Die Hilfe zur Selbsthilfe


Beratung: konkrete Vorschläge oder Selbsthilfe anregen?

Wie geht man mit der eigenen fachlichen Expertise um? Darf man als Berater konkret sagen, was Sache ist? Muss man sein Fachwissen zugunsten der allseits geforderten „Hilfe zur Selbsthilfe“ zurückhalten? Solche Fragen hört man oft von jenen, die neu in das Beratungsgewerbe einsteigen. Sie scheinen irritiert darüber zu sein, was „erlaubt“ ist und was nicht.

Wer ein Problem hat sucht eine Lösung

Hinter einem Beratungsauftrag liegt der Wunsch, ein bestimmtes Defizit abzudecken. Dieses Defizit kann sich auf Wissen oder Kenntnisse unter anderem über Inhalte, Vorgehensweisen, Methoden oder Sichtweisen beziehen. Wer einen Berater holt, will ein Problem gelöst wissen. Am Ende soll ein bestimmter Zustand hergestellt worden sein, für den man einen Lösungsweg sucht. Wie dieser Lösungsweg gefunden wird, ist im Wesentlichen durch die von den jeweiligen Beratern vertretene Philosophie geprägt.

Man könnte dabei zwei Gegenpole unterscheiden: auf der einen Seite wären jene Berater zu finden, die ihren Kunden sehr klar und eindeutig erklären was und wie etwas zu tun ist. Das heißt, sie entscheiden über Inhalte und den Weg, wie diese Inhalte umgesetzt werden: „Sie sollten ein umfassendes Qualitätsmanagement-System einführen und wir haben die Expertise dafür “.

Die typische Aufgabe von Fachberatern ist es konkrete Lösungen für Probleme zu finden und bei deren Umsetzung zu unterstützen. Bei ihrem Vorgehen ist in erster Linie die Sachebene im Vordergrund: Was genau ist in welcher Reihenfolge zu tun? Welche Handlungen müssen gesetzt werden? Welche Änderungen werden erforderlich? Wie geht man dabei vor?

Fachliche vs. soziale Fragestellungen

Den anderen Gegenpol repräsentieren jene Berater, die sich bezüglich der Inhalte vollkommen zurückhalten. Sie überlassen ihren Klienten die Entscheidungen und begleiten diese auf dem Weg dahin. Man steht mit Rat und Tat für die Umsetzung zur Verfügung: „Die Mitarbeiter sollten besonders sorgsam auf die Qualität ihrer Produkte achten. Wir können Ihnen bei dabei behilflich sein, dass dieses ‚Mindset’ von allen verstanden und akzeptiert wird.

Typischerweise klammern solche „Prozessberater“ fachliche Fragen eher aus und fokussieren auf Fragen wie beispielsweise: Wie können die Betroffenen die Umsetzung akzeptieren? Wie bewältigen Mitarbeiter Änderungen, die gravierende Auswirkungen auf deren Rolle oder Tätigkeiten haben? Welche Widerstände treten auf?

Die eigenen Kräfte zu mobilisieren und sich selbst aus einer problematischen Situation zu helfen, klingt ziemlich schlüssig: Die Klienten kennen ihre Organisation besonders gut, auf jeden Fall besser als jede von extern kommende Beratung. Wenn sie Verantwortung dafür übernehmen, wie ihre Organisation verändert wird, können sie den Erfolg des Vorhabens daher auch besser sicherstellen, als jeder externe Berater. Zusätzlich behält die Organisation ihre Autonomie und bleibt unabhängig.

Grenzen überschreiten

Diese sehr klare Unterscheidung führt oft dazu, dass Berater fatalerweise wichtige Komponenten ausblenden. So übersehen Fachberater Fragestellungen, welche die Sozialdimension betreffen und wundern sich über Widerstände und Ängste. Für Prozessberater können ebenso sonderbare Situationen eintreten: Eine Organisation sucht erfolglos nach einer Lösung für ein schwerwiegendes Problem. Die Berater erkennen aufgrund ihrer Vorerfahrung, was zu tun wäre, vermeiden es jedoch konkrete fachliche Vorschläge zu machen (Sachdimension), um dem Kunden „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu bieten und eine distanzierte Position zur Fragestellung einzunehmen.

Beide Dimensionen hängen voneinander ab und sollten gleichermaßen berücksichtigt werden. Natürlich muss der Kunde ein größeres Anliegen für die Umsetzung seiner Vorhaben zeigen. Und natürlich sollte der Berater eine entsprechende Distanz einnehmen können. Nur dann gelingt es ihm, eine kritische Sichtweise einzubringen, die hilfreich sein könnte. Dennoch spricht auch nichts dagegen, wenn Berater inhaltliche Vorschläge machen oder fachliche Expertise einbringen.

Aus diesen Überlegungen betrachtet scheint die Trennung zwischen ausschließlicher Fachberatung oder Prozessberatung weder sinnvoll noch nützlich. Berater sollten beide Seiten abdecken können.

 

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


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