Fritz B. Simon über Theoriearbeit


Prof. Dr. Fritz B. Simon, Universität Witten/Herdecke

Während der letzten Wochen wurden in dieser Kolumne Fragen rund um Theoriearbeit behandelt. Zum Abschluss dieser Serie wird die Perspektive mit Prof. Fritz B. Simon um einen Beobachter erweitert, der sich in seiner langen Karriere sowohl mit Theorie als auch mit der Praxis beschäftigte. Das Interview führte der Kolumnist Dr. Gerhard Krejci.

Zum Verhältnis von Theorie und Praxis

Ausgehend von Kurt Lewins Aussage, dass es nichts Praktischeres gäbe als eine gute Theorie, stellt sich ja dennoch die Frage, was Praktiker – und damit meine ich insbesondere Berater und Manager – mit Theoriewissen anfangen können. Wie sehen Sie das?

Fritz B. Simon: Wenn man weiß, was man wann zu tun hat, braucht man keine Theorie. Es gibt geniale Praktiker, die – gewissermaßen aus dem Bauch heraus – spontan entscheiden und damit sehr erfolgreich sind. Wenn man sie fragt, warum sie dies getan und jenes nicht getan haben, können sie meist nicht richtig antworten, sondern schauen verwirrt und fragen, was man denn hätte anders tun können. Aber diese Leute folgen natürlich auch einer Theorie, wenn auch einer impliziten und ihnen nur begrenzt bewussten. Das funktioniert gut, solange es funktioniert, aber es funktioniert nicht mehr in Situationen, in denen nicht auf Erfahrungswissen zurückgegriffen werden kann, weil die Welt sich verändert hat und die alten, impliziten Theorien nicht mehr erfassen, was für Überleben und Erfolg in dieser veränderten Welt relevant ist. Innovative Handlungsstrategien lassen sich meist nur entwickeln, wenn man die theoretischen Prämissen des Entscheidens verändert. Theoriereflexion ist der Weg dahin, d.h. für den Praktiker ist Theorie ein Handwerkszeug, das seinen Nutzen durch erweiterte (manchmal auch reduzierte) Handlungsmöglichkeiten in der Praxis zu erweisen hat.

Darf ich nachfragen, welche Bedeutung und welchen Nutzen die Beschäftigung mit Theorie für Sie in Ihrer eigenen praktischen Arbeit hat und hatte?

Fritz B. Simon: Ich definiere mich selbst ja in erster Linie als Praktiker.

Als ich mit 25 Jahren die Leitung der Aufnahmestation einer psychiatrischen Klinik übernehmen musste, wurde mir schnell klar, dass ich nicht einfach die Methoden übernehmen konnte, die dort bis dahin praktiziert wurden, denn sie führten ganz offensichtlich nicht zum Erfolg (zumindest nach meinen Bewertungskriterien). Wenn etwas nicht funktioniert, dann sollte man es ändern, statt weiter wie bisher zu agieren.

Da die Theorien, die als Grundlage der Arbeit in der Anstalt dienten, keine alternativen Handlungsmöglichkeiten eröffneten, stand ich vor der Alternative, mich resignativ mit meiner Ohnmacht abzufinden, oder die theoretischen Prämissen in Frage zu stellen. Mit 25 Jahren hielt ich mich für zu jung um resignativ auf die Rente zu warten, daher habe ich nach Theoriealternativen gesucht. Ich bin bei der Kommunikationstheorie gelandet, weil mein praktischer Alltag mit diesem Theorieansatz zu erfassen war: Sei es der Umgang mit Patienten und ihren Angehörigen, mit Kollegen oder Vorgesetzten in der Klinik, überweisenden Ärzten oder Richtern, die über Zwangseinweisungen zu entscheiden hatten usw.

Ich konnte gewissermaßen aus einer Außenperspektive auf soziale Systeme – so würde ich das heute beschreiben – schauen, an denen ich teilnahm. Dadurch eröffnete sich mir nicht nur ein Verständnis für die Spielregeln der Institutionen, sondern auch die Chance, kreativ alternative Handlungsstrategien zu entwickeln.

