Fair Play


Philipp Lahm - Foto: Nadine Rupp

Ein Gespräch mit Philipp Lahm über sein Wirken als Stifter und Unternehmer

Philipp Lahm hat als Fußballspieler alle Titel gewonnen und galt trotzdem als sehr fairer Spieler. Kein einziges Mal in seiner Karriere wurde er vom Platz verwiesen. Auch in seinen Rollen als Stifter und Unternehmer ist es ihm ein Anliegen, die Werte eines fairen Miteinanders zu etablieren. Wie Philipp Lahm in seinen Führungsaufgaben außerhalb des Spielfelds wirkt und welche Erfahrungen er dabei aus dem Profi-Fußball nutzen kann, hat unsere Redakteurin Dr. Brigitte Winkler mit ihm besprochen.

ZOE: Herr Lahm, schon lange vor Ihrem Rücktritt als aktiver Fußballspieler und langjähriger Kapitän des FC Bayern München und der deutschen Nationalmannschaft gründeten Sie die Philipp Lahm-Stiftung, die zum Ziel hat, soziale Werte zu vermitteln und die Bildung von Kindern und Jugendlichen aus unterprivilegierten Verhältnissen zu fördern. Was möchten Sie mit Ihren Initiativen konkret bewirken?

Lahm: Ich möchte Kindern, die keine so privilegierte Kindheit hatten wie ich, etwas von meinem Glück abgeben. Ich hatte eine Familie, Freunde und einen Verein mit vielen Leuten, die sich um mich gekümmert haben. Ich weiß, dass nicht jeder das Privileg hat, so aufzuwachsen. Als Fußballprofi durfte ich viel Geld verdienen, und da hat man eine gesellschaftliche Verantwortung, der ich gerecht werden will. Daher habe ich diese
Stiftung gegründet. Sie ist in den Bereichen Sport und Bildung, die mir sehr wichtig sind, mit Projekten in Deutschland und Südafrika tätig.

ZOE: Wie halten Sie nach, dass Ihre Initiativen die intendierten Ziele erreichen bzw. nachhaltige Veränderungen bewirken?

Lahm: Das ist schwer zu messen. Ein Erfolg ist, dass wir mit unseren Projektpartnern über einen längeren Zeitraum stabil zusammenarbeiten. Unsere Partner führen die verschiedenen Projekte schon lange motiviert und tatkräftig durch. Wir erweitern
die Projekte und entwickeln sie ständig weiter. Mein ehrenamtliches Stiftungsteam ist sehr engagiert. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Und natürlich sehe ich es als absoluten
Erfolg an, dass unsere Projekte immer gut besucht sind und die Kinder gerne kommen. Daraus ziehen wir auch die Motivation, immer weiter zu machen.

ZOE: Im Rahmen Ihrer Stiftungsarbeit sehen Sie sportliche Aktivitäten als wesentlichen Beitrag für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen. Ihrer Erfahrung nach: Welche Kompetenzen werden durch Sport, insbesondere Fußball, besonders gefördert?

Lahm: Im Sport lernt man vor allem, im Team respektvoll miteinander umzugehen, aber auch Regeln einzuhalten. Das erachte ich für sehr wichtig und wir versuchen das natürlich
auch zu vermitteln. Im Sommercamp fokussieren wir uns auf die Themen Bewegung, Ernährung und Persönlichkeitsentwicklung. In dieser intensiven Woche erleben die Kinder in einem traumhaften Ambiente viele verschiedene Themen, bis hin zum Kühe melken im Biobauernhof. Kinder können im Camp ihre Fähigkeiten kennenlernen, um in der Gruppe optimal agieren zu können. Dadurch gehen sie gestärkt zurück und wissen, worin sie gut sind und woran sie weiterarbeiten wollen. Ich weiß, dass wir in einer Woche Sommercamp nicht das Leben verändern können, aber die Kinder können Erfahrungen mit nach Hause nehmen, was ein Anstoß sein kann, sich weiter darüber Gedanken zu machen.

