Den Forschungsprozess starten


Gute Vorbereitung als Schlüssel für gelingende Forschung. | ©Andrey Popov/fotolia.com

Hat man als forschende Beraterin einen Kontakt zum „Feld“ erhalten und einige grundsätzliche Fragestellungen besprochen, so ist ein erster, wichtiger Schritt absolviert. Dennoch müssen einige wichtige Fragen geklärt und auch Vereinbarungen getroffen werden, bevor man tatsächlich aktiv werden kann. Konkret bedeutet dies, dass man die Organisation ausreichend über den Forschungsprozess informieren und sich als Forscherteam organisieren sollte.

Die Organisation informieren

Wurden mit den Klärungen der einzelnen Rollen des Forschungsprozesses schon einige wichtige Themen bearbeitet, so benötigen die Forscherinnen entsprechende Unterstützung beim Feldzugang: Mitarbeiterinnen und Manager müssen über Grundideen, Ziele, Erkenntnisinteresse und Vorgehensweisen des Forschungsprozesses informiert werden. Worum geht es eigentlich? Wann wird wer an welchen Stellen der Organisation Daten erheben? Was passiert mit den Daten und den gewonnenen Ergebnissen? Wem werden diese präsentiert und wie kann Vertraulichkeit nach außen sichergestellt werden? Daher sind Maßnahmen erforderlich, die dabei helfen das Vertrauen der Organisation zu den Forscherinnen zu stärken. Zwei Adressaten scheinen dafür wichtig zu sein: Management und Betriebsrat.

Für das Management stellt sich in erster Linie die Frage, wie der Forschungsprozess gestaltet wird und welche Auswirkungen dieser auf das beforschte System (d.h. die Organisation) haben wird. Die Forscherinnen sollten sich schon sehr früh darauf vorbereiten, Fragen nach Methoden beantworten zu können: Werden Einzelinterviews oder Gruppeninterviews durchgeführt?  Wenn Fragebögen erstellt werden, an wen werden diese versendet? Wie werden die Daten erfasst und anschließend ausgewertet? Wie stellen die Forscherinnen sicher, dass ihre Datenerhebung keine negativen Auswirkungen auf die Arbeitsprozesse oder die Stimmung der Mitarbeiterinnen haben? etc.

In vielen Fällen ist es besonders hilfreich, wenn die Forscherinnen auch Fragen der Betriebsräte beantworten können. Wenn Mitarbeiterinnen befragt werden, welche konkreten Fragen werden ihnen gestellt? Wie wird die Anonymität der Aussagen von Mitarbeiterinnen gewährleistet? Werden die Daten nach der Auswertung wieder gelöscht? Was geschieht mit den Ergebnissen? etc.

Besonders wichtig scheint auch, dass Forscherinnen penibel darauf achten, möglichst unabhängig und neutral aufzutreten. Das betrifft einerseits die soziale Neutralität, also jene gegenüber den Akteuren, mit denen man es im Zuge des Forschungsprozesses zu tun hat. Beispielsweise sollten die Ergebnisse weder zu negativen Auswirkungen auf die Mitarbeiterinnen oder deren Arbeiten führen, noch als Mittel in Arbeitskonflikten zwischen Management und Mitarbeitervertretung dienen. Anderseits ist auch die Neutralität gegenüber den Sachfragen zu beachten. Forscherinnen sollten nicht als Befürworter oder Verteidiger eines Themas auftreten. Diese Ansprüche sind für viele Beraterinnen wie z.B. jenen, die systemischen Prinzipien folgen, keine Neuheit.

Die Forscherinnen vorbereiten

Es wird offensichtlich, dass die Vielzahl der hier erwähnten Anforderungen alleine arbeitende Forscherinnen überfordern würden. Forschung ist idealerweise Teamarbeit. Und insbesondere, wenn man sich dazu entschließt „qualitativ“ zu arbeiten (vgl. Forschauer & Lueger) empfiehlt es sich in Forschungsteams zu arbeiten. Diese Teams sollten in gut überschaubarer Größe zusammengestellt werden (2-4 Personen wäre wohl angemessen) und sich als eine eigenständige soziale Einheit konstituieren. Neben den üblichen Fragen, die Teamkonstellationen mit sich bringen, muss das methodische Vorgehen abgestimmt werden. Wie gehen wir vor? Wer übernimmt welche Aufgabenstellungen? Wonach fragen wir und worauf richten wir unsere Beobachtungen?

Das Forschungsinteresse ist zu einem Großteil von jenen abhängig, die sich aktiv am Forschungsprozess beteiligen. An Hand ihrer Grundannahmen über das Feld formulieren sie die Forschungsfrage, organisieren Datenerhebungen, werten Daten aus und fassen Ergebnisse zusammen. Die Hypothesen der Forscherinnen nehmen eine prominente Rolle im Forschungsprozess ein. Sie müssen von allen gemeinsam erstellt und verstanden werden. Sie sollten regelmäßig geprüft, kritisch hinterfragt, relativiert oder auch verworfen und konsequenterweise neu formuliert werden.

Jede Beobachtung des Feldes inkludiert auch die Beobachter des Feldes. Die Forscherinnen sollten im Rahmen des Forschungsprozesses nicht nur das Feld beobachten, sondern den Blick auch auf sich selbst richten. Warum haben wir diese oder jene Frage ausgearbeitet bzw. spontan gefragt? Wie haben die Befragten auf unsere Fragen reagiert? Was haben wir während der Forschung beobachtet und wie können diese Beobachtungen mit der Forschungsfrage in Zusammenhang gebracht werden? Wie beobachten wir uns selbst beim Beobachten des Feldes? Und welche Auswirkungen hat dies auf unsere Beobachtungen bzw. Schlussfolgerungen?

An Hand dieser Überlegungen werden viele methodische Übereinstimmungen zwischen Beratung und Forschung erkennbar. Es spricht tatsächlich wenig dagegen, wenn Beraterinnen ab und an forschend tätig werden.

 

Zur Nachlese:

  • Froschauer, Ulrike; Lueger, Manfred (2003): Das qualitative Interview: Zur Analyse sozialer Systeme, Wien: UTB-Taschenbuch.
  • Tuckermann, Harald (2013): Einführung in die systemische Organisationsforschung, Heidelberg: Carl-Auer Verlag.

 

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


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