Neue Organisationsansätze und Widerspruchsbearbeitung


Teamarbeit zur Widerspruchsbearbeitung

Sich mit Widersprüchen in Organisationen zu beschäftigen kann mitunter überraschende Erkenntnisse zu Tage fördern. Diese Einsicht wundert nicht, sind doch Organisationen dazu gebaut Widersprüche zu bearbeiten. Alleine die Frage nach gleichzeitiger Bearbeitung von Aufgaben bringt uns die funktionale Differenzierung als Lösung des Problems. Wie wir gesehen haben, ergeben sich auch bei den aktuellsten Fragen des Organisierens, das gerne mit dem Begriff New Work (Bergmann 2017) umschrieben wird, Widersprüche.

Exploration vs. Exploitation

Der Einsatz von agilen Methoden wird oft mit dem Argument verknüpft, dass damit die Erarbeitung kreativer Lösungen ermöglicht wird. Die Arbeit in kleineren Teams und der Einsatz von Moderationsmethoden soll helfen neue, innovative Ansätze zu erarbeiten. March (1991) hat dafür den Begriff des „Explorierens“ („Exploration“) gewählt. Natürlich sind Organisationen gut beraten, ihre Produkte und Dienstleistungen zu hinterfragen, Verbesserungen zu erarbeiten, möglicherweise sich auch vollkommen neu zu erfinden. „Wer sich nicht verändert, wird verändert“ lautet die drohende Warnung.

Umgekehrt müssen auch ökonomische Fragestellungen berücksichtigt werden. Einmal entwickelte Verfahren sollten möglichst gut eingesetzt werden, um sich „zu rechnen“. Innovation kostet Zeit, Energie und Geld, und dieser Einsatz muss gerechtfertigt sein. Auch wenn Produktivität und Effizienzkriterien nicht bei allen Organisationstypen das oberste Gebot darstellen, sollten Fähigkeiten und Fertigkeiten in gewissem Sinne dennoch möglichst optimiert genutzt werden. Organisieren bedeutet mitunter, dass man das Rad nicht jeden Tag neu erfinden sollte. Wurden bestimmte Verfahren ausgearbeitet, so sollten diese möglichst gut „ausgenutzt“ werden („Exploitation“).

In aller Konsequenz bedeutet dies, dass die wesentliche Frage des Organisierens darin liegt, eine Balance zwischen Exploration und Exploitation zu finden. Unter diesen Aspekten wird erkennbar, dass es manchmal sogar sinnvoll ist, auf rein „agil“ zu verzichten und eher „klassisch“ vorzugehen. Grundsätzlich sollte die Frage bearbeitet werden, wann und in welchem Ausmaß exploriert und wann konkret „exploitiert“ werden sollte.

Digitales vs. Analoges

Die Vorteile der Digitalisierung liegen nicht nur darin, dass Roboter Arbeitsprozesse übernehmen, oder dass man mit Kommunikationsmedien Raum und Zeit überbrückt und sogenannte virtuelle Kooperation ermöglicht. Besondere Vorteile liegen auch darin, dass Algorithmen in der Lage sind, eine große Menge an Daten möglichst rasch und einfach zu bearbeiten und somit umfassende Informationen für Entscheidungsfindungen zu produzieren. Immerhin wird dadurch ermöglicht, dass „objektives“ Datenmaterial für Entscheidung herangezogen und (vermutlich noch wichtiger) die Entscheidung später mit diesen Daten gerechtfertigt werden kann. In manchen Situationen ist dies zweifellos sinnvoll.

All jenes, das man über Algorithmen entscheiden kann, wurde bereits dadurch entschieden, dass man eben die Entscheidung im Algorithmus „programmiert“ hat. Diese Algorithmen werden somit zu Prämissen (Luhmann 2000) für andere Entscheidungen, die vermutlich ebenfalls über Algorithmen bearbeitet werden. Über sie muss nicht mehr entschieden werden. Die Feststellung, dass nur jene Fragen entschieden werden können, die im Prinzip unentscheidbar sind (Foerster 1993), erhält gerade in der Digitalisierung besondere Aktualität.

