Neue Ansätze kritisch reflektieren


Statt rascher Bewertung kritisch reflektieren | © fotolila.com

Beobachtet man Organisationen und jene, die mit ihnen in Kontakt treten, so lassen sich interessante Wellenbewegungen in deren Praxis feststellen: Themen tauchen auf, finden Zuspruch, erfreuen sich hoher Popularität, werden hoffnungsvoll umgesetzt und verschwinden nach einiger Zeit wieder von der Bildfläche. Es wird, wie ein schöner alter Spruch abgewandelt werden kann, immer wieder „eine neue Kuh durch’s Dorf gejagt“.

Eine Idee wird gestreut

Wann immer ein neuer Ansatz für Organisationen diskutiert wird, lässt sich deren Popularisierung schön beobachten: Im ersten Schritt wird ein Artikel publiziert, der zunächst in kleineren Kreisen zirkuliert. Je nachdem wie provokant die Aussagen darin formuliert sind, werden diese Ansätze von interessierten Lesern diskutiert (Damit lässt sich übrigens eine Handlungsanleitung an Autoren formulieren: „Vergiss bei der Verfassung von Fachliteratur auf keinen Fall ein paar Provokationen einzustreuen!“).

In vielen darauffolgenden Diskussionsrunden ist eine gewisse Eigendynamik beobachtbar: Einige (belesene oder informierte) Kollegen und Kolleginnen lassen zufällig neue Schlagwörter fallen – übrigens sollten diese ebenfalls einen Neuigkeits- oder Fremdheitswert aufweisen. Das ist insofern wichtig, weil die Verwendung wichtiger Schlagwörter wie „Disruption“, „Nachhaltigkeit“, „Resilienz“ und in jüngster Zeit „Agilität“ einerseits Informiertheit suggeriert und anderseits die Community auf Trab hält, denn jeder muss intellektuell mithalten und darf keinesfalls den Eindruck erwecken, nicht am letzten Stand des Wissens zu sein. Kurzum: Wer ernst genommen werden will, muss natürlich mitreden können.

… und produziert Umsetzungsdruck

Daher werden Artikel in Fachzeitschriften oder im Internet gesucht (die Lektüre von Büchern würde mit zu viel Zeitaufwand verbunden sein), Kongresse besucht, bei denen die aktuellen Ideen kurz und prägnant dargestellt werden und schließlich ein einführendes Seminar („Werden Sie Experte von xyz in 2 Tagen“) gebucht. In erster Linie ist es wichtig die Konzepte in ihren Grundsätzen zu verstehen und möglichst einfach anzuwenden. Allerdings werden Konzepte und Vorgehensweisen selten kritisch hinterfragt, denn dafür hat man wenig Zeit, weil mittlerweile auch die Kunden aufmerksam geworden sind und nachfragen.

Manager, Personalverantwortliche, Mitarbeiterinnen aus internen Organisationsentwicklungs-Abteilungen und interessierte Mitarbeiter lesen oft die gleichen Fachzeitschriften, besuchen die gleichen Kongresse und buchen die gleichen einführenden Seminare. Auch diese Gruppen müssen ja „auf dem letzten Stand“ der Entwicklung sein. Im Kontakt zwischen organisationsinternen Personen und den externen Beraterinnen werden die oben erwähnten Schlüsselwörter zunächst vorsichtig und zurückhaltend verwendet, wie zufällig in Diskussionen eingestreut („nun, das klingt nach einem VUCA-Umfeld“) und schließlich immer öfter und selbstverständlicher genannt („Unter solchen VUCA-Bedingungen reicht es für diese Organisation nicht resilient zu sein, sondern sie muss besonders agil  werden, sonst wird sie ein Opfer der Disruption!“).

Gegenseitig verstärken sich die Gesprächspartner in deren Meinung und in kürzester Zeit geht es meist nur noch darum, „dass“ und „wie“ man den neuen Ansatz umsetzt und nicht mehr um das „Warum“.

Kritische Reflexion ist angebracht

Hier kommen wir zum zentralen Moment in der Auseinandersetzung mit neuen Methoden und Ansätzen: sie werden kaum kritisch reflektiert. Wenn wir hier von „kritischer Reflexion“ sprechen, dann ist damit nicht die Ausarbeitung einer endgültigen Bewertung als Ergebnis eines abgeschlossenen Prozesses zu verstehen, sondern die Eröffnung einer Argumentationskette, die man für den eigenen Erkenntnisgewinn nutzbar macht.

Erst durch kritische Reflexion wird eine (durchaus in der philosophischen Tradition verankerte) dialektische Herangehensweise eingeläutet, die man für den je eigenen Sachverhalt heranziehen könnte. Anders gesagt können dadurch die Überlegungen oder Erfahrungen anderer im eigenen Umfeld angewendet oder verworfen, abgeändert oder kreativ neugestaltet werden.

Wie man ein solches Vorgehen gestaltet sollte man genauer betrachten – mehr davon nächste Woche.

 

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail:Krejci@simon-weber.de)

 


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