Wissenschaft der Gesellschaft“, Frankfurt/Main: Suhrkamp
  • Luhmann, N. und Fuchs P. (1997): „Reden und Schweigen“, Frankfurt/Main: Suhrkamp
  • Baecker, D (2016): „Wozu Theorie?“, Frankfurt/Main: Suhrkamp
  • Gigerenzer, G. (2008) „Bauchentscheidungen“, 6. Auflage, München: Goldmann
  • Spencer-Brown, G. (2004): „Gesetze der Form“, 4. Auflage, Bohmeier Verlag
  • Weaver, W. (1948): „Science and Complexity“, American Scientist Vol. 36, S. 526-544.
  • Karafillidis (2010): Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms“. Bielefeld: transcript Verlag

 

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


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