Dimensionen der Kommunikation und Digitalisierung


Digitalisierung und Kommunikation | ©vege/fotolia.com

Dirk Baecker beschrieb bereits vor Jahren die Auswirkungen des Computers auf die Gesellschaft als umfassend und dramatisch (Baecker 2007). Unter anderem argumentierte er, dass unsere Gesellschaft in eine „Computergesellschaft“ transformiert wird.

Mittlerweile beschäftigt das Thema eine breite Öffentlichkeit und Schlagworte wie „Digitalisierung“ und „Industrie 4.0“ werden aufgeregt diskutiert. Welche Folgen hat dies auf die Arbeit in und mit Organisationen und was steckt im Kern dahinter?

Das Kommunikations-Medium „Computer“

Entscheidenden Entwicklungen gehen nicht selten eine Reihe unterschiedlicher kleinerer Erfindungen voran. Die ersten funktionierenden Tischrechenmaschinen wurden bereits im Jahr 1727 von Antonius Braun in Wien gebaut. Um 1809 konstruierte Jean Marie Jacquard einen programmgesteuerten Webstuhl und Hermann Hollerith entwickelte im Jahr 1885 eine Maschine, die bei der amerikanischen Volkszählung eingesetzt wurde (Zemanek 2001, S. 32f).

Siebzig Jahre später läutete der Bau des ersten Computers namens „Mailüfterl“ durch Heinz Zemanek die modernen Technologisierung ein. Es mussten allerdings noch einige Jahrzehnte verstreichen, bis entsprechende Geräte und die dazu erforderlichen Programme einem größeren Benutzerkreis zur Verfügung standen. Die ersten auf Schreibtischen Platz findenden „Personal Computer“ wurden in den 1970er Jahren verkauft und nochmals zwei Dekaden später wurden „E-Mail“ und die Verwendung des Internets einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die Verwendung eines Mediums wirkt im Kommunikationsprozess auf drei Dimensionen, die wir näher betrachten wollen (Luhmann 1984). Konkret handelt es sich um die Sachdimension, die Sozialdimension und die Zeitdimension der Kommunikation.

Die Einschränkung der Sachdimension
Wie der Name schon sagt, beschreibt die Sachdimension alles Inhaltliche der Kommunikation. Entscheidend ist, „was“ als Information im Kommunikationsprozess verarbeitet wird. Beim Einsatz des Computers wird diese Information in der Mehrzahl der Fälle durch Buchstaben, Zahlen und Sonderzeichen repräsentiert. Neuerdings werden auch gesprochene Informationen verarbeitet. Zu beobachten ist jedenfalls, dass sich die Inhaltsebene auf wenige Informationen reduziert. Derartige Verkürzungen finden sich bei Befehlen, die man in Maschinen eingibt, bei unterwegs versendeten E-Mails (entschuldigend mit dem automatischen Hinweis „von meinem iPhone gesendet“ versehen) und zeigen sich bei immer populärer werdenden Diensten wie „Twitter“, die Nachrichten auf ein Maximum von 140 Zeichen beschränken. Die Kommunikation erfährt eine Einschränkung auf der Sachdimension, die nicht unwesentliche Auswirkungen auf ihr „Gelingen“ hat: Inhalte müssen knapp, aber doch verständlich, klar und präzise aufbereitet werden. Der Zwang zur Eindeutigkeit bringt mit sich, dass komplexe Sachverhalte und Ambiguitäten vereinfacht oder vernachlässigt werden.

