Die Gefahr der Sub-Gruppe


Gruppenteilung ist nicht immer sinnvoll

Im Rahmen gruppendynamischer Trainings lassen sich immer wieder besonders interessante Erkenntnisse über die Arbeit in kleineren Einheiten (wie zum Beispiel Teams) gewinnen. Eine davon möchte ich heute untersuchen und der Frage nachgehen, was den Zusammenhalt einer Gruppe behindert.

Voraussetzungsvolle Anforderungen

In der sogenannten Trainingsgruppe bzw. T-Gruppe kommen üblicherweise Menschen zusammen, die sich relativ wenig bzw. überhaupt nicht kennen. Üblicherweise gestalten Trainer im Vorfeld den Ablauf und die Inhalte eines Seminars, d.h. sie hat einen klaren Plan, bzw. erstellen ein Seminardesign. In einem Gruppendynamik-Seminar ist das anders, denn das Thema lautet „die Gruppe und ihre Dynamiken“, daher fokussieren sich die Trainerinnen bei ihren Beiträgen konsequent auf alles, was die Gruppe und ihre Prozesse betrifft. Alles andere Inhaltliche, wie zum Beispiel was thematisiert oder wie entschieden wird, muss die Gruppe selbst klären.

Diese Ausgangssituation ist für die Teilnehmenden ziemlich voraussetzungsvoll. Zu Beginn werden Fragen nach Absichten, Zielen, Erwartungen, mitunter (aber selten) Befürchtungen explizit ausgetauscht. Nach ersten lebhaften und zügig ablaufenden Beiträgen kehrt oft Stille ein, denn nun stellt sich die nächste Frage: Womit beschäftigen wir uns weiter?

Die Enttäuschung durch die Leitung

Jeder verzweifelte Versuch ein Thema zu finden oder sich zumindest auf einen Ablauf zu einigen führt zu Ratlosigkeit, die nicht selten in Ärger (mitunter auf die unverantwortliche Trainerin) oder Verzweiflung endet. Um solche Reaktionen zu vermeiden, werden in der Praxis der Teamarbeit üblicherweise Moderationsmethoden, klare Vorgehensweisen, Verantwortliche, etc. definiert. Das bedeutet: man akzeptiert das vorgegebene Vorgehen. Man könnte sogar sagen, dass man sich diesem Vorgehen auch „unterwirft“.

Wer einen Vorschlag macht, muss diesen wohl gut begründen können und sobald jemand den Ablauf leitet (nichts anderes ist eben „Moderation“) übernimmt diese Person eine führende, manchmal auch beeinflussende Funktion. Man ist in der Lage bestimmte Themen zu akzeptieren und zu befördern und gleichzeitig auch andere Themen zu ignorieren. Wer in einer moderierenden Funktion aktiv wird, ist gleichzeitig in einer leitenden Funktion, d.h. die Beziehung zwischen Moderatorin und Team ist ungleich, d.h. „asymmetrisch“.

Im gruppendynamischen Setting steht der Gleichheitsgedanke besonders im Vordergrund, anderen Worten es herrscht „Symmetrie“ zwischen den Teilnehmenden. Jede Teilnehmerin hat die gleichen Rechte und Pflichten wie die anderen, keine ist in einer besonderen, exponierten Position – und meistens versuchen die Teammitglieder auch keine exponierte Position einzunehmen. Daher wirkt übrigens auch die Zurückhaltung der Trainerin immer besonders irritierend – aber sie hält sich eben an die Grundidee, dass der Prozess von der Gruppe gestaltet wird. Mit dem „Preis“, dass die Trainerin die Gruppe enttäuscht.

Der Umgang mit Unsicherheit

Alles ist möglich, denn es ist nicht wirklich klar, ob ein Beitrag von den anderen Teilnehmenden aufgenommen oder ignoriert wird. Dadurch entsteht in der Gruppe ein hohes Maß an Unsicherheit, das die Teilnehmenden versuchen zu verringern. Vor kurzem konnte eine interessante Reaktion auf das Problem der Unsicherheit in der Gruppe beobachtet werden: man teilte sich in kleinere Einheiten auf, denn dort war man mehr unter sich und die Wahrscheinlichkeit, dass die eigenen Beiträge leichter angenommen werden wird als höher wahrgenommen. Frohen Mutes vereinbarte die Gruppe eine eher grob gehaltene Aufgabenstellung und eine genaue Zeitvorgabe.

Eine Paradoxie wird erkennbar

Als alle im Anschluss wieder zusammen waren, stellte sich heraus, dass die Sub-Gruppen die Aufgabenstellung unterschiedlich interpretiert und entsprechend unterschiedliche Ergebnisse produziert hatten. Darüber hinaus wurde klar, dass die Aufteilung in Sub-Gruppen von einzelnen als unverständlich und nicht sinnvoll bewertete wurde, was sich teilweise auch auf die Qualität der Prozesse auswirkte. Sie machten lediglich mit, um der Gruppe „ein gutes Gefühl“ zu geben und keine weiteren Probleme zu verursachen – d.h. die Unsicherheit reduzieren.

Was war geschehen? Die Aufteilung in kleinere Einheiten könnte damit begründet werden, dass als einzelne Teilnehmerin dadurch Sicherheit im Umgang mit anderen zu gewinnen. Jedoch führt die auf solche Art gewonnene (individuelle) Sicherheit paradoxerweise dazu, dass man keine Sicherheit in der gesamten Gruppe hat, denn diese wird ja nicht als „eine Gruppe“ wahrgenommen.

 

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


Top