Die umgekehrte Logik


Daten suchen Fragen

„Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“ Der Spruch des französischen Schriftstellers, Malers und Grafikers Francis Picabia passt zu den Herausforderungen, welchen sich die „nächste Organisation“ (Baecker 2007) stellen muss. Ein Gespräch mit einem für die Umsetzung der Digitalisierungsstrategie in seinem Unternehmen verantwortlichen Manager führt zur Erkenntnis, dass sich die Sachverhalte signifikant verändert haben und dass man lernen muss „umzudenken“. Viele bewährte Lösungen müssen in Zukunft anders gedacht werden und manchmal hilft es sogar, sich darüber klar zu werden, dass man beim Denken auch die Richtung wechseln könnte.

Die gute alte Zeit: viele Fragen, lange Antwortswege

Es ist noch nicht allzu lange her, da stellten IT-Abteilungen den eigentlichen Engpass im produktiven Arbeiten von Organisationen dar. Benötigte man eine bestimmte Auswertung, so mussten Programmierarbeiten vorgenommen werden, die auf klaren Vorgaben der Fachabteilungen basierten. In manchen Fällen standen die erforderlichen Daten entweder nicht oder nur unzureichend zur Verfügung, sodass diese mühsam und aufwändig erhoben und in den Datenbeständen erfasst werden mussten. Es verging somit einige Zeit bis man endlich seine Auswertung in der gewünschten Qualität vor sich liegen hatte und damit wichtige Entscheidungsgrundlagen berücksichtigen konnte.

Auf den Punkt gebracht könnte man zusammenfassen, dass man Fragen hatte, für die man entsprechende Daten generieren und Lösungen programmieren musste. Ein relativ aufwändiger Vorgang, der nicht selten in Form umfassender Projektarbeit mündete. Mittlerweile hat sich jedoch einiges geändert, nicht nur bei der Art der Programmierung, sondern auch bei der Frage nach den Daten.

Heute: Umfangreiches Datenmaterial

Viele technologische Entwicklungen führten dazu, dass über die letzten Jahre mit relativ einfachen Mitteln umfangreiche Daten gesammelt wurden. Beispielsweise wurden im Online-Handel detaillierte Daten zum Verhalten von Kunden erzeugt: Zu welchen Zeiten kaufen die Kunden ein? Reagieren Kunden direkt auf bestimmte Werbemaßnahmen? Welche weiteren Artikel wurden wie lange betrachtet und vielleicht auch eingekauft? Mit welchen Artikeln wird verglichen? Wie lange dauerte der Einkaufsvorgang? Solche und unzählige andere Daten über Zulieferer, Produktion, Absatzmärkte, Mitbewerber etc. können relativ einfach verknüpft werden. Es eröffnen sich somit unübersichtliche, überraschende und nicht selten widersprüchliche Möglichkeiten für Entscheidungen in Organisationen.

Hier liegt die besondere Herausforderung, der sich Organisationen vermehrt stellen müssen, denn es zeigt sich ein „Engpass des Wissens“: Die Fachabteilungen wissen oft gar nicht wie vielfältig und detailliert das verfügbare Datenmaterial ist. Anderseits fehlt ihnen die Expertise über die Möglichkeiten der Verknüpfungen, um die Daten in brauchbare Informationen umwandeln zu können. Denn erst wenn Daten einen Unterschied darstellen, „der einen Unterschied macht“ (Bateson 1981) werden brauchbare Informationen generiert.

Ging man also früher von Fragen aus, für die man Lösungen (und Daten) erzeugen musste, so könnte man mittlerweile feststellen, dass die passenden Fragen gesucht werden müssen, die mit den verfügbaren Daten beantwortet werden können. Es muss in Zukunft – im wahrsten Sinne des Wortes – der Schatz erst „gehoben“ werden.

Es hat sich einiges geändert

Die modernen Schatzsucher sind multidisziplinäre Teams: Sie sollen technisches Verständnis über Datengrundlage und Auswertungsmöglichkeiten mit der Fragestellung nach sinnvollem Einsatzzweck in den verschiedensten Abteilungen (wie Einkauf, Produktion, Marketing, Vertrieb, etc.) bündeln. Vermutlich sind dies Gründe warum Teamarbeit neuerdings besonders populär wird und agile, die Ergebnisoffenheit fördernde Methoden, so in Mode kommen.

Genau genommen werden durch Teamarbeit soziale Räume und mit agilen Methoden flexible Prozesse geschaffen, die in der Lage sind, auf komplexe Situationen rasche Antworten zu finden. Der Systemtheoretiker fühlt sich bestätigt und stellt fest, dass die Sachdimension (Daten und Auswertungen) durch besondere Berücksichtigung von Sozialdimension (Teamarbeit) und Zeitdimension (kurze Arbeitszyklen) adäquat bearbeitet wird.

Aber mit der Förderung von „agilen Teams“ alleine ist es nicht getan, denn besonders herausfordernd werden die Übersetzungsleistungen zwischen Fachabteilungen und Technikern werden. Beide Seiten brauchen ausreichend Verständnis über fachliche Fragestellungen und technische Entwicklungen. Reine Spezialisten in ihren Gebieten werden in Zukunft nur mehr noch die Minderheit darstellen. Und hier können und müssen möglichst rasch entsprechende Entwicklungsmaßnahmen geleistet werden.

 

Zur Nachlese:

  • Bateson, G. (1981): „Ökologie des Geistes“, Frankfurt/Main: Suhrkamp.
  • Baecker, D. (2007): „Studien zur nächsten Gesellschaft“, Frankfurt/Main: Suhrkamp.
  • Hug, C. und Umland A. (2016): „Francis Picabia“, Ausstellungskatalog, Kunsthaus Zürich.

 

 

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


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