ZOE: Gibt es Anschlussprozesse, mit denen Sie die Entwicklung der Kinder weiter betreuen bzw. nachverfolgen, um diesen Effekt nicht verpuffen zu lassen?

Lahm: Wir holen Feedback ein. Teilweise bekommen wir Briefe von Kindern und Eltern. Anfangs hatten wir versucht, eine Plattform einzurichten, damit die Kinder untereinander in Kontakt bleiben können. Das wurde jedoch nicht so aktiv angenommen. Die Kinder halten von sich aus Kontakt, wenn sie sich gut verstanden haben. Am Abholungstag haben die Kinder einen halben Tag Zeit, um die Eltern durch das Sommercamp zu führen und ihnen zu zeigen, was sie erlebt haben. Zudem nehmen sie Bücher mit nach Hause, die sie selbst in dieser Woche erarbeitet haben. Deswegen hoffen wir, dass die Themen auch danach präsent bleiben. Aus meinem Bekanntenkreis erfuhr ich zum Beispiel von einem übergewichtigen Mädchen, das immer viel Cola getrunken hatte. Durch das Sommercamp wurde ihr aufgezeigt, wie viel Zucker darin enthalten ist. Seitdem hat sie keinen Schluck Cola mehr getrunken und enorm abgenommen. Das war für mich schön zu sehen.

ZOE: Oftmals ist es schwierig, bei sozialen Initiativen in anderen Ländern die lokalen Besonderheiten und vielleicht auch unerwünschte Nebeneffekte, die diese Initiativen auslösen können, im Blick zu behalten. Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Initiativen in Südafrika Früchte tragen? Wie vernetzen Sie sich mit der lokalen Community oder lokalen Bildungseinrichtungen?

Lahm: In Kapstadt unterstützen wir mit dem Projekt «Soccer in Philippi» den iThemba Labantu FC im Township Philippi, der am Community Center iThemba Labantu angesiedelt ist. Hier wird eine umfangreiche Jugendarbeit und die Heranführung an Bildungsangebote gefördert. Um dieses Community Center befinden sich Behausungen, die teilweise Wasser und Strom haben. Unser Johannesburg-Projekt «Shongi Soccer» ist in einem noch viel ärmeren Slum angesiedelt, mit armseligsten Hütten ohne Strom und fließendem Wasser. Ende 2008 haben wir hier den Bau eines Sportplatzes zwischen zwei Townships realisiert, an dem regelmäßige Trainings und Spiele stattfinden können. Mittlerweile haben wir das Projekt auf fünf lokale Schulen ausgeweitet und es nehmen 1.800 Kinder an einer Liga teil, die wir gestartet haben. Unsere sechs festen Trainer stammen alle aus den jeweiligen Townships, vier von ihnen sind schon seit neun Jahren dabei. Es bringt nichts, einen Trainer aus Deutschland hinzuschicken, sondern die Leute vor Ort müssen diese Projekte zu ihren Projekten machen. Unsere Aufgabe ist es zu kontrollieren, dass das läuft. Die Trainer haben im Rahmen des Projektes alle den ersten SAFA (South African Football Association) Trainerschein erworben und die Hälfte jetzt auch den zweiten. Externe Profis nahmen die Trainerqualifizierungsprüfungen ab; das war schwer für unsere Trainer, aber sie haben bestanden und sind sehr stolz darauf. Für die Kinder ist es gut zu sehen, dass es jemand aus dem Township zum qualifizierten Trainer gebracht hat.

