Die nächste Gesellschaft


Neues Kommunikationsmedium - neue Gesellschaft | (c) danamedia/fotolia

Organisationsbeobachter stellen nicht nur bei der Lektüre der letzten Kolumnen fest, dass wir alle als Mitglieder dieser Gesellschaft einen umfassenden Wandel erleben. Einmal mehr bestätigt sich der Einfluss von Kommunikationsmedien auf gesellschaftliche Veränderungen (Luhmann 1998). Der aktuelle Prozess ist nicht neu und hat sich schon einige Jahrzehnte angekündigt. Allerdings bringt die Vielzahl an Innovationen, die in den letzten Jahren in den verschiedensten Funktionssystemen stattgefunden haben, die Gesellschaft unter großen Veränderungsdruck. Diese „nächste Gesellschaft“ (Baecker 2007) bleibt auch in Organisationen nicht ohne Auswirkungen.

Der Einfluss von Kommunikationsmedien

Ein kurzer historischer Rückblick bietet eine interessante Sicht auf die aktuelle Situation. Über lange Zeit (von der Antike bis in späte Mittelalter) war mit der Erfindung der Schrift zwar die Weitergabe von Informationen und Wissen an andere und auch für spätere Zeiten möglich. Allerdings war nicht jeder in der Lage die Fertigkeiten des Schreibens und des Lesens zu erlernen, daher war diese Kulturtechnik einer relativ kleinen Anzahl von Menschen vorbehalten. Die breite Bevölkerung war lange Zeit weiterhin von der Praxis der mündlichen Überlieferung abhängig.

Mit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg (1450) änderte sich dies. Immerhin konnten Schriften erstmals nicht nur rascher erzeugt, sondern auch größeren Empfängerkreisen leichter zugänglich gemacht werden. Natürlich dauerte es einige Zeit, bis sich dieses neue Kommunikationsmedium entwickelte und verbreitete. Mit der Einführung von Schulen (bzw. der Schulpflicht) und der Verbesserung der Produktionstechniken (Druckmaschinen etc.) konnten immer mehr Menschen von gedruckter Information Gebrauch machen. Von Luthers Thesen in Wittenberg über rasch verbreitete Flugblätter bis hin zu Zeitungen und Büchern: der Buchdruck hatte enorme Auswirkungen auf gesellschaftliche Entwicklungen.

Ein weiterer signifikanter Entwicklungsschritt stellte die Erfindung des Computers dar. Erste Schritte wurden bereits im 18. Jahrhundert mit mechanischen Rechenmaschinen gemacht. Mit dem Bau des ersten Computers namens „Mailüfterl“ im Jahr 1955 wurde ein wesentlicher Schritt in der Technologisierung der Gesellschaft gemacht (vgl. Zemanek 2001). Zwar waren die technischen Gerätschaften zunächst eher großen Organisationen und Behörden vorbehalten, aber die ersten am Schreibtisch aufgestellten Computer (in den 1970er Jahren), die Erfindung der E-Mail 20 Jahre später durch Ray Tomlinson und schließlich die Möglichkeit der Verwendung des Internets (der Erfinder war übrigens Tim Berners-Lee) vor der Jahrtausendwende, markierten wichtige Eckpfeiler für die Verbreitung der Kommunikation über Computer. Mittlerweile kann man die meisten Funktionen, für die man einen „Personal Computer“ benötigte, auch am Mobiltelefon („Smartphone“) erledigen.

Will man über eine bestimmte Fragestellung etwas Wissen, dann muss man nicht mehr die Bibliothek oder ein bestimmtes Nachschlagwerk bemühen, sondern kann sich einfach und rasch über diverse Suchfunktionen klug machen. Zeitliche und räumliche Grenzen können relativ einfach und problemlos überwunden werden: wer über seinen aktuellen Aufenthaltsort berichten („Hier bin ich auf Urlaub!“), oder seine eigenen Befindlichkeiten („Juhu, ich werde Vater!“) veröffentlichen will, kann dies ebenso rasch erledigen, wie einen geschäftliche Besprechung durchführen. Kommunikation geht rascher und einfacher als je zuvor.

… auf die Gesellschaft

Und diese Entwicklungen haben Auswirkungen auf die Gesellschaft, auf Organisationen – und schließlich auch auf Führung. Kunden, Lieferanten. Aber auch potenzielle neue Mitarbeiter informieren sich über die Organisationen im Internet. Immer wichtiger werden Geschichten, die man über Unternehmen im Internet zu lesen bekommt. Kritische Beiträge ziehen oft größere Kreise als positive Selbstdarstellungen. Mittlerweile (aber überraschend spät) sind einige Organisationen dazu übergegangen ihre Auftritte im Internet zu professionalisieren. PR-Arbeit ist nicht mehr nur auf Zeitungsartikel und TV-Auftritte reduziert.

Soziale Medien (beispielswese Facebook, Twitter, Linkedin, etc.) werden von Kunden, Lieferanten oder Mitarbeitern als Möglichkeit genutzt, ihrer Unzufriedenheit ein Ventil zu geben. Viele Praktikanten veröffentlichen ihre Erfahrungen mit dem Unternehmen auf eigenen Diskussionsplattformen. Zweifelhafte Geschäftstätigkeiten (sh. Wikileaks) oder unpassende Umgangsformen (sh. die MeToo-Bewegungen) gelangen besonders rasch an ein fast schon grenzenloses Zielpublikum. Handlungen von Führungskräften werden nicht nur besonders beobachtet, sondern permanent thematisiert, dokumentiert und bewertet. Führung gerät somit auch unter besonderem Druck und diese neueTransparenz stellt nicht nur die Funktionalität von Autorität in Frage (Pörksen 2018), sondern kann sich auch auf die gesamte Organisation negativ auswirken.

Anhand dieser (verkürzt dargestellten) Entwicklungen ist erkennbar, dass es in erster Linie nicht nur eine Frage des Generationenwechsels ist, der für Organisationen (und somit auch für jene, die mit Führung in Organisationen betraut sind) von großer Wichtigkeit wird. Zweifellos gehen „Millenials“ und Nexters unbekümmerter und vorbehaltloser mit den neuen Kommunikationsmedien um. Dennoch scheint es besonders wichtig zu werden, die organisatorischen Praktiken (Prozesse, Zuständigkeiten, etc.) sowie die üblichen Handlungen (wie beispielsweise Führungspraktiken) im Zusammenhang mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen regelmäßig zu reflektieren, zu hinterfragen und gegebenenfalls anzupassen.

Noch ist es für viele nicht zu spät, aber viel Zeit wird wohl nicht mehr bleiben…

 

Zur Nachlese:

  • Luhmann, Niklas (1998): „Die Gesellschaft der Gesellschaft“, 2 Bände, Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag.
  • Baecker, D. (2007): „Studien zur nächsten Gesellschaft“, Frankfurt/Main: Suhrkamp.
  • Zemanek, Heinz (2001): „Vom Mailüfterl zum Internet. Geschichte, Perspektiven und Kritik der Informationstechnik“, Wien: Picus Verlag.
  • Pörksen, B. (2018): „Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung “, München: Carl Hansa Verlag.

 

 

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail:Krejci@simon-weber.de)


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