Neue Erkenntnis gewinnen


Theorie und Praxis sind kein Widerspruch | ©Andrey Burmakin/fotolia.com

Beratung und Führung sind Tätigkeiten, die zu einem großen Teil von Unsicherheit geprägt sind. Gründe dieser Unsicherheiten sind einerseits die Fülle an Informationen (Komplexität), anderseits die permanente Möglichkeit, dass Entscheidungssituationen eine Vielzahl von Varianten bieten (Kontingenz). Darüber hinaus – und das ist wohl die größte Unsicherheitsquelle – muss man wohl oder übel akzeptieren, und dass die Zukunft nicht wirklich vorhersagbar ist. In dieser Gemengelage müssen dennoch Handlungen gesetzt werden und möglicherweise kann die Auseinandersetzung mit Theorie dafür durchaus sinnvolle „Haltegriffe“ im Organisationsalltag bieten.

Vorteile der Theoriearbeit

Theorien stellen die Synthese bereits vollzogener Gedanken, gemachter Erfahrungen oder allgemein anerkannten Wissens dar. Praktiker sehen einen Vorteil der Theorienutzung darin, dass sie vieles nicht neu abwägen müssen und rasch handeln können. Theorien sind für sie insofern äußerst hilfreich, da Kenntnisse über Mechanismen und Zusammenhänge von Phänomenen generalisiert werden können. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass bestimmte Erwartungen über zukünftige Entwicklungen erfüllt werden.

Ein weiterer Vorteil der Arbeit mit (und an) Theorie liegt für viele darin, dass sie neben der Anwendung anerkannten Wissens auch interessante neue Einsichten gewinnen können. Versucht man für bestimmte im Feld gemachte Beobachtungen entsprechende Erklärungen zu finden, ergeben sich nicht selten überraschende Sichtweisen und Wirkungszusammenhänge. Das ist insofern nicht unerheblich, weil auf diese Art und Weise mit komplexen Situationen gut umgegangen werden kann.

Zusätzlich kann das eigene Repertoire an Konstruktionen der Wirklichkeit durch Theorie ergänzt werden, indem man die Erkenntnis gewinnt, dass etwas „auch anders gedacht“ werden kann. Somit kann kontingenten Situationen mit entsprechend kontingenten Handlungsalternativen begegnet werden. Die dabei erzielten Schlussfolgerungen ermöglichen alternative Handlungen (systemische Berater würden sagen: „Interventionen“).

Wie wir sehen, nützen Praktiker Theorien um verschiedenste Herausforderungen zu bewältigen. Ein besonders wichtiger Vorteil, aktiv mit und an Theorie zu arbeiten ist das damit verbundene Lernpotenzial für die Arbeit an unterschiedlichen Organisationsfragen.

Praktische Anwendung

In der Praxis von Führung, Beratung und Training wird dafür ein Prozess angewendet, der dem Ansatz des „Action Learning“ bzw. „Experimental Learning“ („Aktions-Lernen“) folgt und von Kolb (1984, 2004) in vier aneinander folgenden Schritte gegliedert wurde.

  1. Zunächst wird gehandelt und auf diese Art werden „Daten“ produziert, die in Folge genauer untersucht werden („Konkrete Erfahrung“)
  2. Anschließend werden die beobachteten Phänomene gesammelt und reflektiert: Was konnte während der Handlungen beobachtet werden? Was war daran besonders und sollte näher untersucht zu werden? Wurden einmalige Phänomen beobachtet oder handelt es sich um Muster im Sinne von wiederholten Aktivitäten? („Reflexion der Ereignisse“)
  3. Welche Erklärungen können für die vorangegangenen Beobachtungen gefunden werden? Wie „passt“ das Beobachtete zu bisherigem Wissen? Gibt es vorhandene Erklärungen (=Theorien), die diese Phänomene einordnen helfen oder müssen neue gefunden werden? („Abstrakte Konzeptbildung“)
  4. Basierend auf den in den beiden vorangegangenen Schritten erzielten Erkenntnisgewinn (man könnte auch das griechische Wort „Episteme“ dafür verwenden) können nun weitere Handlungen geplant werden und mit der Durchführung von Handlungen (sh. Punkt 1) fortgefahren werden („Aktives Experimentieren“)

Es wird erkennbar, dass ein solches Vorgehen ein zirkuläres Lernen ermöglicht, denn man lernt „in Schleifen“ (bzw. „Loops“). Kern dieses Lernens stellen die zwei mittleren Schritte dar: einerseits die Reflexion des Erlebten (Sammlung von Beobachtungen) und anderseits der Versuch diese Beobachtungen zu erklären (Suche nach Erklärungen). Unmerklich – und äußerst praktisch -– ist man mit dieser Herangehensweise in der aktiven Theoriearbeit gelandet, die sich als ein äußerst kreativer Prozess erweist, bei dem – im wahrsten Sinne des Wortes – Neues erzeugt wird.

Zusätzlich bietet die Theoriearbeit einen weiteren Anwendungsvorteil: nämlich, dass man selbst an der Theoriearbeit mitwirkt! Viele Praktiker haben den Eindruck, dass diese Arbeit den Theoretikern „im Elfenbeinturm“ der Universitäten vorbehalten bleibt. Dem ist heftig zu widersprechen. Viele Kollegen (vgl. aktuell Nagel 2017) zeigen in ihren Publikationen wie man sehr interessante und auch praktisch äußerst hilfreiche Ergebnisse damit erzielen kann. Man muss es nur bewusst verfolgen.

 

Zur Nachlese:

  • Kolb, D. ( 1984): „Experiential Learning – experience as the source of learning and development“, Englewood Cliffs, New Jersey: Prentice-Hall,
  • Kolb, A. und Kolb, D. (2004): „Learning Styles and Experiential Learning in Higher Education“, Academy of Management Leaning & Education, Vol. 4. No. 2, S. 193-212.
  • Nagel, R. (2017): „Organisationsdesign. Modelle und Methoden für Berater und Entscheider“, 2. Auflage, Schäffer-Poeschel.

 

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


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