Die dunkle Seite des Engagements


Ein Gespräch mit Bernd Wahler über Leidenschaft und Wandel in der Bundesliga

In seiner Karriere hat Bernd Wahler sowohl die Wirtschaftswelt als auch den Spitzensport intensiv kennengelernt. Er war u. a. langjähriger Markenchef von adidas und hatte als Präsident des VfB Stuttgart tiefen Einblick in den Bundesligaverein. Unser Redakteur Prof. Dr. Heiko Roehl hat mit ihm über seine Erfahrungen aus beiden Welten gesprochen.

ZOE: Herr Wahler, Sie waren sowohl im Profisport als auch in der Industrie in Spitzenpositionen. Was ist für Sie der wichtigste Unterschied zwischen Wirtschaft und Sport?

Wahler: Vereinfacht gesagt: Meine Aufgabe als Chief Marketing Officer bei adidas war es, alles zu emotionalisieren, Produkten und Organisation Leidenschaft zu geben. Im Profisport ging es um das genaue Gegenteil: Organisation und Marke mussten ständig vor einer falschen Emotionalisierung geschützt werden.

ZOE: Was bedeutet das?

Wahler: Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Wir hatten bei adidas eine neue Organisation aufgebaut, die als Kerngeschäft Produkte wie Bälle, Schienbeinschützer und Taschen entwickelte. Dort gab es einen Kollegen, der hat die Taschen so präsentiert, dass alle Tränen in den Augen hatten. Das war unglaublich emotional. Er hatte es geschafft, eine Tasche so zu emotionalisieren, dass alle spürten, dass hier ein absoluter Traum in Erfüllung geht. Unglaublich.
Im Profifußball hingegen sind es genau diese Art von Emotionen, die für die Führung und Steuerung eines Vereins eben auch schädlich sein können. Ich habe noch nie einen Fußballverein erlebt, in dem alle bei einer Niederlage sagen: «Hey, nicht so schlimm, wir wissen wohin wir wollen, weiter geht’s!». Fußball ist nicht nur für die Fans hochemotional, sondern für alle, auch für die Mannschaft hinter der Mannschaft. Und wenn dann nach einer Serie von Niederlagen die Stimmung im Management in Mitleidenschaft gezogen wird, ist das ein Problem.

ZOE: Gibt es heute einen Verein, der das richtig macht?

Wahler: Schwierige Frage. Barcelona kommt dem sehr nahe in vielen Belangen. Ich arbeite mit deren «Innovation Hub» zusammen. Die haben es wirklich geschafft, dass die Unternehmenskultur einen Einfluss hat auf das, was auf dem Platz passiert. So sollte es sein. Bei den meisten Vereinen ist es anders herum: Das, was auf dem Platz passiert, verändert die Arbeit in der nächsten Woche so kolossal, dass es einfach nicht professionell ist.

ZOE: Wie sind Sie selbst mit diesem Thema umgegangen?

Wahler: Mich ärgert es, dass ich das nicht durchweg hingekriegt habe.

ZOE: Was hat Ihnen geholfen, Niederlagen im Profisport nicht persönlich zu nehmen?

Wahler: Das ist nicht immer einfach. Sie werden nach jedem Spiel interviewt, TV Rundfunk, Netz. Sie sitzen in der Loge, Ihre Sponsoren stehen um Sie herum und bemitleiden Sie. «In deiner Haut möchte ich nicht stecken. Jetzt musst du auch noch zum Fernsehen.» Je betroffener ich war, umso mehr Mitleid bekam ich. Andererseits denke ich, dass es mir häufig gelungen ist, die Sonntage so zu nutzen, dass ich am Montag wieder alle motivieren konnte. Für mich ist heute die Frage: Welche Mechanismen habe ich, welche Vorbilder, was kann ich nutzen, um in der Niederlage zu lernen, positiv rauszugehen und meinen Job zu machen.

ZOE: Und wie hat das dann am Montagmorgen funktioniert?

Wahler: Man besinnt sich auf das Leitbild und die Werte, und wie wir diese leben wollen. Das kann man gezielt nutzen, um mit Niederlagen umzugehen und daraus zu lernen. Das war enorm schwierig, weil eine Niederlage ein emotionaler Killer ist. Sie stellt am Montag alles auf Minus. Das heißt, einige Mitarbeiter kommen ins Büro und brauchen erst einmal eine Stunde, um überhaupt auf Null zu kommen. Eine harte Führungsaufgabe. Speziell wenn es eine Niederlagenserie gibt, setzt sich das wie Mehltau auf die Gemüter vieler Mitarbeiter.

ZOE: Kann man unter solchen Umständen Veränderungsprozesse gestalten?

Wahler: Ich glaube schon. Wandel findet auch außerhalb der Vereine kontinuierlich und ständig statt. Die Gesellschaft, der Fußball, alles ist mitten in einem fundamentalen Umbruch. Ich bin ein Mensch, der zwischen stabilen und variablen Faktoren unterscheidet. Die unveränderlichen Anker, das sind die Werte, das Bild vom Großen Ganzen und das Verstehen. Die Variablen werden uns von der sich verändernden Welt vorgegeben, denen müssen wir uns anpassen.
Nehmen Sie als Beispiel das Thema Kommunikation. Ja, die richtige Ansprache ist wichtig, Ja, wir sollten alle irgendwie auf die Reise mitnehmen. Es muss absolut und immer kommuniziert werden. Aber: Unterschätzen Sie nicht, wie viel Stress Kommunikation heute bedeutet! Es ist einfach die Frage, wann kann ich was wie machen? Wir nutzen heute etwa die digitalen Medien nicht geschickt genug, um die Leute genau da abzuholen, wo sie stehen. Es geht darum, immer wieder zu zeigen, dass wir entweder auf dem richtigen Weg sind oder aber Fehler gemacht haben. Das schafft dann Verständnis dafür, dass wir etwas ändern müssen.

ZOE: Hilft die Unternehmenskultur im Verein dabei?

Wahler: Kaum. Ich erlebe die Kultur in vielen Sportorganisationen immer noch als Heldenkulturen. Statt wirklich auf die Hintergründe von Erfolg und Scheitern zu schauen, also wirklich gemeinsam zu lernen, wird bei Schwierigkeiten schnell nach neuen Helden gesucht. Ich weiß noch, was passierte, als ich in einer Vorstandssitzung Fragen stellte und um Unterstützung bat – weil ich es aus der Industrie und modernen demokratischen Unternehmen so gewohnt war.

ZOE: Der Held stellt Fragen…

Wahler: Ja, die dachten, der spinnt. Wie kannst du Fragen stellen? Das geht nicht. Der Chef macht nur Ansagen…

[…]

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ZOE Ausgabe 3/18
Bei diesem Text handelt es sich um einen Beitrag aus der aktuellen Ausgabe 3 der ZOE, woraus wir Ihnen hier exklusiv einen Auszug zur Verfügung stellen.
Hier geht es zum vollständigen kostenlosen Originalbeitrag.


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