Ein ungewöhnlicher Blick auf Organisation


In einem Gruppendynamik-Seminar lernt man nicht nur über Gruppen | ©Gajus/fotolia.com

Natürlich lernt man, wie letzte Woche auch dargestellt, in einem gruppendynamischen Seminar eine ganze Menge über das Geschehen innerhalb einer Gruppe. Daraus können viele Schlüsse auf Gruppen im Allgemeinen und im Speziellen auch auf sich selbst als Teilnehmerin in Gruppen gezogen werden. Allerdings gibt es auch eine weitere Lernchance, die oftmals übersehen wird, aber trotzdem nicht zu unterschätzen ist: Es kann der Blick darauf gelenkt werden, wie das Geschehen innerhalb einer Gruppe mit dem organisatorischen Kontext in Verbindung steht. Das bedeutet: Man lernt eine Menge über Organisation.

Nicht nur Gruppe, auch Organisation

Die meisten T-Gruppen-Seminare werden mit mehr als zwei Gruppen durchgeführt. In einem solchen Fall spricht man von einem „T-Gruppen-Laboratorium“. Zu Beginn herrscht unter den meisten Teilnehmenden große Unsicherheit darüber, was sie in welcher Art und Weise, in welchen Zusammensetzungen und zu welchen Zeiten bearbeiten werden. Um diese Unsicherheiten zu bearbeiten, müssen von den Trainern im Vorfeld bestimmte Entscheidungen getroffen werden.

Dadurch erhält die Situation eine gewisse „Organisiertheit“, denn immerhin müssen inhaltliche, soziale, zeitliche, und örtliche Abstimmungen vorgenommen werden, an welchen sich alle Aktivitäten orientieren. Es wird erkennbar, dass ein gruppendynamisches Seminar viele Ähnlichkeiten mit Organisationen aufweisen und – so meine These dazu – ein großes Lernpotenzial über Organisationen beinhaltet.

Die Entscheidungsprämisse Programm

Organisationstheoretisch formuliert wird im sogenannten T-Gruppen-Laboratorium Unsicherheit durch die Entscheidung über Entscheidungsprämissen absorbiert. Die Aufforderung an die Teilnehmerinnen, aktiv am Geschehen mitzuwirken, so dass eine Ansammlung von Personen über die Zeit zu einer Gruppe wird, signalisiert den Zweck (man könnte auch sagen, den „Purpose“) des Vorhabens. Eine solche Formulierung könnte lauten: „Werden Sie eine Gruppe und thematisieren Sie diesen Prozess, an dem sie mitwirken“. Damit wird eine wichtige Entscheidung über den Zweck (daher auch die Bezeichnung „Zweckprogramm“) getroffen, an der sich  nachfolgenden Aktivitäten und Entscheidungen orientieren.

Entscheidungen über Arbeitszeiten und –orte stellen ein anderes Programm dar: das Konditionalprogramm, das festlegt: „Am Montag um 15:00 Uhr arbeitet diese Gruppe bis 16:30 Uhr im Raum XY, anschließend findet eine halbstündige Pause statt, auf die eine weitere Arbeitssitzung im Umfang von einer Stunde folgt.“. Konditionalprogramme beschreiben den Ablauf des Vorhabens.

Verschiedene soziale Konstellationen

In Verbindung mit den Entscheidungsprogrammen stehen auch formelle Festlegungen. Beispielsweise wird durch die Zuteilung der Teilnehmer zu einer bestimmten Gruppe klar, wer in welcher Konstellation zusammenarbeitet. In der Regel sind das die T-Gruppen, aber es werden im Zuge eines T-Gruppen-Laboratoriums durchaus auch andere Gruppierungen gebildet. Die Trainer könnten vorsehen, dass sich Teilnehmerinnen aus mehreren Gruppen abends zum regelmäßigen Erfahrungsaustausch treffen. Auch die Trainerinnen bilden eine eigene Gruppe, denn sie treffen einander in den Pausen, besprechen Beobachtungen und Fortschritt ihrer jeweiligen Gruppe. Es werden formelle Kriterien darüber definiert, zu welcher Zeit welche Gruppenzusammensetzung an welchen Orten arbeiten (formale Kommunikationswege).

Personen als wichtige Einflussfaktoren

Die Zusammensetzung der Gruppe und der Trainer wird zu Beginn des Trainings idealerweise auf Basis „größtmöglicher Unbekanntheit“ getroffen. Es soll nämlich gewährleistet werden, dass die Gruppe möglichst „auf der grünen Wiese“ beginnt und keine alten Rechnungen aus anderen Kontexten das Geschehen beeinflussen. Die Einflüsse der jeweiligen Personen wirken auf den jeweiligen Gruppenprozess unterschiedlich, das trifft sowohl auf die Teilnehmerinnen, als auch auf die Trainerinnen zu. Ihre kommunikativen Beiträge werden zu wichtigen Einflussfaktoren auf den Ablauf im Kleinsystem „T-Gruppe“. Manche Themen werden präsenter, andere weniger aktiv bearbeitet. Selbst die Art, wie Themen bearbeitet werden, hängt von den mitwirkenden Akteuren ab. Aber auch die Frage, wie einzelne von den anderen wahrgenommen und bewertet werden, ist ein wichtiger Einflussfaktor auf das Geschehen in einer Gruppe. Personen werden somit zu Prämissen für Entscheidungen, die innerhalb der Gruppe getroffen werden.

Nicht nur Entscheidbares

Programme, formale Kommunikationswege und Personen als entscheidbare Entscheidungsprämissen nicht die einzigen Quellen des Lernens. Immerhin finden die Teilnehmenden in den Pausen zwischen den T-Gruppen-Sitzungen Gelegenheit zum  informellen Austausch. Bei einer Tasse Kaffee diskutiert man die noch aktuellen Eindrücke der letzten Arbeitseinheit mit einer Kollegin aus einer anderen Gruppe. Dadurch kann man nicht nur belanglos plaudern, sondern auch die eigenen Beobachtungen in der eigenen Gruppe mit den Erzählungen über die andere Gruppe Vergleiche herstellen. Oftmals beeindrucken diese Vergleiche derart, dass man glaube diese in der eigenen Gruppe thematisieren zu müssen: „Die andere Gruppe diskutiert viel intensiver.“, „Dort wird so viel gestritten, ich bin froh hier zu sei“. Die „nicht entscheidbaren“ informellen Kommunikationswege haben ebenfalls Einfluss auf das Geschehen in einer Gruppe.

Wie im „wahren Leben“

Die Bezeichnung „Laboratorium“ suggeriert eine Nähe zur Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen, die oftmals als praxisfern bezeichnet werden. Dennoch wird ein wenig erkennbar, dass man mit einem entsprechenden organisationstheoretischen Blick auf den Gesamtkontext eines gruppendynamischen Trainings eine ganze Menge über Organisationen lernen könnte. Das scheint ungewöhnlich zu sein (ist es übrigens auch für viele Gruppendynamik-Trainer), bietet jedoch einen interessanten Erkenntnisgewinn.

 

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail:Krejci@simon-weber.de)


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