Lieblingstheorien der ZOE-Redakteure


Prof. Dr. Thomas Schuhmacher, Redakteur der zeitschrift für OrganisationsEntwicklung

Die Strukturationstheorie

Auch die Redakteure der ZOE verwenden Theorien zur systematischen Reflexion ihrer Führungs-, Coaching- und Beratungstätigkeit. In dem nachfolgenden Abschnitt lernen Sie die Lieblingstheorie des ZOE-Redakteurs Prof. Dr. Thomas Schuhmacher kennen und erfahren, wie diese dabei hilft, Praxisprobleme besser zu verstehen und zu bewältigen. Neben Verwendung und Kernaussagen finden Sie einen kurzen Hintergrund sowie einen Literaturtipp.

Die Systemtheorie ist für mich zur unverzichtbaren Grundlage meines beraterischen Arbeitens und einer Quelle unzähliger Impulse in der Arbeit mit Führungskräften und Organisationen geworden. Neben der Systemtheorie bieten beispielsweise auch Kulturtheorien als weitere Vertreter der «Interpretativen Wende» in den Sozialwissenschaften ein bedeutendes theoretisches Reservoir für die Praxis der Organisationsberatung. In Anlehnung u. a. an die späten Arbeiten von Wittgenstein nutzen sie die analytische Leitdifferenz zwischen Wissensstrukturen und Handlungspraxis, um Praxisphänomene zu erklären.

Eine inspirierende kulturtheoretische Perspektive auf soziale Praktiken in Organisation und Gesellschaft bietet Anthony Giddens Strukturationstheorie. In ihr kommt das Anliegen der Kulturtheorien zum Ausdruck, die Trennung subjektivistischer und objektivistischer Ansätze zu überwinden.

Während erstere individuelle Gestaltungsmöglichkeiten betonen und gesellschaftliche oder organisationale Zwänge vernachlässigen, betonen die Zweiten die Steuerung des Subjekts durch über-individuelle Strukturen. Giddens Denkfigur der «Dualität von Strukturen» zeigt auf, wie Handlungen von Individuen jene Bedingungen reproduzieren, die dieses Handeln erst ermöglichen.

Giddens erläutert diese Dualität am Beispiel der Sprache: Grammatikalische Regeln ermöglichen Sprechen und Sinnverstehen. Unbeabsichtigte Folge des Sprechens ist aber, dass mit ihm die Regeln reproduziert werden. Die Struktur wird also durch die von ihr ermöglichten Handlungen produziert und reproduziert.

Die Strukturationstheorie bietet Ansatzpunkte bei der Analyse und Reflexion unbeabsichtigter Handlungsfolgen und unerkannter Handlungsbedingungen z. B. bei der Einführung von organisationalen Praktiken oder auch bei paradoxen Situationen. Oder in Giddens Worten: «Analyzing the structuration of social systems means studying the modes in which systems are produced and reproduced in interaction» (Giddens 1984, S. 25).

Literatur:

  • Giddens, A. (1997).Die Konstitution der Gesellschaft : Grundzüge einer Theorie der Strukturierung. Campus Verlag (englisch 1984: The Constitution of society. Outline of a theory of structuration, Cambridge.)


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