Design in der digitalen Arbeitswelt


Digitalisierung benötigt neues Design von Arbeitsprozessen | © Monkey Business / fotolia.com

Um das Gelingen von Kommunikation in Zeitalter der Digitalisierung zu gewährleisten, sollte insbesondere auf die Gestaltung von Arbeitsprozessen geachtet werden. Ein interessantes Beispiel zeigen David Stark und Daniel Beunza anhand der die Aktivitäten von Arbitrage-Händlern. Sie haben bei ihren Beobachtungen erstaunliches dazu dokumentiert (Stark 2009, S. 118ff).

Wie arbeiten Arbitrage-Händler?

Ein Arbitrageur versucht auf verschiedenen Märkten gleichzeitig zu agieren und Preisschwankungen auszunützen. Arbitrage-Handel ist großteils von der Verwendung technischer Kommunikationsmedien abhängig. Arbitrageure müssen äußerst sensibel auf Veränderungen reagieren und für kleinste Bewegungen am Markt ein „Gefühl“ entwickeln. Sie wählen aus unzähligen Daten die wichtigsten Informationen aus, führen Kalkulationen durch, erstellen bei Bedarf neue Algorithmen, wägen Alternativen ab und treffen sehr rasch Entscheidungen, die sich hoffentlich als richtig herausstellen. Dabei können sich sich Arbitrageure nicht nur auf die adäquate Verwendung von Technik verlassen oder sich ausschließlich auf digitale Daten stützen, sondern sie benötigen auch andere Quellen zur Generierung von Informationen. Somit wird neben dem  Einsatz des Computers, als das wohl wichtigste Kommunikationsmedium der Händler, die Frage nach anderen Möglichkeiten der Kommunikation ein kritischer Faktor werden.

Die Händler sind in einem großen Raum untergebracht. Solche Großraumbüros sind vielen zumindest aus amerikanischen Filmen bekannt: der Großteil der Mitarbeiter arbeitet oft in kleinen Kojen, die durch flexibel veränderbare, nicht allzu hohe Stellwände abgegrenzt sind. Die Vorgesetzten arbeiten in  Büros, die sich meist an den Rändern des Großraumes befinden und über Fenster verfügen. Die Eckbüros sind besonders groß und verfügen über mehrere Blickrichtungen. Sie sind üblicherweise den Repräsentanten der höheren Hierarchieebene vorbehalten.

Ein neues Design

Bei den untersuchten Händlern wurde das Prinzip umgewandelt. Die Händler sind ebenfalls in einem einzelnen großen Raum („trading room“) untergebracht, sie sitzen jedoch nicht in Einzelkojen, sondern sind sogenannten „Handelstischen“ („trading desks“) zugeteilt. Ein solcher Tisch ist um ein bestimmtes Produkt organisiert. Bei der Sitzordnung der Mitarbeiter wird bewusst auf hohe Diversität der Funktionen geachtet. So kann beispielsweise ein Händler unmittelbar neben einem Programmierer sitzen. Die räumliche Trennung zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten ist aufgehoben: die Chefs sitzen eher zentral platziert und versuchen mögliche Behinderungen von ihren Mitarbeitern fern zu halten.

Üblicherweise bedient jeder Mitarbeiter einen oder mehrere Bildschirme, über die permanent unterschiedliche Daten ausgewählt und verknüpft werden müssen. Die Bildschirme sind so positioniert, dass jeder Benutzer relativ leichte Sicht auf die andere Kollegen hat ohne aufstehen oder sich strecken zu müssen. Jeder kann so jeden leicht erreichen – selbst wenn es sich lediglich um Blickkontakte handelt. Dadurch sollen unnötige Barrieren für den Fluss von Informationen zwischen den Mitarbeitern möglichst vermieden werden. Man kann relativ rasch mit anderen kommunizieren bzw. deren Kommunikationen untereinander verfolgen. Natürlich kann es durchaus mal unruhig und laut werden, aber selbst solche Situationen liefern wichtige Informationen für die Trader und ungewöhnliche Ereignisse können unmittelbar wahrgenommen werden. Digitale Daten werden um analoge Informationen ergänzt.

Ein lernendes System wird etabliert.

Die verschiedenen Tische bearbeiten nicht nur unterschiedliche Märkte, sondern verwenden auch andere Formeln und Entscheidungsprinzipien. Da manche „Deals“ über Märkte hinweg durchgeführt werden, ist es wichtig, dass die Akteure viele unterschiedliche, manchmal auch sich widersprechende Informationen in ihren Entscheidungen einfließen lassen können.

Stark und Beunza erwähnen auch ein sehr wichtiges Rotationsprinzip: Am Tisch (d.h. im Team) wird in kurzen Abständen physisch gewechselt. Zwischen den Tischen wechseln einzelne Mitarbeiter nach einer längeren Tätigkeit. Dieses System der „Job Rotation“ hat den Vorteil, dass diverse Bewertungsprinzipien zwischen den Tischen ausgetauscht und ergänzt werden und somit voneinander gelernt wird. Darüber hinaus können Erfahrungen und unterschiedliche Sichtweisen produktiv genutzt werden. Mitunter werden auf diese Weise Lösungen für bisher unbekannte Problemstellungen relativ leicht gefunden.

Anhand dieser Beispiele wird sichtbar, wie sehr das Design der Arbeitsprozesse in der digitalisierten Geschäftswelt zu einem wichtigen Kriterium wird. Die Gestaltung räumlicher Gegebenheiten wirkt auf die soziale Dimension der Kommunikation und hilft so die Verkürzungen auf sachlicher und zeitlicher Dimension der Kommunikation auszugleichen. Die analoge Kommunikation ergänzt somit die digitale Kommunikation. Hier ist übrigens ein Schlüssel zur Attraktivität der zahlreichen neuen Ansätzen zu finden, die zur Zeit in Organisationen diskutiert und probiert werden (Laloux 2015).

Zur Nachlese:

  • Stark, D. (2009): „The Sense of Dissonance. Accounts of Worth in Economic Life“. Princeton und Oxford: Princeton University Press.
  • Laloux, F. (2015): „Reinventing Organizations. Ein Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit“, München: Wahlen Verlag.

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


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