Digitalisierung und Agilität als Kulturereignis?


Agilität als analoger Gegenpol zur Digitalisierung

Verfolgt man aktuelle Diskussionen, so gewinnt man den Eindruck, dass sich unsere Gesellschaft in einem Prozess signifikanter gesellschaftlicher Veränderung befindet. In den Mittelpunkt des Interesses rücken Themen die zunächst als Gegensatzpaare betrachtet werden, aber dennoch eng zusammenhängen: Digitalisierung und Agilität.

Wir wollen in den nächsten Wochen der Frage nachgehen, ob und wie dies zu betrachten ist und ob es sich nicht auch um eine Entwicklung handelt, die prägende Auswirkungen auf die Kultur unserer Gesellschaft darstellt.

Ein Blick in geschichtliche Zusammenhänge

Jede Frage nach Veränderung stellt generell auf Unterscheidungen ab. Will man untersuchen, wie sich etwas bisher verändert hat, blickt man naturgemäß auf historische Verhältnisse. Interessieren uns im Speziellen Veränderungen bei organisierten Handlungen, so fällt auf, dass diese mit gesellschaftlichen Veränderungen verknüpft sind. Um dies näher zu untersuchen, bietet sich eine Gesellschaftstheorie an, die sich zentral um Kommunikation dreht (Luhmann 1998). Ein besonders wichtiger und prägender Faktor für Kommunikation stellen die verwendeten Medien dar. Wir wollen nun generell vorgehen und die Auswirkungen der Medien Sprache, Schrift, Buchdruck und Computer im Wandel der Zeit kurz untersuchen.

Die Erfindung der Sprache ermöglichte es, dass kleine, überschaubare soziale Einheiten entstanden, die sich gut von der Außenwelt abgrenzten. Stammesgesellschaften entstanden, in denen Wissen mündlich weitergegeben und Produkte und Dienstleistungen in kleinsten Einheiten wie Familien erarbeitet und ausgetauscht wurde. Mit der Entwicklung der Schrift konnten sich erste antike Hochkulturen und feudale Herrschaften herausbilden, die ihr Wissen auf Tontafeln, Papyrus, Pergament, Papier, etc. über größere Bereiche hinaus weitergeben konnten. Wer lesen und schreiben konnte, war klar im Vorteil. Dennoch war diese Technik einem kleineren Kreis vorbehalten, denn die auf empfindlichen Medien festgehaltenen Schriften wurden an exklusiven Orten aufbewahrt, die nicht jedem zugänglich waren. Der Ort der Leistungserbringung von Gütern und Dienstleistungen war der handwerkliche Betrieb innerhalb von Städten und kleineren Regionen.

Die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg ermöglichte es, dass relativ leicht Wissen und Informationen verbreitet und archiviert werden konnte. In der als „Moderne“ bezeichneten Zeitepoche war Wissen nicht mehr nur Bibliothekaren oder Mönchen vorbehalten, sondern konnte über Flugblätter und Zeitschriften ein breites Publikum erreichen. Handwerker organisierten sich in den Städten zu Zünften und Kaufleute begannen überregional Handel zu treiben. Der Computer und in Folge das Internet ermöglichten es schließlich, dass Informationen weltweit verfügbar wurden. Waren Informationen in der Moderne noch von Autoren sorgsam ausgewählt und aufbereitet, so stehen sie heute in der „Post-Moderne“ (Lyotard 1993) allen und jedem, überall und zu jeder Zeit zur Verfügung. Sie müssen nur selbst ausgewählt und verarbeitet werden. Handel und Produktion werden verstärkt internationalisiert und schließlich ebenso globalisiert wie die Verarbeitung von Informationen.

Dieser kurze Überblick zeigt, wie stark die Entwicklung von Kommunikationsmedien nicht nur mit gesellschaftlichen Entwicklungen, sondern insbesondere auch hinsichtlich organisierter Tätigkeiten verknüpft ist. Gerade bei letzteren geht es darum, wie Kommunikation und Handlungen verknüpft sind.

Nun zum Thema Kultur

Somit ist der Schritt zum Kulturbegriff nicht weit, denn wir definieren hier Kultur als die Koordination von Bedeutungen und Handlungen innerhalb von sozialen Kontexten(Bennett 2013). Dieser sehr generelle Kulturbegriff lässt sich auf aktuell beobachtbare gesellschaftlichen Phänomene gut anwenden. Beispielsweise könnten wir argumentieren, dass durch den Einsatz neuer Medien Bedeutungen und Handlungen anders erzeugt und koordiniert werden als bisher.