Die Reduktion der Sozialdimension
Eine weitere wichtige Einschränkung findet sich auf sozialer Ebene wieder, denn beim Einsatz des Computers im Rahmen der Kommunikation treten die tatsächlichen Akteure (die gleichzeitig Autoren, Adressaten und Themen der Kommunikation sind) und deren Beziehungen zueinander vermehrt in den Hintergrund. Kommunikation kann praktisch anonym erfolgen und die Sozialdimension wird auf ein Minimum reduziert. Entscheidend ist nicht „wer“ sich an der Kommunikation beteiligt, sondern ob sie auf fruchtbaren Grund fällt und weitere Kommunikationen ermöglicht. Schließlich muss mit der „narzisstischen Kränkung“ umgegangen werden, dass Menschen nicht unbedingt ein zentrales Element der Kommunikation sein müssen: Man spricht mit seinem Telefon oder Maschinen können untereinander kommunizieren. Somit weichen Fragen nach Beziehungsmustern der Gestaltung von Schnittstellen.

Zeitliche Beschleunigung und Asynchronität
Die dritte Dimension lässt sich mit zeitlichen Fragestellungen beschreiben. Durch den Computereinsatz erleben wir eine fast schon unheimlich werdende Verkürzung der zeitlichen Dimension, die auch räumlich-geographische Auswirkungen hat. Es kann in kürzester Zeit über große Distanzen kommuniziert werden, egal ob die Antworten sofort oder zeitlich verzögert erfolgen. Beschleunigung und Asynchronität kennzeichnen somit die Kommunikation der Computergesellschaft.

Schlussfolgerungen

Wir haben es mit Verkürzungen auf allen drei Dimensionen der Kommunkation zu tun: Im Rahmen eines Kommunikationsprozesses werden weniger Informationen (Sachdimension) anonym (Sozialdimension) mit hoher Geschwindigkeit (Zeitdimension) verarbeitet. Das „Gelingen von Kommunikation“ (Luhmann 2005) muss aufgrund der erwähnten Besonderheiten durch zusätzliche Maßnahmen gesichert werden, was signifikante Auswirkungen auf die Arbeit in Organisationen mit sich bringt:

  • Die inhaltliche Verkürzung der Kommunikation wird paradoxerweise steigenden Kommunikationsaufwand zur Folge haben, denn nicht alles kann präzise und eindeutig auf Anhieb übermittelt werden. Die Wahrscheinlichkeit von Missverständnissen steigt, ein darauf folgendes Nachfragen und Rückmeldungen erhöhen nicht nur den inhaltlichen, sondern auch den zeitlichen Aufwand.
  • Durch den Einsatz des Computers können Entscheidungen rascher zu jeder Zeit und an jeden Ort übermitteln werden. Damit können sowohl lokale, als auch organisationale Grenzen überwunden werden. Allerdings werden bisherige Grenzziehungen obsolet und die Frage der richtigen Vernetzungen viel wichtiger. Vernetzung wird zu einem Imperativ und das Design von Schnittstellen, die von Akteuren gestaltet und bedient werden, wird eine zentrale Fragestellung.
  • Organisationen haben den Mitarbeitern durch Gebäude und gemeinsame Arbeitsplätze Gelegenheiten zu Zusammenarbeit in direkter Interaktion geboten. Dadurch konnte den Mitarbeitern so etwas wie Zugehörigkeit und Gemeinsamkeit vermittelt werden. Die „Entgrenzung“ hinsichtlich des Raumes und der Zeit wird Folgen auf die Akteure in Organisationen haben. Organisationen operierten schon immer unabhängig von zeitlichen und räumlichen Gegebenheiten. In Zukunft werden andere Kooperationsformen erforderlich sein und die Anonymität der Kommunikation benötigt alternative Möglichkeiten zur Sinnvermittlung.

Mehr davon in den nächsten Beiträgen…

Zur Nachlese: 

  • Baecker, D. (2007): „Studien zur nächsten Gesellschaft“, Frankfurt/Main: Suhrkamp.
  • Zemanek, H. (2001): „Vom Mailüfterl zum Internet. Geschichte, Perspektiven und Kritik der Informationstechnik“, Wien: Picus Verlag.
  • Luhmann, N. (1984). Soziale Systeme. Frankfurt am Main: suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft.
  • Luhmann, N. (2005). Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation. In Luhmann, N: Soziologische Aufklärung Band 3., 4. Auflage, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, S. 29-40.

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


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