Vor Ort arbeiten wir mit einer Partnerorganisation, der südafrikanischen NGO Dreamfields, zusammen, die den Fußballplatz gebaut hat. Wir haben alle vier Wochen ein Skype-Meeting
und Dreamfields ist jede Woche einmal vor Ort, kontrolliert die Aktivitäten und bezahlt die Gehälter der Trainer, die von uns finanziert werden.
Unser Ansatz in Südafrika ist es, Kindern die Möglichkeit zu geben, mit ihrer Zeit etwas anzufangen, von zu Hause wegzukommen und an fixen Terminen ein Ziel zu verfolgen. Hier
geht es uns darum, zu vermitteln, was es bedeutet, in einem Team zu spielen, in das ich mich einbringen kann und das mich unterstützt. Bei den Projekten in Südafrika sehen wir, dass die
Kinder jeden Nachmittag zum Training kommen, weil sie Teil der Mannschaft sein wollen. Es gibt sonst für diese Kinder keine Aktivität, in die sie kontinuierlich eingebunden sind. Wir
haben zum Beispiel im Johannisburg-Projekt am Wochenende Turniere und Pflichtspiele in unserer eigenen Liga eingeführt, und jetzt haben sie auch Pflichtspiele in der lokalen Liga.
Durch die Einbindung in die längerfristige Disziplin, zu den Spielen und ins regelmäßige Training zu kommen, kann man die Entwicklung der Kinder auch dauerhaft mitverfolgen. Es sind jeweils im Durchschnitt um die 200 Kinder, die für unser Trainingsprogramm angemeldet sind, und ca. 80, die jeden Tag teilnehmen. Manche kommen sogar mehrmals die Woche.

ZOE: Evaluieren Sie den Social Impact Ihrer Aktivitäten in Südafrika?

Lahm: Wir haben uns lange mit diesem Thema auseinandergesetzt und stehen jetzt am Anfang eines Evaluierungsprojekts in Zusammenarbeit mit der University of Pretoria. Wir sehen keine Möglichkeit, statistisch zu belegen, was unser Impact ist, da wir ja auch nicht abschätzen können, ob das ohne unser Projekt nicht auch passiert wäre. Zudem ist es schon schwer genug, von den Eltern einen Bogen mit der Registrierung des Kindes ausfüllen zu lassen, daher wäre eine quantitative Evaluation z. B. mit Fragebögen gar nicht möglich.
Qualitativ verlassen wir uns auf Feedback, auf Beobachtung und Begleitung von Kindern. Wir holen immer Rückmeldungen ein und versuchen mit den Kindern, die durch das Projekt gelaufen sind, Kontakt zu halten. Zum Beispiel macht ein Mädchen, das mehrere Jahre in unserer Mädchenmannschaft spielte, jetzt eine Ausbildung zur Krankenschwester. Erfolg ist für mich, dass wir seit 2009 vor Ort sind, unser Angebot angenommen wird und wir es sukzessive weiterentwickeln können. In den Ligaspielen haben wir einen Fairplay-Pokal eingeführt, für die Mannschaft, die sich nach Einschätzung der Schiedsrichter am fairsten gegenüber den Mitspielern, dem Trainer und dem Schiedsrichter verhalten hat. Dass auf dem Fußballplatz ein respektvolles Miteinander und Regeln eingehalten werden, allein das ist für einige ein wichtiger Lernprozess.

ZOE: Gibt es Werte oder Erfahrungen aus Ihrer Zeit als aktiver Fußballspieler, auf die Sie in Ihrer Stiftungsarbeit zurückgreifen können?

Lahm: Ganz klar: Wie verhalte ich mich eigentlich in einer Gruppe. Fair Play, Teamgedanke, respektvoll miteinander umzugehen, das sind definitiv Werte, die im Fußball großgeschrieben werden. Offen, ohne irgendein Vorurteil auf Menschen zuzugehen. Im Fußball treffen viele Kulturen aufeinander. Die Schwächen von meinem Nebenmann zu korrigieren oder meine Stärken einzubringen, um andere Schwächen zu egalisieren, das ist im Fußball enorm wichtig. Ich war nie der Stürmer und wusste, ich brauche jemanden da vorne. Aber der vorne weiß auch, dass er mich hinten braucht. Verschiedene Aufgaben zu haben, seine Stärke zu finden und diese dem Team zur Verfügung zu stellen, das ist es, was ich im Fußball gelernt habe. Das kann man sehr gut in die Stiftungsarbeit transportieren oder den Kindern auf einfache Art und Weise vermitteln. Sie sehen ja auch das Spiel und beobachten ganz genau, wer mit wem gut zusammenarbeitet.
Weitergedacht denke ich, dass diese Verhaltensweisen auch zu einer offenen Gesellschaft beitragen. Ich weiß, das ist nur ein kleiner Teil, den ich hierfür mit meiner Stiftung beitragen
kann, aber das wäre es, was ich mir für die Zukunft wünsche.

