Ein paar Gedanken zur Gruppe


Gruppendynamik in den Fokus nehmen | © Olena Kachmar / 123RF.com

Die Diskussion um neue Organisationsformen, in welchen die Arbeit in Teams stärker in den Mittelpunkt rückt, lenkt das allgemeine Interesse unweigerlich auf die Besonderheiten von kleineren sozialen Systemen. Daher wollen wir unser Augenmerk heute auf „Kleinsysteme“ richten.

Am Anfang steht die Interaktion

„Kleinsysteme“ zeichnen sich dadurch aus, dass sie in der Lage sind, eine überschaubare Anzahl von Kommunikationsbeiträgen zu verarbeiten. Im Idealfall kann jeder mit jedem in unmittelbarer Weise in Beziehung treten. Man hört den Beitrag von Frau Meier und ist in der Lage darauf zu reagieren.

Systemtheoretisch betrachtet haben wir es mit sogenannten „Interaktionssystemen“ zu tun. Das ist jener Typ an sozialen Systemen, die Kommunikation unter Anwesenheitsbedingungen betreffen: etwa wenn sich Mitarbeiter im Aufzug treffen und sich dort kurz über das Wetter unterhalten. Kollegen können in der Kaffeeküche angeregt den neuesten Klatsch austauschen oder eine Projektleiterin diskutiert mit ihrem Team im Zuge eines wöchentlichen Treffens die Fortschritte der jeweiligen Arbeiten. In diesen Beispielen haben wir es jeweils mit einem „Interaktionssystem“ zu tun.

Jeder, der schon einmal solche Situationen erlebt hatte, weiß, dass die Anzahl der Kommunikationsbeiträge dafür besonders relevant ist. Kaum sind zu viele Personen an dieser Art der Kommunikation beteiligt, bilden sich automatisch kleinere Einheiten. Auf diese Art und Weise ist es leichter den Beiträgen der anderen zu folgen und selbst auch Beiträge zu leisten. Wird ein Interaktionssystem zu groß, spaltet es sich also zwangsläufig in kleinere Interaktionssysteme auf. Umgangssprachlich würde man dieses Phänomen mit „Subgruppenbildung“ beschreiben.

Gruppe als Ergebnis mehrerer Interaktionen

Bevor man allerdings von „Subgruppen“ spricht, wäre es sinnvoll den Begriff „Gruppe“ zu erörtern. Systemtheoretisch ist dies keine eigene Typisierung, auch wenn der auf den ersten Blick sehr sinnvoll erscheinende Versuch der Einordnung an vielen Stellen bereits erprobt (vgl. Wimmer 2007) wurde. Denn immerhin lassen sich aus den Kommunikationsabläufen in Kleingruppen typische Dynamiken ableiten, über die nicht wenige Erkenntnisse und Theorien ausgearbeitet wurden (vgl. Geramanis 2017, Lewin 1951). Und natürlich hat sich eine eigene professionelle Disziplin entwickelt, die mit diversen gruppendynamischen Trainings den Umgang mit diesen Phänomenen bearbeiten hilft.

Für unsere Untersuchungen soll Gruppe aber zunächst als ein Ergebnis einer Abfolge von mehreren Interaktionssystemen definiert werden. Wir haben es mit Kommunikationen zu tun, die sich auf Kommunikationen früherer Interkationen beziehen, die den Akteuren unmittelbar bekannt sind. Der Bezug auf bereits (mitunter auch zu einem früheren Zeitpunkt) wahrgenommene Kommunikationen bedeutet, dass diese ein gewisses Maß an Beeinflussung auf die aktuelle Kommunikation ausüben. Je mehr sich Systeme gegenseitig in ihren Kommunikationen beeinflussen, desto enger sind sie gekoppelt (vgl. Simon 2004).

… und enger Kopplung

Mit dem Begriff der Kopplung ist das Ausmaß der gegenseitigen Beeinflussung gemeint. Je abhängiger die Kommunikationen eines Systems von jenen eines anderen Systems sind, desto mehr liegt eine „enge bzw. festere Kopplung“ zwischen beiden Systemen vor (vgl. Glassman 1973, S. 84f; Weick 1973, S. 163). Ein typischer Fall fester Kopplung liegt bei Computerprogrammen oder Maschinen vor. Diese Art von Systemen ist mit ihrer Umwelt fest gekoppelt, denn sie benötigen üblicherweise einen externen Impuls, um ihre internen Abläufe zu starten. Man muss den Start-Knopf der Kaffeemaschine betätigen, um Kaffee zu erhalten.

Umgekehrt liegt lose Kopplung vor, wenn die Elemente eines Systems weniger abhängig von jenen eines anderen Systems sind. Ein typisches Beispiel dafür stellen Organisationen dar denn ob der Einkauf tatsächlich diese oder jene Rohstoffe bestellt, beeinflusst weder die Tätigkeiten der Verkaufsabteilung noch die Aufgaben des Controllings oder die Menügestaltung der Werksküche. Organisationen sind durch ihre funktional differenzierten Operationen sogar auf lose Kopplung angewiesen (vgl. Luhmann, 2000, S. 246).

Ein Beispiel für feste Kopplung sozialer Systeme stellt die gruppendynamische Trainingsgruppe  dar, bei der die Beiträge der Mitglieder jene der anderen Mitglieder mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit beeinflussen und die dabei entstehende Dynamik das Geschehen wesentlich prägt. Die Gruppenmitglieder können durch ihre Arbeitsweise im Modus der Anwesenheit sofort auf die jeweiligen Kommunikationen reagieren. Anwesenheitskommunikation repräsentiert in sozialen Systemen festere Kopplung.

Das hat alles natürlich Auswirkungen auf die praktische Arbeit – vor allem in den derzeit aufgeregt diskutierten neuen Organisationsansätzen. Dazu wollen wir uns demnächst näher beschäftigen…

 

Zur Nachlese: 

  • Geramanis, Olaf (2017): „mini-handbuch Gruppendynamik“. Basel: Beltz Verlag.
  • Glassmann, R. B. (1973): „Persistence and Loose Coupling in Living Systems“. In: Behavioral Science, Vol. 18, No. 2, S. 83–98.
  • Krejci, G. (2018): „Paradoxien globaler Projektteams“. Heidelberg: Carl Auer Systeme.
  • Lewin, Kurt (1951): „Field theory in social science: Selected theoretical papers“. New York: Harper & Row.
  • Luhmann, Niklas (2000): „Organisation und Entscheidung“. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
  • Simon, F. B. (2004): „Gemeinsam sind wir blöd!? Die Intelligenz von Unternehmen, Managern und Märkten“. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme.
  • Weick, K. E. (1976): „Educational Organizations as Loosely Coupled Systems“. In: Administrative Science Quarterly, No. 21, S. 1–19.
  • Wimmer, R. (2007): „Die Gruppe – ein eigenständiger Grundtypus sozialer Systembildung? Ein Plädoyer für die Wiederaufnahme einer alten Kontroverse“. In: Aderhold J., Kranz O. (eds) Intention und Funktion. VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 270-289.

 

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


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