«Nicht an den Setzlingen ziehen!»


"In China, dieser großen Zivilisation, wird immer an das uns etwas befremdende, doch für die Chinesen ganz natürliche Phänomen des Reifens gedacht. " | © paladin1212/ fotolia.com

François Jullien zählt zu den bedeutendsten Denkern unserer Zeit. Das internationale Beratungsunternehmen fgi Fischer Group International hat den Philosophen, Autor, Sinologen, Professor für ostasiatische Sprachen und Kulturen und Direktor des «Institut des la Pensée Contemporaine» (Institut für zeitgenössisches Denken) in Paris besucht, um ihn über «chinesisches Denken», «Macht» und «Wirksamkeit» zu befragen. Dieses Exklusiv-Interview wurde zur Veröffentlichung in der OrganisationsEntwicklung freigegeben.

Monsieur Jullien, schildern Sie zunächst bitte kurz Ihr Denkprogramm: Was verstehen Sie unter «dem Umweg über China»?

Jullien: Als ursprünglich hellenistischer Philosoph habe ich mich dazu entschieden, mein besonderes Augenmerk China und dem chinesischen Denken zu widmen. Man muss verstehen: China hat einen ganz anderen Zivilisationskontext, es befindet sich ganz außerhalb unserer europäischen Geschichte und unserer europäischen oder vielmehr indoeuropäischen Sprache. Ich wollte und will diese Exteriorität finden und mir zu Nutze machen, um das europäische Denken neu zu beleuchten, zu befragen, zu verstehen. Ich glaube nämlich, dass wir immer wieder an unserer Vernunft arbeiten sollten. China ist ein sehr guter Außenstandpunkt, der es uns ermöglicht, unsere europäische Vernunft zu hinterfragen.

Sie verwenden dafür den Ausdruck «Umweg-Rückkehr» (dé-tour-retour).

Jullien: Es geht darum, sich einerseits von den großen europä­ischen Philosophen, von ihrer Sprache und ihren Begriffen wie Gott, Sein und Freiheit abzuwenden; und sich dann – über den Umweg China – diesem europäischen Denken neu zu nähern. Der Umweg über China verläuft also in einer Endlosschleife. Es ist keiner, bei dem man sicher sein kann, irgendwann wieder in aller Ruhe nach Hause zurückkehren. Das chinesische Denken ist beunruhigend.

Uns interessiert besonders das Thema «Macht und China». Was ist Macht aus der fremden, exterioren, klassisch-chinesischen Perspektive?

Jullien: Macht ist im klassischen China ein bedeutender Begriff. Es ist allerdings sehr wichtig, dabei die großen antiken Denkschulen mit ihren verschiedenen Tendenzen zu beachten. So gibt es einerseits die Tradition, nach der Macht zum Einzigen geworden ist, um das es für die Menschheit geht. Und zwar im Zusammenhang mit einer Tendenz, die man als die der «Legisten» bezeichnet (vielleicht sollte man aber lieber, exakter von «Totalitaristen» oder «Autoritaristen» sprechen). Es handelt sich hierbei um die Schule der Antike, unter deren Einfluss der erste chinesische Kaiser das chinesische Kaiserreich 221 v. Chr. begründet hat. Diese Denkschule denkt tatsächlich nur an Eines, nämlich an die Macht: Wie kann man es einrichten, dass ein Prinz so viel Macht wie nur irgend möglich hat? Vereinfachend zusammengefasst lautet die Antwort: Macht hat, wer Angst erzeugen und Belohnungen verteilen kann. Mit «Belohnungen» geht man auf Interessen ein, durch «Strafen» wird Angst erzeugt. Man wirkt auf die natürlichen Gefühle der Menschen, auf die Gefühle des Volkes ein – ausgehend von der Position einer Person, die die Autorität innehat.

Die Idee, die schon damals in China entwickelt wurde, kennen wir heute nur zu gut: Die Macht, das ist Wissen. Wer weiß, was in seinem Prinzenreich passiert, wer weiß, wo gerade ein Komplott geschmiedet wird, wo gerade ein Streit stattfindet etc., der hat die Macht. Vielleicht ist Ihnen das Buch von Michel Foucault bekannt, Überwachen und Strafen (Surveiller et punir). Er beschreibt darin ein Instrument, das bewirkt, dass derjenige, der die Macht innehat, alles sehen kann. Auch wenn der Bewacher gerade nicht da ist, denkt der Überwachte, er könne möglicherweise gerade überwacht werden – und folglich bleibt er artig (ebenda nach Jeremy Bentham’s Konzept des Panopticon). Dieses Instrument ist ganz wichtig für das Machtdenken in China.

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