ZOE: Was haben Sie persönlich während Ihrer langjährigen Stiftungsarbeit bei der Implementierung von sozialen Initiativen gelernt? Was würden Sie anderen Stiftern empfehlen, die Gutes tun wollen?

Lahm: Ich bin ein Freund davon, eigene Projekte ins Leben zu rufen, in Bereichen, die einem persönlich wichtig sind, sich für die Umsetzung vor Ort mit kompetenten Partnern zu vernetzen und dabei langjährige Partnerschaften zu etablieren. Weniger ist dabei mehr, d. h. es ist besser, sich auf wenige Projekte zu konzentrieren, aber diese dann nachhaltig mit Hilfe von Feedback immer weiterzuentwickeln.

ZOE: Neben der Stiftungsarbeit investieren Sie mit strategischen Beteiligungen in Unternehmen, die den geschäftlichen Fokus auf die Themen Gesundheit, Pflege sowie bewusste und selbstbestimmte Lebensführung legen. Hierzu zählen unter anderem die Beteiligungen an Sixtus und Schneekoppe. Was reizt Sie an der unternehmerischen Tätigkeit und welche Kriterien ziehen Sie für die Auswahl der Unternehmen heran?

Lahm: Meine Karriere verlief in verschiedenen Schritten: Erst wollte ich Profi werden, dann war ich Profi. Damit war für mich eine gesellschaftliche Verantwortung verbunden und ich habe die Stiftung gegründet. Danach wurde ich Führungsspieler bzw. Kapitän. Zugleich habe ich mir Gedanken gemacht,was ich nach meiner Fußballkarriere machen möchte. Für die Stiftung habe ich immer Zeit, weil sie mir Freude macht, aber ich wollte trotzdem noch einen anderen Bereich kennenlernen und Unternehmertum hat mich einfach interessiert. So habe ich vor meinem Karriereende schon angefangen, bei Sixtus einzusteigen, eine Holding zu gründen, um einfach noch etwas Neues zu lernen. Die Unternehmen müssen zu mir und dem Thema, das mich interessiert – gesunde Lebensweise – passen.

ZOE: Wie sehen Sie Ihre Rolle als Unternehmer?

Lahm: Ich bin als hundertprozentiger Eigentümer der Sixtus Werke Schliersee GmbH oder auch als Mehrheitseigner von Schneekoppe in beide Firmen voll involviert. Ich sehe mich als Teil eines Teams mit der Geschäftsführung und den Mitarbeitenden der jeweiligen Firmen.

ZOE: Jetzt haben Sie ja auch Unternehmen übernommen, die – wie z. B. Schneekoppe, welches 2014 in die Insolvenz geriet – Sanierungsbedarf haben. Wie versuchen Sie hier vorzugehen?

Lahm: Zwei Traditionsunternehmen in die Moderne zu entwickeln ist etwas sehr Interessantes. Wenn ich ein Unternehmen genommen hätte, das einfach nur so läuft, wie hätte ich mich einbringen können? Wir müssen uns hier mit allen Themen beschäftigen und man lernt einfach sehr viel dabei. Nehmen wir das Beispiel Digitalisierung. Ich bin darin kein Fachmann, aber mir helfen Experten das Thema in der Arbeitswelt der Firmen zu etablieren. Das finde ich absolut interessant.

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ZOE Ausgabe 1/19
Bei diesem Text handelt es sich um den Auszug aus einem Beitrag aus der aktuellen Ausgabe 1 der ZOE, den wir Ihnen hier exklusiv kostenlos zur Verfügung stellen.
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