Kritische Reflexion angewendet


Nicht alles unhinterfragt umsetzen | ©SZ Photos /stock.adobe.com

Das interessante am Beratungsberuf ist die Abwechslung und die Unberechenbarkeit von Organisationen. Beratende Personen werden dazu angeregt sich immer wieder neu an verschiedenen Situationen anzupassen, denn es gibt nicht „die eine Art“ von Organisationsform, genauso wenig wie es nur „die eine Art“ von Beratung gibt. Das ist herausfordernd und voraussetzungsvoll, benötigt eine gewisse Sicherheit und Gelassenheit im Handeln.

Auf dem neuesten Stand sein

Das gilt insbesondere für das Umfeld, in dem sich Beratung bewegt, denn Kunden erwarten sich die für sie beste und sinnvollsten Leistungen und das Feld Mitbewerber ist groß. Entsprechend hoch ist der Druck auf dem neuesten Stand der Entwicklungen zu sein. Man beobachtet den „Markt“ (nur wenige Beraterinnen können es sich leisten gratis zu arbeiten) und versucht sich möglichst gut zu positionieren.

Ähnlich groß ist übrigens auch der Druck auf der Kundenseite, denn Organisationen müssen permanent kritisch hinterfragen, ob sie „richtig aufgestellt“ sind, um ihr Überleben zu sichern. Entsprechend groß ist daher auch für Organisationen das Interesse, die aktuellsten Entwicklungen zu beobachten und mit den anderen mitzuhalten. Darüber hinaus will man ein attraktiver Arbeitgeber sein, von Kunden geachtet werden und der Konkurrenz ein Signal senden, dass man nicht zu unterschätzen sei.

Kritik üben

In solchen Situationen ist es nicht verwunderlich, dass beide Parteien aufmerksam verfolgen, welche Themen gerade intensiv diskutiert werden. Man könnte ja „von den Besten lernen“, bzw. erfolgreiche Methoden ebenfalls anwenden. Davon ist entschieden abzuraten, denn jede Organisation ist als ein individuelles soziales System zu betrachten. Organisationen folgen nicht nur den Marktveränderungen, sondern auch der inneren Logik: wie werden Entscheidungen getroffen, wie sind Kommunikationsabläufe gestaltet, welche Besonderheiten machen genau diese Organisation aus, die sie als Besonderheit prägen?

Für die Beobachtung des Geschehens in Organisationen und zur Vorbereitung entsprechender Interventionen bietet sich die Praxis der kritischen Reflexion an. Um dies besser zu verstehen lohnt sich zunächst ein kleiner Ausflug in die Etymologie. Das Wort „Kritik“ geht auf den altgriechischen Begriff „krínein“ zurück, das man unter anderem mit „scheiden, unterschieden, beurteilen“ übersetzen kann. Etwas kritisch betrachten bedeutet, es von anderem zu unterscheiden, durchaus auch in seine einzelnen Teile zu zerlegen, zu betrachten, sichten, vergleichen und schließlich auch zu beurteilen.

Reflexion kostet etwas

Das Wort Reflexion geht auf das Lateinische „reflectere, reflexum“ zurück, das man übersetzen könnte mit „rückwärtsbiegen, zurückbeugen, drehen, wenden, umkehren“, man könnte auch sagen: etwas wird zurückgeworfen bzw. wiedergegeben. Reflektieren bedeutet demnach, dass man etwas dreht und wendet, von anderen Seiten betrachtet, um zu einem sorgfältig erhobenen, der Realität näherkommenden Abbild der Wirklichkeit zu gelangen.

Wer kritisch reflektiert unterscheidet etwas und versucht diese Unterscheidung wiederzugeben. Unterscheidung bedeutet immer auch Informationsgenerierung. Erst der Unterschied, der einen Unterschied macht, produziert Information und in einer Unterscheidung erhält man basal sowohl Informationen über den Gegenstand, den man untersucht, als auch Informationen über das, was von diesem Gegenstand untersucht wird. Es schwingen immer diese zwei Seiten mit: wer flexibel meint unterscheidet dies von fix bzw. starr, wer Selbststeuerung fordert, impliziert gleichzeitig auch Fremdsteuerung, wer von Partizipation spricht, transportiert gleichzeitig auch eine Idee über bestimmende, autoritäre Verhaltensweisen.

Das Potenzial von Beratung

Damit verlassen wir den Pfad des Eindeutigen und eröffnen Verständnis über Mehrdeutigkeiten, was nicht nur mehr Informationen (und Möglichkeiten) mit sich bringt, sondern auch die Erfordernis von Zeit. Kritische Reflexion benötigt Zeit und die Bereitschaft mit mehrdeutigen Erkenntnissen umgehen zu können:

  • Es kann so gehen, aber auch anders.
  • Man kann partizipative Methoden anwenden und gleichzeitig über konkrete Vorgaben entscheiden.
  • Man kann Teams sich selbst steuern lassen und gleichzeitig auch von außen Steuerung vornehmen.
  • Man kann in kurzen Zyklen planen und dennoch das Ergebnis auf lange Sicht berücksichtigen.
  • Man kann die Mitarbeiter „empowern“ und dennoch auch beschränkende Regeln aufstellen.

Hier liegt übrigens das eigentliche Potenzial von Beratung: Beratung sollte anregen die andere Seite der Unterscheidung zu berücksichtigen. Kurzum: wenn Beratung als „Anwalt der Ambivalenz“ eine Praxis der kritischen Reflexion anregt, dann ist sie ihr Geld auch wirklich wert.

 

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


Top