Forschung und Entwicklung in der Beratung


Nicht nur beraten, sondern auch forschen | ©Zerbor/fotolia.com

Blickt ein Berater auf eine auf besondere Fälle spezialisierte Zahnklinik, fallen einige Parallelen zum Beratungsberuf auf. Zahnärzte beraten ihre Patienten hinsichtlich der bestmöglichen Behandlung. Ob die Patienten den Rat annehmen, hängt meist davon ab, wie dringend ihr Behandlungsbedarf ist und wie hoch ihr Vertrauen in die Expertise des Arztes ist. Es stellt sich (nicht nur für Zahnärzte) die Frage, wie man als Berater an der eigenen Expertise arbeiten kann.

Nicht nur perfekte Arbeit, auch Forschung

In der beschriebenen Spezialklinik für Zahnbehandlungen wird nicht nur perfekt gearbeitet, sondern diese Arbeit auch umfangreich dokumentiert: Während der Behandlung wurden kurze Kommentare des (in meinem Fall) behandelnden Arztes über jeden seiner Arbeitsschritte auf Tonband aufgenommen. Eine Fotografin war ebenfalls anwesend und der Arzt instruierte sie über die Fotos, die sie aufnehmen sollte. Nun könnte man einwenden, dass die Dokumentation einer späteren Rechtfertigung dienen würde für den Fall, dass etwas schief ginge. Aber das ist nur die halbe Geschichte.

Der Blick auf die Homepage der Spezialklinik offenbart eine umfangreiche (und aktualisierte) Liste an Publikationen. Die penible Dokumentation gewinnt damit eine andere Bedeutung, denn sie dient in erster Linie der regelmäßigen Forschungsarbeit der Ärzte. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse werden publiziert und können im Rahmen von Vorträgen und Seminaren präsentiert werden. In dieser Organisation wird nicht nur gearbeitet, sondern auch geforscht und dem von Schmerzen geplagten und mit dem „Schicksal“ hadernden Patient fällt die hohe Professionalität auf, die sich aus einer Kombination von Praxis, Lehre und Forschung ergibt. Man begibt sich gern in solche Hände und daraus lässt sich als Berater für das eigene Professionsverständnis einiges lernen.

Forschung und Entwicklung in der Beratung

Auch wenn Berater auf ihre Erfahrungen zurückgreifen und hier und da auf Bewährtes vertrauen können, so ist doch kein Fall wie der andere. Man generiert Informationen über den Beratungsfall, indem man beobachtet und Fragen stellt. Diese Informationen werden mit Annahmen verknüpft und nächste Schritte geplant (Krizanits 2013).

Bei umfangreichen Beratungsfällen ist es äußerst hilfreich, die jeweiligen Informationen und Hypothesen (Selvini-Palazzoli et al 1981) gut zu dokumentieren. Man kann im Nachhinein bestimmte Interventionen hinterfragen und zusätzliche Informationen über deren Wirksamkeit generieren. Eine weitere wichtige Informationsquelle stellt die Beobachtung des eigenen Handelns dar.

Somit wird klar, dass die Arbeit von Beratern nicht nur Handwerk ist, sondern ebenfalls viel mit Forschung zu tun hat. Daher sollten Berater sich verstärkt auch als Forschende begreifen.

Das eigene Tun dokumentieren

Gute Forscher sorgen dafür, dass sie ihre Arbeiten lückenlos dokumentieren. Für Berater könnte ein „Beratungstagebuch“ hilfreiche Dienste erfüllen: Jeder Kontakt mit dem Kundensystem und die dabei gemachten Beobachtungen werden darin festgehalten. Ebenso könnten die eigenen Annahmen und die daraus resultierenden Interventionen im Beratungstagebuch dokumentiert werden.

All dies kann am Ende des Beratungsfalles nochmals zur kritischen Reflexion herangezogen werden. Was ist wann wie gelungen? Was hat funktioniert und was nicht? Und vor allem: was kann aus dem konkreten Fall für ähnlich gelagerte Fälle gelernt werden? Es bietet sich daher an, die gewonnenen Erkenntnisse ebenfalls zu dokumentieren.

… und schreiben, schreiben, schreiben.

Fragt man so manche Berater, ob sie ihre Erkenntnisse nicht auch publizieren wollen, so hört man regelmäßig, dass der Wunsch zwar besteht, sie sich dies aber nicht wirklich zutrauen. Schade eigentlich, denn einzelne Gespräche mit Kollegen führen zu der Vermutung dass einige Leute höchst interessante Erfahrungen weiter geben könnten.

Natürlich ist mit dem Schreiben ein gewisser zeitlicher Aufwand verbunden. Aber mit dem Verfassen von Texten verhält es sich ähnlich wie mit einem Marathonlauf: man muss regelmäßig „trainieren“. Im Schreibprozess entstehen Ideen, man betrachtet die eigene Praxis aus einer gewissen Distanz und außerdem lernt sich der Autor als Berater selbst besser kennen.

„Oxford-Momente“ suchen

Eine Kollegin erzählte von einem Studienjahr in Oxford. Die Studenten mussten jede Woche abwechselnd zu unterschiedlichen Fachthemen ein „Paper“ im Umfang von zwei Seiten verfassen und den jeweiligen Lektoren übergeben. Über die Zeit fiel das Schreiben immer leichter und am Ende ihres Aufenthaltes fühlte sich die Kollegin in der Lage umfangreichere Texte zu verfassen.

Man könnte sich als Berater ein Beispiel an solchen „Oxford-Momenten“ nehmen, regelmäßig kurze Texte verfassen und diese mit Kollegen, die ebenfalls kurze Texte verfassten, im Rahmen eines Intervisions-Treffens besprechen. Das setzt natürlich Vertrauen und respektvollen Umgang untereinander, sowie die Bereitschaft sich gegenseitig zu unterstützen voraus. Auf diese Art und Weise könnte es im Laufe der Zeit gelingen, dass Fachartikel entstehen und – noch wichtiger – dass die eigene Expertise gesteigert wird.

Am Ende daher ein ermutigender Appell an alle Berater zu forschen und zu publizieren. Es ist einfacher, als man denkt. Und es sagt übrigens auch niemand, dass man dies alles nicht auch als Führungskraft praktizieren kann …

 

 

Zur Nachlese:

  • Selvini Palazzoli, Mara et al (1981): „Hypothetisieren – Zirkularität – Neutralität: Drei Richtlinien für den Leiter der Sitzung“. In: Familiendynamik 6, S. 123-139.
  • Joana Krizanits (2013): „Einführung in die Methoden der systemischen Organisationsberatung“, Carl Auer-Compact, Heidelberg.

 

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)

 

 


Top