Die T-Gruppe – eine ideales Lernformat für aktuelle Problemstellungen


Die Arbeit "im Hier uns Jetzt" | © Rawpixel.com/fotolia.com

Man sitzt in einem Stuhlkreis mit 10 unbekannten Personen und alles was man weiß, sind zwei Dinge : dieVorgabe, dass es in den nächsten 6 Tagen um die Entstehung einer Gruppe gehen soll und die Ankündigung, dass man dabei diverse Dynamiken beobachten kann. An die Beteiligten ergeht der Auftrag, an diesem Prozess teilzuhaben und gleichzeitig die dabei entstehenden Dynamiken zu beobachten. Eingeweihte wissen: es handelt sich um ein Gruppendynamikseminar.

Jene, die so ein Training noch nicht besucht haben, würden verwundert fragen, was das denn bringen soll. Dabei ist dieses Lernformat aktueller als man denkt.

Kurzer Blick zurück auf die Entstehung

Tatsächlich blickt die gruppendynamische Trainingsgruppe (kurz „T-Gruppe“ genannt) auf eine sehr lange Tradition zurück, die eigentlich ein Zufallsprodukt war: die Trainer einer großangelegten, auf mehrere Seminargruppen aufgeteilten Veranstaltung trafen sich abends nach den inhaltlichen Trainingseinheiten in einem Raum und besprachen ihre Erfahrungen in und mit den jeweiligen Gruppen. Einige Teilnehmer gingen vorbei und hörten durch eine geöffnete Tür wie sich ihre Leiter über ihre Aktivitäten unterhielten. Sie begannen, deren Beobachtungen zu bestätigen, zu korrigieren und eigene Sichtweisen einzubringen. In einem ersten Reflex wollte die Trainergruppe die Tür schließen und unter sich bleiben.

Der Leiter des Gesamtveranstaltung, Kurt Lewin, hielt diese Konstellation jedoch für ein interessantes Experiment und lud die Teilnehmer aktiv dazu ein ihre Sichtweisen einzubringen. Das Ergebnis führte zu neuen Erkenntnissen und alle Beteiligten merkten, dass dies einen anderen Blick auf das gemeinsame Lernen ermöglichte. Nunmehr waren nicht mehr allein die bearbeiteten Inhalte Kern des Lernens, sondern die im Zuge des Arbeitsprozesses entstehenden Beobachtungen rückten mehr und mehr in den Vordergrund. Soweit der Gründungsmythos, der rund um die Entstehung von Gruppendynamik-Seminaren erzählt wird.

Das besondere Lernen

Dauerte früher eine solche Trainingsgruppe bis zu 14 Tage, so wurde das Lernformat in den letzten Jahrzehnten ein wenig an die Zeit angepasst. An den sozialen Rahmenbedingungen hat sich jedoch weit weniger geändert: nach wie vor ist die T-Gruppe eine sogenannte „Stranger Group“. Sie setzt sich idealerweise aus mehreren Menschen zusammen, die keine gemeinsame Vergangenheit und keine beabsichtigen zukünftigen Kooperationen haben. Die größtmögliche Unbekanntheit soll helfen im „Hier und Jetzt“ zu arbeiten. Man kann unbelastet von gemeinsamen Erfahrungen einen Prozess starten, der geprägt ist von der Beobachtung diverser Phänomene.

In einem solchen Lernsetting lernt man auf zwei Ebenen: einerseits beobachtet man die anderen bei ihren Aktivitäten und man beobachtet sich selbst bei seinen eigenen Handlungen und Wahrnehmungen.

Die Beobachtung der anderen

Wenn man mit den Personen, die sich im gleichen Raum befinden, in direkte Interaktion eintritt und diese verbal oder non-verbal darauf reagieren, entsteht Kommunikation. Je nachdem, ob diese Kommunikation für die anderen ebenfalls Grund genug darstellt darauf zu reagieren, entsteht Kommunikation unter Anwesenden. Läuft ein solches Wechselspiel mehrmals in ähnlichen Bahnen ab, können „Muster“ entstehen, die diverse Phänomene erklären helfen: Immer wenn Rudi ein Thema vorschlägt, wird er dabei von Andrea unterstützt. Sobald Michael eine Idee einbringt, reagiert niemand darauf. Formuliert Eva eine Sorge, versuchen alle, diese zu zerstreuen.