Das erkennt man zunächst, daran, dass Medien neue Inhalte entstehen lassen indem beispielsweise Nachrichten auf Kurzformate kondensiert werden, „Emoticons“ Wörter und Sätze ersetzen, Sprachnachrichten versendet, Bilder und Kurzfilme komplexe Zusammenhänge erläutern sollen, etc. In vielen Fällen dienen Medien dazu einen möglichst großen Empfängerkreis zu erreichen. Oft werden auch keine Individuen als Empfänger ausgewählt, sondern man richtet sich „an die Welt“. Je nach Situation, Kontext, Nationalität, persönlicher Erwartungshaltung, etc. treten Absender und Empfänger als kritische Privatpersonen, begeisterter Mitarbeiter, besorgte Eltern oder empörte Staatsbürger auf. Ihren „Messages“ werden unterschiedliche Bedeutungen zugeordnet, die zu unterschiedlichen Handlungen führen. Dies erfordert einen anderen Umgang mit Medien.

Komplexität rückt mehr in den Mittelpunkt

Diese Art von „Entgrenzung“ bringt auch unerwartete, teilweise sogar unerwünschte Nebeneffekte mit sich. Einer davon ist die Entstehung einer Informationsmenge, die be- und verarbeitet werden muss. Auf diese Problemstellung reagieren Organisationen indem sie sich von zwei Seiten annähern: Einerseits durch die Einführung von mehr Digitalisierung, indem vieles über Algorithmen vorab gefiltert, ausgewertet und aufbereitet wird. Anderseits durch die Einführung neuer Formen der Bearbeitung und Kooperation von Aufgabenstellungen.

Algorithmen sind Handlungsanleitungen, mit deren Hilfe vordefinierte Probleme gelöst werden (Stalder 2016). Sie werden in formalisierten Sprachen verfasst und bestehen aus klar vorgegebenen Anweisungen, die im Rahmen von kontextbezogenen Abläufen definiert werden. Algorithmen sind unter anderem in der Lage große Datenvolumina in kurzer Zeit zu verarbeiten und aufzubereiten, und stellen einen zentralen Aspekt der Digitalisierung dar.

Die Praxis in Organisationen ist allerdings nicht nur von Algorithmen geprägt, denn sie sind kein Allheilmittel. In jüngster Zeit werden Arbeitsformen gefördert, die „Face-to-Face“-Kommunikation im Rahmen von Teamarbeit betonen und bei welchen verschiedenste Moderations- und Kreativitätsmethoden zur Anwendung kommen. Jüngst erklärte ein Manager eines großen im Internet agierenden Unternehmens, das vorwiegend auf Algorithmen vertraut: „Wenn es wichtig wird, werden wir analog“. Insofern lassen sich die Popularität der auf unterschiedliche Art und Weise eingesetzten „neuen Arbeitsformen“ erklären (Laloux 2014, Robertson 2015, Oestereich & Schroeder 2017).

Dabei handelt es sich keinesfalls um überraschende, ja fast schon revolutionäre Ereignisse, sondern um einen seit langem sich entwickelnden, evolutionären Prozess. Mit Blick auf die Gesellschaft lassen sich Phänomene in Organisationen gut beschreiben. Und zweifellos sind damit kulturelle Fragen verknüpft, die auf allen Ebenen wirken.

Mehr davon in den nächsten Wochen.

 

Zur Nachlese:

  • Bennett, M. J. (2013): Basic Concepts of Intercultural Communication: Paradigms, Principles, and Practices 2nd Edition Edition, Boston and London: Nicholas Brealey.
  • Laloux, F. (2014): „Reinventing Organiziations“, Brussels: Nelson Parker, dt.: „Reinventing Organizations: Ein Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit“.
  • Luhmann, N. (1998): Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt/Main: Suhrkamp
  • Oestereich Bernd / Schröder Claudia (2017): „Das kollegial geführte Unternehmen“, Valen.
  • Robertson, B. J. (2015): „Holacracy: The New Management System for a Rapidly Changing World“, New York: Henry Holt and Company
  • Stalder, F. (2016): Kultur der Digitalität, Frankfurt/Main: edition suhrkamp
  • Lyotard, J.-F. (1993): Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart. – Stuttgart: Reclam 1993; S.33-48.

 

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


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