Reflexion führt zu (Selbst)Vertrauen


Methode und Wirkung aktiver Reflexion | © Kurhan / fotolia.com

Ein aufmerksamer Organisationsbeobachter und treuer Leser dieser Kolumne (Michael K.) kommentierte den vermehrten Bedarf an Vertrauen  mit den Worten, dass damit auch die „… steigende Bedeutung eines reflektierten und erfahrungsgesättigten Selbstvertrauens“ verbunden wäre. Dieser Feststellung stimme ich zu, insbesondere auf das jeweilige soziale System.

Unterscheidung Psyche und soziales System

Die Unterscheidung zwischen psychischem und sozialem System ist insofern wichtig, da damit zwei verschiedene Arten von Operationsformen gegeben sind. Sehr vereinfacht ausgedrückt, prozessieren psychische Systeme Gefühle und Gedanken, die sie über Kommunikationen in soziale Systeme übertragen. Beide Systeme sind „gekoppelt“ und stellen einander höchst relevante Umwelten dar:

Die Kommunikationen im sozialen System werden von den Individuen wahrgenommen und beobachtet. Die Ergebnisse aus diesen Wahrnehmungen und Beobachtungen werden von den Individuen mit ihren persönlichen Erfahrungen, Meinungen, Einstellungen, Werten, etc. sowie Vorannahmen kombiniert. Dieser Prozess erzeugt eine jeweils eigene Vorstellung von der Wirklichkeit. Durch darauf folgende Reaktionen entsteht weitere Kommunikation im sozialen System.

Reflexion auf individueller und auf sozialer Ebene

Hinsichtlich des Vertrauens und der damit verbundenen Reflexionsfähigkeit muss man nun ebenfalls beide Systemebenen berücksichtigen. Reflexion auf individueller Ebene (d.h. psychisch) sollte in zwei Richtungen erfolgen, nämlich hinsichtlich der Vergangenheit und der Zukunft.

Der Blick in die Vergangenheit bedeutet, dass man Vertrautes adressiert, auf Erfahrungen zurückblickt und unterstellt, dass sich dies wiederholen wird. Ohne Vertrautheit ist weder Vertrauen noch Misstrauen möglich (Luhmann 2014). Fragen dazu könnten lauten: Was habe ich bis jetzt beobachtet? Wie sind diese Ereignisse abgelaufen? Habe ich gute oder schlechte Erfahrungen gemacht?

Richtet man im Zuge der Reflexion den Blick jedoch zusätzlich auch in die Zukunft, so wird Vertrauen zum Thema gemacht. Beispielsweise könnte man fragen: Wie leicht fällt es einem selbst zu vertrauen? Welche Voraussetzungen sind dafür erforderlich? Was löst Vertrauen aus und wie könnte dieses beschädigt werden?

Das Ergebnis der Reflexion

Über die Reflexion auf individueller Ebene ist es möglich, das eigene und das soziale Handeln zu beobachten zu erklären und zu bewerten. Die Reflexion auf individueller Ebene kann dabei vielfältig erfolgen: man denkt intensiv über bestimmte Ereignisse nach, schreibt ein Tagebuch oder bespricht die eigenen Situationen im Zuge eines Coachings (wobei der Coach in der Regel kein Akteur der dabei behandelten Situation ist). Die dadurch gewonnene Erkenntnis hilft dabei mit sich selbst vertraut zu werden und dies ermöglicht genügend Selbstvertrauen für das eigene zukünftige Handeln zu gewinnen. Diese Erkenntnis ist allerdings für bestimmte soziale Konstellationen (wie zum Beispiel ein Team, eine Abteilung, etc.) weder erkennbar, noch kann sie ein aktiv bearbeiteter Teil der Kommunikation werden.

Besonders gehaltvoll scheint daher die Reflexion auf sozialer Ebene. Im Zuge einer Reflexion auf sozialer Ebene können die Gedanken und Gefühle der Individuen zum Thema gemacht werden („Ich hab ein ganz schlechtes Gefühl dabei, wenn wir diesem Kunden einen Kredit gewähren, ich kann es aber nicht mit Fakten unterlegen“) und somit wichtige Kommunikationsprozesse ausgelöst werden. Es können Beobachtungen, Einstellungen, Hypothesen und Schlussfolgerungen zu verschiedenen Handlungen thematisiert werden („Wir vermuten, dass es richtig sein könnte unsere Kunden sofort darüber zu informieren“). Im Zuge der Interaktion können Erwartungen, Regeln und Strukturen  besprechbar gemacht werden („Wann immer x passiert, sollten wir auf jeden Fall unseren Prozess y durchführen “). In diesen Fällen kann sowohl Vertrautheit als auch Vertrauen auf personaler und auf Systemebene bearbeitet werden.

Gelegenheit zur Reflexion

Die gemeinsame regelmäßige Reflexion kann durchaus als eine der wichtigsten Handlungen in sozialen Einheiten, speziell in Arbeitsgruppen und Teams betrachtet werden. Eine äußerst hilfreiche Vorgehensweise dabei ist, zunächst auf individueller Ebene einen Prozess des Nachdenkens zu starten und dessen Ergebnisse auf sozialer Ebene zu sammeln. Sinnvolle Fragen könnten lauten:

  1. Was ist uns (in Zusammenhang mit xxxx) bisher gut gelungen? Worauf blicken wir stolz zurück? Womit sind wir zufrieden? Warum?
  2. Was ist uns (in Zusammenhang mit xxxx) nicht so gut gelungen? Was sollten wir anders machen? Warum?
  3. Welche (sozialen oder sachlichen) Themen sollten untereinander besprochen werden?
  4. Was haben wir seit dem letzten Mal gelernt (und zwar über uns und auch inhaltlich)?

Solche oder ähnliche Fragen können im Training, während eines Projektes, am Ende eines bestimmten Zeitraumes (z.B. Monatsende), etc. bearbeitet werden. Ein Effekt besteht darin, dass erforderliche Klärungen vorgenommen werden können und gemeinsames Vertrauen erweitert wird. Darüber hinaus gewinnt man Selbstvertrauen für zukünftige Herausforderungen. Dies alles scheint keine unerhebliche Investition zu sein.

 

Anmerkung: Für die Reflexionsfragen bin ich einem meiner Lehrer, dem Philosophen und Gruppendynamiker Gerhard Schwarz, sehr dankbar. Ich habe die Fragen für diesen Beitrag etwas adaptiert und verwende sie ich bei jeder nur möglichen Gelegenheit, wenn ich mit Gruppen und Teams arbeite.

 

Zur Nachlese:

  • Luhmann, Niklas (2014): „Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität“, 4. Auflage, (erste Auflage: 1968, bei Stuttgart: F. Enke Verlag) Lucius & Lucius

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


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