Rahmenbedingungen für forschende Beratung


Erste wichtige Fragen zu Beginn der Forschung | ©denisismagilov/fotolia.com

Dass Beratung und Forschung trotz ihrer unterschiedlichen Grundlogiken eine Menge methodischer Gemeinsamkeiten aufweisen, hatten wir letzte Woche erwähnt. Wollen Beraterinnen forschend tätig werden, so sind Entscheidungen über bestimmte Rahmenbedingungen erfolgskritisch. Dazu  gehört die Klärung von Fragen rund um die grundsätzlichen Absichten und Ziele, sowie die jeweiligen Rollen, die von den jeweiligen Akteuren übernommen und ausgeübt werden.

Wer möchte was von wem?

Zunächst ist das grundsätzliche Interesse für die Forschung zu klären. Einerseits kann eine Organisation das Interesse daran haben, man denke beispielsweise an eine Untersuchung hinsichtlich der Zufriedenheit der Mitarbeiterinnen, oder an Marktforschung. In den letzten Jahren haben sich einige Unternehmen auf viele solcher Fragestellungen spezialisiert. Sie werden explizit für eine Untersuchung beauftragt, erhalten entsprechende Unterstützung durch die Organisation und stellen ihren Auftraggebern die Ergebnisse exklusiv zur Verfügung. Die Organisation entscheidet intern, was mit den Resultaten geschieht und in der Regel dringt nichts davon nach außen.

Organisationsberaterinnen, haben ein hauptsächliches Interesse an Funktionalitäten (und Dysfunktionalitäten) des organisatorischen Alltags. Sie stützen sich dabei auf ihr Wissen und ihre Erfahrungen. Wissen kann über Literaturstudium (Bücher, Fallbeschreibungen, ZOE etc.) oder diverse Weiterbildungsangebote (Seminare, Konferenzen, etc.) generiert werden. Erfahrungen werden direkt im Arbeitsalltag bei den Kundensystemen gemacht und liefern jenes empirische Datenmaterial, das sich im Laufe der Zeit (und im Zuge der damit verbundenen Aufträge) als Grundlagen für das eigene Vorgehen anbietet. Beratung will natürlich im Sinne des Kundenauftrages wirksam werden und verfolgt auf lange Sicht das Ziel entweder wieder beauftragt oder zumindest weiter empfohlen zu werden.

Will man jedoch die Erfahrungen generalisieren und einen Beitrag am allgemeinen Wissen leisten, wäre eine explizite Untersuchung eines Gegenstandes eine gute Möglichkeit. Allerdings erfordert dies eine klare Trennung von jenen Absichten und Zielen, die üblicherweise im Beratungsfall bestehen. Forschung lebt auch von der Veröffentlichung.

Den Feldzugang ermöglichen

Das Interesse der Forscherinnen ist idealerweise als Forschungsfrage formuliert. An Hand der Forschungsfrage entwerfen sie ein entsprechendes methodisches Vorgehen, um das „Feld“ zu untersuchen. Eine solche Untersuchung dient auf vielfältige Art und Weise dazu, Informationen zu generieren. Dabei können Methoden wie Aktenstudium, Beobachtungen, Interviews, etc. zur Anwendung kommen.

Um allerdings an Informationen zu gelangen erfordert dies die Zustimmung der Beforschten. Daher ist ein entsprechender Kontakt zur Organisation eine erste wichtige Voraussetzung, denn dieser kann den Zugang zur Organisation ermöglichen. Diese Funktion, für die auch der Begriff Gatekeeper (vgl. Lewin 1947) gut passt, wird in der Regel von Mitgliedern der beforschten Organisation übernommen. Diese Gatekeeper stellen als interne Vermittler zwischen Organisation und Forscherinnen eine wichtige Schnittstelle im Forschungsprozess dar. Sie ermöglichen den Zugang zu Daten, können grundsätzliche Fragen klären und stehen den Forscherinnen mit Rat und Tat zur Seite. Im Kontakt mit den Gatekeepern werden Informationen generiert, die ihrerseits ebenfalls wichtiges empirisches Datenmaterial darstellen. Dieses Material sollte von den Forscherinnen entsprechend dokumentiert und analysiert werden. Allerdings ist das besonders intensive und vertrauensvolle Verhältnis zwischen Forscherinnen und Gatekeepern mit der Gefahr unerwünschter und unbeabsichtigter Einflussnahme verbunden. Dieser Umstand muss zwischen beiden Parteien regelmäßig thematisiert und von den Forscherinnen in ihren Auswertungsschritten entsprechend berücksichtigt werden.

Rollen klären

Der Kontakt zu einer Organisation kann über Beraterinnen erfolgen, die Ansprechpartner in dieser Organisation kennen. Allerdings kann es problematisch werden, wenn diese externen Kontaktpersonen in der Vergangenheit oder in der Gegenwart in der Organisation beratend tätig waren bzw. sind. In solchen Fällen spricht zwar nichts gegen eine Beteiligung am Forschungsprozess, allerdings sollte man besonders vorsichtig bei der aktiven Feldforschung sein. Es wäre beispielsweise nicht sinnvoll, wenn man früher ein Team beratend begleitet hat und nun dieses Team zu ähnlichen Themen beforscht. Die Verführung, die eigenen Arbeiten zu hinterfragen bzw. zu evaluieren wäre eher kontraproduktiv, denn man würde mehr als ehemalige Beraterin auftreten und weniger als neugierige, nach allen Seiten interessierte Forscherin.

Darüber hinaus ist es besonders wichtig, dass Forscherinnen mit Beratungshintergrund während des Forschungsprozesses keinerlei Akquise-Tätigkeiten zeigen. Man würde sowohl den Forschungsprozess behindern, als auch die Akzeptanz der Ergebnisse beeinträchtigen.

Grundsätzliche Fragen bearbeiten

Schließlich sollte man bei jedem Kontakt zur Organisation die wesentlichsten Eckpunkte der Forschung präsentieren können. Dazu gehören die erwähnte Forschungsfrage und erste Ideen zur Vorgehensweise. Im Zuge eines Gespräches können entsprechende Rahmenbedingungen und auch juristische Fragestellungen bearbeitet werden: Was soll wann für wie lange untersucht werden? Was geschieht mit dem erhobenen Material? Wie geht man mit sensiblen Informationen um? Wie stellen die Forscherinnen sicher, dass keine wichtigen Informationen nach außen dringen? Gibt es auch noch Kontakt zu Mitbewerbern und wie ist gewährleistet, dass diese nicht zu viel Einblick in die eigene Organisation erhalten?

Solche Fragen sollten offen besprochen und sinnvollerweise schriftlich vereinbart werden. Was dabei zu berücksichtigen ist, werden wir nächste Woche untersuchen.

 

Zur Nachlese:

  • Lewin, K. (1947): Frontiers in Group Dynamics: Concept, Method and Reality in Social Science; Social Equilibria and Social Change; in: Human Relations No 1/1947, pp 5-41.

 

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


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