Gefahr für Autorität


Vorsicht: Das Internet vergisst nicht | ©Elnur/fotolia.com

Eine interessante Entwicklung im Zusammenhang mit der Digitalisierung findet sich in der Verbesserung der Kommunikation mit anderen. War die Zusammenarbeit über geografische Distanzen bis vor einigen Jahren noch mit größeren Herausforderungen verbunden, so ist es jetzt relativ einfach mit neuen Lösungen diese Hürden zu überwinden. Besonders populär ist der Einsatz neuer Medien, die nicht nur eine dialoghafte Kommunikation, sondern auch einen größeren Empfängerkreis ermöglichen.

Der Siegeszug sozialer Medien im Alltag

Der Siegeszug, der sozialen Medien, lässt sich schon frühmorgens in der U-Bahn verfolgen. Kaum jemand blickt mehr in eine Zeitung oder in ein Buch, sondern prüft die neuesten Nachrichten auf seinem Twitter-Account, verfolgt die letzten Neuigkeiten seiner Facebook-Verbindungen oder sieht sich die veröffentlichten Bilder auf Pinterest an. Vom Schüler bis zur Studentin, vom Sachbearbeiter bis zur Managerin, kaum jemand verzichtet auf solche Anwendungen, deren Verwendung unabhängig vom Gerät möglich ist.

Diese Medien können von jedem zu jederzeit und von jedem Ort aus mit Informationen befüllt werden. Das bedeutet, dass man nicht nur Konsument von Informationen ist, sondern sich auch aktiv an der Informationsgenerierung beteiligen kann. Wenn jemanden etwas besonders beschäftigt oder bewegt, kann er oder sie jederzeit einen Beitrag in einem dieser Medien veröffentlichen. Das ist im Prinzip nichts sonderlich Neues, denn bisher konnte man das bei Zeitungen und Magazinen in Form von Leserbriefen oder Gastkommentaren ebenfalls machen. Allerdings zeigen sich im Zusammenhang mit den neuen „sozialen Medien“ einige Gefahren, die von vielen nicht immer bedacht werden.

Gatekeeper

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen (2018) weist darauf hin, dass bei herkömmlichen Medien wie Zeitung, Radio und Fernsehen üblicherweise Instanzen eingerichtet sind, die darüber entscheiden, ob etwas auch tatsächlich veröffentlicht wird oder nicht. Er verwendet dafür den Begriff „Gatekeeper“, also frei übersetzt „Türwächter“. Man könnte diese Gatekeeper natürlich auch als bevormundende, die freie Rede einschränkende Instanzen bezeichnen. Dennoch übernehmen sie eine sinnvolle Funktion, indem sie sowohl die Beitragenden vor Fehlern, als auch eventuell Betroffene vor Beleidigungen oder Herabwürdigungen, schützen. Des Weiteren ordnen Sie die Informationen für den Konsumenten ein.

Pörksen hält fest, dass die Gatekeeper-Funktion in den neuen Medien nur sehr am Rande eingesetzt wird. Jeder kann alles zu jeder Zeit veröffentlichen. Man kann seine Meinung kundtun, ohne dass jemand diese abmildern hilft oder gar zensiert. Und hier beginnen erste Problemstellungen für Organisationen.

Das Bild nach außen

Üblicherweise treten Organisationen über zentral gesteuerte Kommunikationseinheiten nach außen in Erscheinung. Was aber, wenn ein Mitarbeiter eine unpassende Meldung veröffentlicht und dabei ein Foto mit der Arbeitskleidung oder einem Fahrzeug mit Firmenlogo im Hintergrund dazu gibt? Natürlich kann man von Mitarbeitern erwarten, dass sie sorgsam mit den sozialen Medien umgehen. Bei Bedarf kann man alle auch noch einmal darauf hinweisen, nötigenfalls auch abmahnen. Dennoch: das Internet vergisst nicht. Ist einmal etwas veröffentlicht, ist der Schaden kaum mehr gut zu machen.

Die Grenzen zwischen Privatem und Geschäftlichem verschwimmen zu nehmend. Es stellt sich daher in jeder Organisation die dringende Frage: Sind sich alle Akteure im Klaren, dass man nicht nur von „9 bis 17 Uhr“ Mitarbeiter ist, sondern, dass man von Geschäftspartnern und Kunden auch in der Freizeit wahrgenommen werden kann. Solche potenziellen Gefahrenfelder müssten regelmäßig, umfassend und ausführlich in Organisationen thematisiert und bearbeitet werden. Man kann sich also nicht ausschließlich auf die PR-Abteilung verlassen, der Auftritt nach außen macht vor den sozialen Medien nicht halt.

Führung und Autorität

Es geht aber auch um eine Gruppe von Organisationsmitgliedern, die besonderen Einfluss auf die Organisation haben: alle, die mit Führung zu tun haben. Auch wenn Führung als Funktion oft informell wirksam wird, so sind die meisten Führungsaktivitäten doch über formelle Kommunikationswege (Luhmann 2000) vordefiniert.

Einerseits wird allen Akteuren ein gewisses Ordnungsprinzip vermittelt (Das Wort „Hierarchie“ geht auf die griechische Bezeichnung für „heilige Ordnung“ zurück), anderseits wird den formalisierten Stellen eine grundsätzliche Autorität verliehen. Diese Autorität erfordert ein gewisses Maß an Distanz und Unterschiedlichkeit zu anderen, um wirksam zu werden. Daher ist – je nachdem wie man die Führungsrolle in der Organisation gestaltet – das Ausmaß an Distanz und Differenziertheit ein wesentlicher Faktor. Ohne Autorität wird Führung schwierig, schlimmstenfalls auch unwirksam, daher ist das Thema für all jene, die Führungsfunktionen ausüben, von besonders großer Bedeutung.

Soziale Medien gefährden Autorität

Zur Erinnerung: Ein Charakteristikum sozialer Medien liegt darin, dass viel Transparenz und Sichtbarkeit geboten wird (Pörksen 2018). Man wird informiert, was andere nach Dienstschluss machen und womit sie sich beschäftigen. Man kann Rückschlüsse über ihre Leidenschaften ziehen, erfährt unbekannte Vorlieben und vermeint politische Botschaften zu erkennen. Man erkennt Seiten der Führungspersonen, die man eventuell vorher nicht vermutete. Natürlich ist zu viel Distanziertheit für manche Situationen nicht hilfreich und ein gewisses Ausmaß an Wissen und Berechenbarkeit ist im Organisationsalltag hilfreich.

Allerdings gibt es unerwünschte Nebeneffekte der Nähe, denn wenn alle Grenzen der Differenziertheit fallen, ist Autorität gefährdet.  Zu viel Öffentlichkeit kann zu Enttäuschungen führen. Natürlich muss man auch Führungskräften zugestehen menschliche Seiten zu haben und nicht fehlerlos zu sein. Dennoch sind sie gut beraten gerade im Umgang mit den sozialen Medien äußerst sorgsam und verantwortungsvoll umzugehen, um ein Mindestmaß an Autorität aufrecht zu erhalten. Andernfalls gefährden sie die Wirksamkeit von Führung in Organisationen.

Das gleiche gilt übrigens auch für Personen in beratenden Positionen.

 

Zur Nachlese:

  • Pörksen, B. (2018): „Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung “, Carl Hansa Verlag, München
  • Luhmann, Niklas (2000): „Organisation und Entscheidung“. Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag

 

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


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