Entmystifizierung aktueller Diskussionen


Je mehr Technologie, desto wichtiger wird Teamarbeit | ©alotofpeople/fotolia.com

Die Frage des zukünftigen Organisierens beschäftig Berater und Führungskräfte in den letzten Jahren wie nie zuvor. Betrachtet man jedoch die Entwicklung der letzten 40 Jahre, so überraschen die meisten Themen, die derzeit heftig diskutiert werden überhaupt nicht. Es scheint so, als würden viele verschiedene Fragestellungen wie einzelne „rote Fäden“ zu einem Ganzen zusammenlaufen.

Die Einführung des Computers

Noch in den 1970er Jahren war die Etablierung der Computertechnologie das beherrschende Thema in Organisationen. Die 1980er Jahre waren durch die Einführung von Großcomputersystemen und damit verbundenen umfassenderen IT-Programmen geprägt. Zudem spielte die Etablierung von Projektmanagementeine entscheidende Rolle: Mitarbeiter waren vermehrt mit der Anforderung konfrontiert in multidisziplinären Teams zu arbeiten, was soziale Kompetenzen in den Fokus von Bildungsmaßnahmen in Organisationen rückte. In solchen Teams wurden Experten von Projektleitern dazu angeleitet, über längere Zeit an wichtigen Vorhaben zu arbeiten.

Die 1990er Jahre waren auf technischer Seite durch die Verbreitung der Personal Computer geprägt. Organisationen beschäftigten sich vermehrt mit Qualitätsfragen und Prozessverbesserungen. Hierbei war es wichtig in kleinen, sehr spontan gebildeten Teams in kurzer Zeit „inkrementale“ Verbesserungen im Arbeitsprozess vorzunehmen. Zusätzlich wurden die Verflachung der Hierarchien, sowie die Konzentration auf Kernaufgaben (Stichwort „Outsourcing“) vorangetrieben.

Das Internet beschleunigt die Organisationen

Im beginnenden 21. Jahrhundert lieferte die Verbreitung des Internets schließlich neue Kommunikationsmöglichkeiten. Zwar konnte man sich schon längere Zeit über weite Strecken per Telefon unterhalten, aber neue Lösungen auf technischer Ebene erleichterten die internationale Kooperation. Kommunikationsmedien wie Online-Chats oder Diskussionsforen förderten die Zusammenarbeit über Organisations- und Landesgrenzen hinaus.

Die letzten zehn Jahre waren von neuen Organisationsformen dominiert, die sich im Zusammenhang mit der technologischen Entwicklung entwickelten. Große Organisationen, die über Jahrzehnte ihre Position hielten wurden von sehr wendigen Kleinstunternehmen (oft in Garagen gegründete Start-ups) verdrängt. Diese neuen Marktteilnehmer hatten flache Strukturen, pflegten Teamarbeit und traten äußerst innovativ auf. Bei ihrem Aufstieg wurden viele von Kapitalgebern (Venture Capitalists) gestützt, die flexibler und risikofreudiger auftraten als Banken oder Aktienmärkte (vgl. Keese 2014).

Digitalisierung bedeutet Arbeit an Strukturen und Förderung von Teams

Rasante technologische Entwicklungen, Internationalisierung, Etablierung von Start-up-Kulturen, neue Finanzierungsmodelle: all dies perpetuierte sich in den letzten Jahren derart, dass Organisationen lernen mussten und müssen, mit Situationen umzugehen, die von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Widersprüchlichkeit (bzw. Ambiguität) geprägt sind.

Anhand dieser zugegeben sehr oberflächlichen Zusammenfassung ist erkennbar, dass die technologischen Entwicklungsschritte Einfluss auf zwei wichtige Themen ausüben: die Gestaltung der Strukturen der Organisation (vgl. Nagel 2017) und die Förderung von Teamarbeit.

Nicht zufällig wurden in jüngster Zeit einige neu erscheinende Ansätze intensiv diskutiert, die besonderes Augenmerk auf Kooperation in Teams legten: Verstärkung von Agilität (vgl. Bischof & Kohn 2015), Einführung von „holokratischen“ Methoden und Strukturen der Kooperation (vgl. Robertson 2015), Betonung auf gemeinsame Führungsverantwortung (vgl. Oestereich & Schroeder 2017), bis hin zur umfassenden „Neu-Erfindung“ der Organisation (vgl. Laloux 2014).

Was bedeutet das für die Mitarbeiter?

Die Verführung ist groß, nüchtern abzuwinken und zu meinen „alles schon gehabt, nichts Neues“. Wir haben es weder mit Neuerfindungen, noch mit „altem Wein in neuen Schläuchen“ zu tun. Vielmehr – und das soll die Argumentation der letzten Beiträge verstärken– müssen diese Konzepte letztlich in Verbindung gebracht werden. Organisationen werden sich in den nächsten Jahren besonders intensiv mit strukturellen Themen beschäftigen, wie Professionalisierung von Geschäftsprozessen in enger Verbindung mit Computertechnologie, Einführung neuer Entscheidungsstrukturen, neue Arten von Kooperation und Teamarbeit, etc.

Betrachtet man die Diskussionen fällt auf, dass die Umgestaltung der Organisation Hand in Hand mit Fragen zur Teamarbeit geht. So gesehen, zeichnet sich für die nächsten Jahre für die Mitarbeiter die Anforderung heraus, besondere Kompetenzen zu entwickeln: Sie müssen noch weit mehr in der Lage sein, selbstverantwortlich, selbststeuernd und kooperativ in kleinen, oft nur kurz gebildeten Teams arbeiten zu können. Diese Kompetenzen betreffen insbesondere die Fähigkeit, mit gruppendynamischen Phänomenen umzugehen. Eine solche Betonung der Sozialkompetenzen wäre das perfekte Gegengewicht zu den strukturellen Veränderungen. Man könnte folgern: Je wichtiger die Hardware (Sachfragen), desto wesentlicher wird die Software (Sozialdimension).

Das gilt übrigens auch für jene, die Organisationen beratend begleiten.

 

Zur Nachlese:

  • Nagel, R. (2017): Organisationsdesign. 2. aktualisierte und erweiterte Auflage, Stuttgart: Schäeffer-Poeschl.
  • Christoph Keese (2014): „Silicon Valley. Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt“, 6. Auflage München: Knaus.
  • Bischof, Helmut und Kohn, Immanuel (2015): „Werkzeugkiste: Mit Scrum zur agilen Organisation“, OrganisationsEntwicklung Nr. 3/2015, S. 90-95
  • Oestereich Bernd / Schröder Claudia (2017): „Das kollegial geführte Unternehmen“, Valen.
  • Geramanis, Olaf (2017): „mini-handbuch Gruppendynamik“. Basel: Beltz Verlag.
  • Laloux, F. (2014): „Reinventing Organiziations“, Brussels: Nelson Parker, dt.: „Reinventing Organizations: Ein Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit“.
  • Robertson, B. J. (2015): „Holacracy: The New Management System for a Rapidly Changing World“, New York: Henry Holt and Company

 

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)

 


Top