Kleines Theorie-ABC


©Malte Belau/ZOE 2/2018

«Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum» schrieb Goethe im Faust. Doch es war Mephisto, der in dieser Weise versuchte, theoretisches Wissen zu diskreditieren. Theoretisches Wissen kann ebenso nützlich, motivierend und lebendig sein wie rein praktische Erkenntnisse – und bietet zudem die Möglichkeit, eigene Erfahrungen mit Verallgemeinerungen vieler anderer zu verknüpfen und so zu reflektieren. Davon – sowie von weiteren Vorteilen und der Faszination von Theorie – möchten wir Sie in dem kleinen Theorie-ABC überzeugen. Dieses versammelt spielerisch wichtige Konzepte, Kriterien, Beispiele und Elemente von (praxisrelevanten) Theorien. Viel Vergnügen bei dieser kleinen Tour de Théorie.

Anarchismus (methodischer)

Nach Paul Feyerabend ist damit die Überzeugung gemeint, dass es keine allgemein gültigen Regeln oder Kriterien für wissenschaftliches Arbeiten bzw. für die Theorieentwicklung gibt. Minimalkriterien für wissenschaftliche Beiträge finden Sie nichtsdestotrotz im Hinweis unter K. Eine alternative Meinung ist auch der Eintrag unter B.

Axiom

Ein Axiom ist ein Grundsatz einer Theorie, der nicht weiter begründet oder von anderen abgeleitet werden muss. Ein Beispiel aus der Physik ist das erste Newtonsche Axiom der Mechanik, das sogenannte Trägheitsprinzip. In der Kommunikationstheorie bezeichnet Paul Watzlawick das Prinzip «Man kann nicht nicht kommunizieren» als Axiom.

Beweisbarkeit einer Theorie

Eine Gegenposition zum methodischen Anarchismus bildet der kritische Rationalismus, der vorschlägt, Theorien nach deren Überprüfbarkeit zu bewerten. Dieses nach Karl Popper auch als Falsifizierung bekannte Kriterium schlägt vor, dass es möglich sein muss, dass Theorien prinzipiell an der Realität scheitern können. Bei einigen Theorien, wie etwa denjenigen von Sigmund Freud, ist dies jedoch nicht ohne weiteres möglich. Sie haben sich dennoch für die (psychotherapeutische) Praxis als nützlich erwiesen.

Chaostheorie

Die Chaostheorie (als Teil der Mathematik) beschreibt schwer prognostizierbare, dynamische Phänomene, die in ihrer Entwicklung stark von ihren Startbedingungen abhängen. Dabei können zeitweise aus scheinbar zufälligen Verläufen «Inseln der Ordnung» bzw. klare Strukturen entstehen. Die Theorie lässt sich auf so unterschiedliche Phänomene anwenden wie das Wetter, den Finanzmarkt, die Medizin oder auch auf die Erstellung von Computergrafiken.

Deduktion

In der Deduktion geht man vom Allgemeinen zum Besonderen bzw. von der Theorie zum praktischen Phänomen. Aus einer Theorie können also per Deduktion Aussagen über konkrete Einzelfälle getroffen werden.

Epistemologie

Damit wird die Lehre über (theoretisches) Wissen oder auch die → Wissenschaftstheorie bezeichnet. Aristoteles benannte mit episteme das eher theoretische Wissen und grenzte es beispielsweise vom praktischen Wissen (téchne) ab.

Eleganz einer Theorie

Die Eleganz einer Theorie ergibt sich aus dem Verhältnis von Aufwand und Ertrag: Eine elegante Theorie kann mit relativ wenigen Konstrukten, Hypothesen und Begriffen ein weites Feld von Phänomenen robust (im Sinne von zuverlässig und wiederholt) erklären oder vorhersagen. Eine elegante Theorie ist eingängig, konsistent, schlüssig und vermeidet unnötige Elemente oder Aussagen.