Die Auseinandersetzung mit Theorie

Wir stellten hier die These auf, dass Praktiker durch Theoriearbeit eine umfassende Gelegenheit zur Reflexion ihrer Arbeit gewinnen. Theoriearbeit verlangsamt und verhilft dazu, andere Sichtweisen zu gewinnen. Nun ist die Auseinandersetzung mit Theorie oft nicht sehr einfach. Vieles erschließt sich nicht so leicht, manches ist für Praktiker auch nicht gerade „lesefreundlich “ geschrieben. Was empfehlen Sie Praktikern, wenn sie sich trotzdem ernsthaft mit Theorie beschäftigen wollen?

Fritz B. Simon: Ja, das stimmt. Manche Theoretiker schreiben eher für ihre Kollegen und versuchen ihre Zugehörigkeit zu einer erlesenen Gesellschaft von Fachleuten zu demonstrieren bzw. ihre Reputation durch Unverständlichkeit zu steigern – was ihnen allerdings auf diese Weise nur selten gelingt. Doch es ist, das muss man zur Ehrenrettung der reinen Theoretiker betonen, für jeden Menschen schwer, ein fremdes Weltbild zu verstehen, weil es nun einmal fremd ist.

Das Dilemma ist meines Erachtens, dass es auf der einen Seite für den Praktiker verlorene Zeit ist, sich mit einer Theorie zu beschäftigen, welche die eigenen Vorannahmen nur bestätigt; auf der anderen Seite wird eine Theorie, die zu weit von den eigenen Vorannahmen abweicht, nicht verstanden und kann nicht ins eigene Weltbild integriert werden. Insofern wird sich mit Theorie sowieso nur derjenige beschäftigen, der den daraus zu ziehenden Gewinn sieht bzw. besser noch: erlebt hat.

Mein Rat an ihn ist: Wenn Du an irgendwelche schwer verständlichen Punkte einer Theorie gelangst, geh einfach weiter. Es ist wie beim Lesen eines Kriminalromans: Manche Details, die zunächst wenig oder keinen Sinn zu ergeben scheinen, enthüllen ihre Bedeutung mit dem Fortschritt der Handlung, bei der Rezeption von Theorien manchmal erst beim zweiten Lesen…

Was sind typische Fehler, die Praktiker machen können, wenn sie sich mit Theorie beschäftigen?

Fritz B. Simon: Mit einer Theorie ernsthaft zu arbeiten, ist vergleichbar mit dem Lernen einer Fremdsprache. Sie verwendet meist Begriffe, deren Bedeutung von der in der Alltagssprache abweicht. Das ist oft ein Hindernis beim Zugang zu elaborierten Theorien. Meist nutzen sie Fachausdrücke, die nicht geläufig sind. Ihnen kann man aber kaum entgehen, weil sich in ihnen der Unterschied zwischen einer konsistenten Theoriearchitektur und dem meist ziemlich inkonsistenten Alltagsdenken manifestiert. Durch die Fachausdrücke einer Theorie wird die Aufmerksamkeit auf Phänomene, die innerhalb der Theorie für relevant erachtet werden, gelenkt. Sie liefern – implizit oder explizit – alternative Beschreibungen, Erklärungen und Bewertungen der beobachteten Phänomene. Sich nicht auf diese neue Sprache einzulassen und zu versuchen, die Aussagen der Theorie in die Begriffe des alten Weltbilds eins zu eins zu übersetzen, scheint mir einer der Hauptfehler zu sein. Denn dann landet man fast zwangsläufig bei der Frage: „Was soll denn daran neu sein? Das ist doch nur alter Wein in neuen Schläuchen.“ Dabei übersieht man dann meist, dass Theorien einer eigenen Logik folgen und eine Architektur aufweisen, die nicht einfach auf einzelne aus dem sinnstiftenden Kontext gerissene Konzepte bzw. Bausteine reduzierbar ist.

Können und sollen sich Praktiker (wie zum Beispiel Berater und Manager) aktiv an Theorieentwicklung beteiligen? Und wenn ja: Wie könnten sie Beiträge dafür liefern?