Solche Muster stellen im Berufsleben kein Neuland dar, werden aber selten aktiv thematisiert. Entweder hat man zu wenig Zeit dafür, oder man befürchtet, es sich mit den Kollegen zu verscherzen. Immerhin begegnet man sich in der nächsten Sitzung sicherlich wieder und da man es sich oft nicht unnötig schwer machen will, arrangiert man sich so gut es geht. Und überhaupt konzentriert man sich in der Teamarbeit mehr auf Inhaltliches, nämlich die Erreichung von Zielen bzw. die Bearbeitung bestimmter Aufgabenstellungen. Die dabei beobachteten (manchmal auch behindernden oder unmöglich machenden) Phänomene werden selten thematisiert.

In der Trainingsgruppe hingegen ist es möglich bestimmte Beobachtungen und Wahrnehmungen zu thematisieren. Im geschützten Rahmen einer solchen „Stranger Group“ muss man nicht auf zukünftiges Wohlverhalten bauen. Man kann mehr oder weniger unbeschwert aus der Beobachtung eines einzigartigen Gruppenprozesses lernen wie ein soziales System „funktioniert“.

Die Selbstbeobachtung

Die andere Ebene der Beobachtung ist die der eigenen Aktivitäten und Reaktionen auf bestimmtes Verhalten. Man erkennt was einen selbst beruhigt und bestätigt, aber auch was einen selbst irritiert und verwirrt. Man beobachtet sich dabei, wie man wirksam wird oder welche Handlungen ohne Reaktion durch andere „verpuffen“ – und in Folge wie man selbst darauf reagiert. Man erhält von anderen subtil oder direkt Rückmeldungen auf das eigene Verhalten, kann es dadurch selbst hinterfragen oder sich bestätigt fühlen. Ich bin jetzt ziemlich verärgert, denn ich habe dreimal versucht, ein mir wichtiges Thema einzubringen, aber keiner reagiert darauf. Wie kann ich hier so wirksam sein wie in meiner Führungsfunktion? In meinem Berufsleben erfahre ich weitaus mehr Beachtung als hier – woran liegt das?

All dies ist Gegenstand von persönlichen Erkenntnisprozessen, die im Zuge von Selbstreflexion erfolgen.

Die Kombination der Lernebenen

Das Wechselspiel zwischen der Beobachtung des Prozesses und der Beobachtung des eigenen Wahrnehmens und Bewertens sind Gegenstand eines gruppendynamischen Seminars. Es schärft den Blick auf beide Systemreferenzen, nämlich jenen auf ein soziales Gebilde und gleichzeitig jenen auf das Selbst. Gezielt eingesetzt wirkt ein solches Seminar besonders gut für all jene, die beruflich viel mit Gruppen und Teams zu tun haben.

Besonders hilfreich scheint die gruppendynamische Erfahrung für Berater und Trainer zu sein, denn sie bemerken sehr rasch, wie ihr eigenes Verhalten auf den Gruppenprozess wirkt und umgekehrt. Neue Führungskräfte können auf ihre Rolle vorbereitet werden. Erfahrene Führungskräfte haben die Gelegenheit ihr Führungsverhalten zu reflektieren. Uns schließlich scheint die Trainingsgruppe jene Kompetenzen zu stärken, die in der heutigen Teamarbeit für alle Beteiligten besonders wichtig sind: Partizipation, Selbststeuerung, Umgang mit Vertrauen, etc.

Mehr davon nächste Woche …

 

Zur Nachlese:

  • Königswieser, R., Wimmer, R., Simon, F.B. (2013): „Back tot he Roots“, Zeitschrift für OrganisationsEntwicklung Nr. 1/2013.

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


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