Form einer Theorie

Die Form einer Theorie (im Sinne ihrer Struktur) kann beispielsweise durch eine Metatheorie beschrieben werden (siehe den Eintrag unter M). Die übliche Form einer Theorie besteht aus einer Beschreibung der Prämissen der Theorie (ihren Grundannahmen oder → Axiomen), ihrer Konstrukte und Konzepte, ihre Hypothesen und deren Zusammenhang sowie (falls vorhanden) deren grafische Darstellung als Kausal-, Ebenen-, Klassifikations- oder Prozessmodell. Ein weiteres Formelement einer Theorie ist ihr Anwendungs- bzw. Gültigkeitsbereich (beispielsweise in Form einer Theorie mittlerer Reichweite).

Gesetze

Bestätigte Hypothesen (vgl. H) einer Theorie nennt man auch Gesetze.

Hypothesen

Der Kern vieler Theorien bilden Hypothesen. Diese Wirkungs- oder Zusammenhangsvermutungen erfordern eine klare Definition der verwendeten Begriffe bzw. Variablen, so wie die Möglichkeit diese auch irgendwie messbar oder beobachtbar zu machen. Hat sich eine Hypothese bestätigt, so wird sie quasi zum → Gesetz.

Induktion

Wird von vielen Einzelbeobachtungen aus auf ein generelles Prinzip oder Gesetz (als Teil einer Theorie) geschlossen, so bezeichnet man diesen Vorgang als Induktion. Man geht dabei also vom Besonderen zum Allgemeinen, vom Phänomen zur Theorie. Das Gegenteil finden Sie unter D.

Jargon

Die Theoriesprache ist leider (aber manchmal auch gezwungenermaßen) Jargon-beladen, vom Axiom bis zur Zweiweltentheorie von Platon. Ein guter Ratgeber durch den Dschungel theoretischer Begriffe liefert dabei Jürgen Mittelstraß mit seiner «Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie» aus dem Jahr 1996 bzw. 2008. Ein aktuelles, kompaktes und vielseitiges Potpourri interessanter wissenschaftlicher Begriffe liefert die grandiose Website edge.org auf Englisch. (hbfm.link/3509).

Kriterien der Wissenschaftlichkeit

Transparenz – von Verfahren, Quellen, Argumentation und vorliegender Evidenz – sowie Nachvollziehbarkeit sind zwei wichtige Kernkriterien der wissenschaftlichen Arbeitsweise und sollten demnach die Basis für die Entwicklung von Theorien bilden. Weitere Kriterien für eine hochwertige Theorie sind ihre Widerspruchsfreiheit, ihre Kompaktheit (in der Beschreibung) bei gleichzeitiger Vollständigkeit für das angegebene Gebiet oder Phänomen, ihre (zeitliche) Stabilität oder Robustheit, ihre Systematik (innere Struktur oder → Form), ihre Untermauerung durch empirische Evidenz, sowie ihr praktischer Nutzen für Analyse, Beschreibung oder Prognose → Rigor versus Relevanz).

Kommunikationstheorie(n)

Einer der fruchtbarsten Bereiche fürs Theoretisieren ist die menschliche Kommunikation. Bereits Aristoteles entwickelte eine einfache Klassifikation von rhetorischen Taktiken. Ausgangspunkt der modernen Kommunikationstheorie war das mathematische Modell der Kommunikation, welches Claude Shannon 1948 publizierte. Seither gibt es eine Fülle von Kommunikationstheorien, vom zwischenmenschlichen bis zum massenmedialen Kontext. Als exemplarische Referenztheorien seien die Sprechachttheorie (nach Austin und dann Searle) oder das Lasswell-Modell genannt.

Logik der Forschung

In diesem 1934 erschienen Buch stellt Karl Popper sein Kriterium der Falsifizierbarkeit vor und diskutiert die Probleme der Induktion. Aufgrund der schwierigen Schlussfolgerung aus einer Induktion empfiehlt er deshalb ein deduktives Vorgehen zur Weiterentwicklung unseres theoretischen Wissens.

[…]

Weiterlesen der Begriffe von M bis Z

 

ZOE Ausgabe 2/18
Bei diesem Text handelt es sich um einen Beitrag aus der aktuellen Ausgabe 2 der ZOE, woraus wir Ihnen hier exklusiv einen Auszug zur Verfügung stellen. Hier geht es zum vollständigen, kostenlosen Originalbeitrag von A bis Z.


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