Fritz B. Simon: Sie wären, glaube ich, überfordert, wenn man von ihnen die Weiterentwicklung einer der anspruchsvollen Theorie verlangen würde bzw. wenn sie das von sich verlangen würden. Die Rolle, die sie dabei spielen können, sehe ich darin, die Fragestellungen zu formulieren, die für den Praktiker wichtig sind.

Theoretiker fokussieren ihre Aufmerksamkeit anders als Praktiker und haben andere Relevanzkriterien als sie. Das führt leider häufig dazu, dass sich die Theoretiker mit Fragen beschäftigen, die dem Praktiker als irrelevant erscheinen, und beide in getrennten Welten leben.

Es geht daher meiner Einschätzung nach eher um Kooperation, d.h. um die gemeinsame, von Fragen der Praxis geleitete Theorieentwicklung. Im Idealfall führt sie zur Entwicklung innovativer Methoden, weil auf praktische Probleme durch die Brille einer elaborierten Theorie geschaut wird, die andere Erklärungen konstruiert als bis dato in der Praxis verwendet.

Konkrete Anwendung von Theorie

Derzeit werden viele interessante Konzepte diskutiert, die neue Formen des Organisierens beschreiben: Agilität, Holacracy, New Work, Digitalisierung, etc. Wie könnten Berater Ihrer Meinung nach Theorie dazu verwenden, um nicht in kurzlebige Moden abzugleiten, sondern um nachhaltig wirksame Interventionen vorzunehmen?

Fritz B. Simon: Der Handlungsdruck im Management ist groß, wahrscheinlich größer als zu früheren Zeiten, da sich alle Prozesse beschleunigt haben und damit auch die Notwendigkeit gewachsen ist, schneller Entscheidungen zu treffen. In diesen Zeiten, in denen die Unsicherheit aufgrund der sich rapide wandelnden ökonomischen Überlebensbedingungen jedes Unternehmens gestiegen ist, braucht man meiner Meinung nach einen theoretischen Orientierungsrahmen, der sich weniger schnell wandelt und die beobachtbaren Veränderungsprozesse erfassen kann. Konstanz in der Theorie, um den Wandel zu erklären. Andernfalls rennt man den aktuellen Managementmoden nach, die ja allesamt nicht zufällig entstehen, sondern Lösungen für aktuell erlebbare Probleme versprechen. Schon die Tatsache, dass alle Jahre eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird, belegt jedoch, dass diese Lösungsideen nicht nachhaltig wirksam sind.

Hier hilft – gerade wenn man ökonomisch denkt und nicht jedem neuen Trend hinterherlaufen will – ein möglichst abstraktes Modell wie die Systemtheorie. Sie ist in der Hinsicht mit der Mathematik zu vergleichen, die in völlig unterschiedlichen Wirklichkeitsbereichen nutzbar ist, und dies trotz allen Wandels seit Tausenden von Jahren.

Wenn wir Konzepte wie Agilität, Holacracy etc. nehmen, um bei den genannten Beispielen zu bleiben, so liefert die Systemtheorie ein Beobachtungsschema, mit dessen Hilfe analysiert werden kann, was dort anders gemacht wird als in anderen Organisationsformen. Und dann können wir ganz nüchtern und ideologiefrei Kosten-Nutzen-Rechnungen anstellen, Vorteile und Nebenwirkungen solcher Organisationsformen analysieren, und – das scheint mir das Entscheidende – wir können weitere Modelle kreieren, um den jeweils aktuellen Problemen gerecht zu werden. Denn man kann davon ausgehen, dass wir es in all diesen Fällen mit problemdeterminierten Systemen zu tun haben, d.h. dass es sich um organisationale Antworten auf aktuell erlebte Probleme handelt.

                                 

Prof. Dr. Fritz B. Simon lehrt an der Universität Witten/Herdecke, Institut für Familienunternehmen. Er ist Psychiater, Psychoanalytiker, Familientherapeut und Organisationsberater, sowie Autor zahlreicher Publikationen rund um Organisation und Führung.

Zur Nachlese:

  • Simon, Fritz B. (2018): „Formen. Zur Kopplung von Organismus, Psyche und sozialen Systemen“, Heidelberg: Carl-Auer Verlag.

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


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