Neben der „Objektivität der Zahlen“ gibt es dennoch Situationen, in denen subjektives „Bauchgefühl“ oft wichtiger Informationen liefern (Gigerenzer 2008). Wer kennt sie nicht, die Situationen, bei denen man „ein schlechtes Gefühl“ hat, dieses aber nicht erklären kann? Das Motto müsste lauten: „Wenn wir entscheiden müssen, wechseln wir in den analogen Modus“. Und das bedeutet jedoch, dass möglichst breiter Raum für Diskurs und Diskussion geboten werden sollte. Man kommt also nicht umhin, analoge Methoden wie das persönliche Gespräch, der Streit, die Diskussion, etc. bewusst zu fördern. Allerdings sind viele Moderationsmethoden dabei eher hinderlich, als nützlich.

Analoges und Digitales sind somit als gleichwertig zu betrachten und der jeweilige Einsatz sollte sorgfältig überprüft werden.

Umweltorientierung vs. Innenorientierung

In einer immer komplexer und unübersichtlicher werdenden Welt sind Manager bei ihren Entscheidungen nicht selten überfordert. Sie verfügen nicht immer über alle erforderlichen Informationen zu Umwelten wie Kunden, Lieferanten und Mitbewerbern und sind daher auf gute Informationsaufbereitung angewiesen. Natürlich liefern (wie oben angemerkt) neue digitale Medien viele Möglichkeiten der Datengenerierung. Dennoch kann man sich nicht immer auf die Ergebnisse von Algorithmen verlassen, sondern benötigt auch die Informationen von jenen, die auf Grund ihrer Nähe zu den Umwelten über besonders guten Einblick auf deren Erwartungen bzw. aktuellen Entwicklungen verfügen. Teamarbeit bietet sich als Form der Bearbeitung und Entscheidung besonders gut an, um ein gutes Sensorium für sich verändernde Umwelten zu gewährleisten.

Allerdings ist auch hier vor allzu viel Optimismus gewarnt. Richtig innovative Lösungen werden zumeist ohne Marktbeobachtungen oder Kundenbefragungen gefunden. Und es reicht nicht, sich nur an den Mitbewerbern zu orientieren oder jede Entscheidung in erster Linie an der Umwelt auszurichten. Man denke beispielsweise an die Entwicklung des Smartphones, die im Wesentlichen auf Basis der persönlichen Überzeugung und der internen Abstimmungen beruhte. Der Markt hat nicht immer Recht. Und man muss nicht immer den gleichen Weg wie die Konkurrenz gehen.

Und dieser Widerspruch zwischen dem Blick nach außen und der eigenen Überzeugung bzw. der internen Einschätzungen ist ein wichtiger Widerspruch, der behandelt werden muss.

Widerspruchsbearbeitung durch Teams

Es wird erkennbar, dass im Prinzip jeder Eindeutigkeit, jeder Singularität, jeder Einfachheit im Organisationsalltag mit großem Misstrauen begegnet werden sollte. Das gilt insbesondere für gut klingende Angebote („So werden Sie agil!“), die einfache Lösungen für komplexe Situationen versprechen. Komplexität ist eng mit Widersprüchen verknüpft, daher sollten Organisationen gerade im Sinn des adäquaten Umgangs mit Komplexität einen möglichst offenen Umgang mit den sich regelmäßig ergebenden Widersprüchen pflegen.

Teamarbeit bietet sich als perfekte Möglichkeit an, Widersprüchen zu identifizieren, zu benennen und zu bearbeiten. Teammitglieder sollten mit entsprechenden Fähigkeiten und Fertigkeiten vorbereitet, und mit ausreichender Entscheidungsbefugnis ausgestattet werden. Sprechen wir also von selbstorganisierten, selbst gesteuerten und autonom entscheidenden Teams, so wird beim Einsatz neuer Methoden die Bearbeitung von Widersprüchen besonders im Vordergrund stehen. Allerdings wird dies derzeit relativ wenig thematisiert.

 

Zur Nachlese:

  • Bergmann, F. (2015): Neue Arbeit, neue Kultur, Freiburg im Breisgau: Arbor Verlag
  • Luhmann, Niklas (2000): „Organisation und Entscheidung“. Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag
  • Foerster v., Heinz (1993): „KybernEthik“, Merve Verlag
  • March, J. (1991): „Exploration and Exploitation in Organizational Learning“. Organization Science, 2: Seite 71-87.
  • Gigerenzer, G. (2008) „Bauchentscheidungen“, 6. Auflage, München: Goldmann

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


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