Systemisch, was sonst?


Grundlagen systemischen Arbeitens | ©alphaspirit/fotolia.com

Wenn ein Wort die Beratungsszene beherrscht, das als eine Art Gütesiegel verwendet wird, dann ist es wohl die Bezeichnung „systemisch“. Auch hier wurden bereits des Öfteren Themen anhand systemischer Erklärungsansätze bearbeitet. Was steckt allerdings hinter der Bezeichnung? Womit sollte man rechnen können, wenn man systemisch arbeiten will bzw. wenn man jemanden engagiert, der behauptet „systemisch“ zu arbeiten?

Wieder einmal: die alten Griechen

Das Wort System (griechisch sýstēma) selbst stammt aus dem Griechischen und geht auf das Wort „synhistanai“ zurück, das sich aus syn (für „zusammen“) und histanai (für „stellen, aufstellen“) zusammensetzt.  Ein System ist demnach ein Gebilde, eine Gesamtheit, eine Zusammensetzung. Wer mit Systemen arbeitet, hat mit „Zusammensetzungen“ zu tun, also einem Ganzen, das sich aus Einzelteilen zusammensetzt. Wer auf das Ganze blickt, blickt auch auf die Einzelteile und umgekehrt. Man kann also weder das Einzelne noch das Ganze ignorieren, sondern blickt auf beides. Dabei berücksichtigt man insbesondere die Beziehungen zwischen den Einzelteilen und deren Verhältnis als Gesamtheit zu anderen „Gesamtheiten“.

Ein beispielhafter Fall

Das klingt zunächst sperrig und akademisch, lässt sich jedoch anhand eines einfachen praktischen Beispiels erklären: Herr Meier leitet eine Abteilung und findet, dass seine Mitarbeiter nicht gut kooperieren, daher verordnet er ihnen ein spezielles Training zur Zusammenarbeit. Dahinter steckt sein Eindruck, dass das Problem in erster Linie die Kompetenz der Mitarbeiter betrifft. Systemisch denkende Führungskräfte (und Berater) sehen das Problem hingegen differenzierter: der Mangel an Kooperation könnte an den Mitarbeitern liegen, aber auch an fehlenden Möglichkeiten zusammenarbeiten zu können. Auslöser könnten daher sowohl individueller Natur sein (Ausbildung oder frühere Enttäuschungen), als auch die schlechten Beziehungen untereinander, der Kontext der Zusammenarbeit, etc.

Die Tradition systemischen Denkens geht auf verschiedene Theoriezweige wie beispielsweise Konstruktivismus, Ethnologie, Therapie, Kommunikationstheorie, Soziologie und Biologie zurück und bietet daher eine multidisziplinäre Sichtweise auf Phänomene. Dies macht das Ganze interessant, gleichzeitig schüchtert es auch ein wenig ein. Wer ist schon Meister auf allen Gebieten? Daher der Reihe nach.

Von subjektiven Wirklichkeiten zu ethnologischen Beobachtungen

Der Konstruktivismus folgt dem Prinzip, dass Phänomene je nach Beobachtung konstruiert werden. Drei Beobachter eines Autounfalles bezeugen je nach ihrer eigenen Wahrnehmung den Vorgang unterschiedlich. Jeder ist felsenfest von der Richtigkeit seiner Beobachtung überzeugt. Das wundert nicht, denn jeder blickt auf seinen Ausschnitt der Wirklichkeit und konstruiert sich diese dadurch. Wirklichkeiten sind demnach als subjektiv zu bezeichnen, insbesondere wenn es sich um soziale Phänomene handelt. Herr Meier kann nur einen Ausschnitt der Tätigkeiten in seiner Abteilung beobachten. Er bewertet das Wirken seiner Mitarbeiter mit anderen Maßstäben als diese ihre Arbeit bewerten. Er erklärt sich Zusammenhänge nach seinen Annahmen, Erfahrungen und Kenntnissen. Kurzum, Herr Meier konstruiert sich seine Wirklichkeit äußerst subjektiv.

Ethnologen beobachten Verhaltensweisen von größeren Gruppen und versuchen diesen Verhaltensweisen Bedeutung zu geben. Sie suchen Wiederholungen und Regelmäßigkeiten im Verhalten. Erfahrene Ethnologen erkennen, dass alles Mögliche, was sie beobachten eine wichtige Information darstellen kann. Je mehr sie beobachten, je unterschiedlicher sie diese Beobachtungen zu deuten versuchen und je länger sie beobachten, desto klarer wird ihr Bild, das sie sich machen können. Sie geben sich nicht mit einfachen Beschreibungen, Erklärungen und Bewertungen zufrieden, sondern versuchen diese zu „verdichten“ (Geertz 1987). Herr Meier kann es sich als Führungskraft nicht leisten ethnologisch vorgehen zu können, denn er muss rasch reagieren und Entscheidungen treffen. Holt er sich Hilfe von einer systemischen Beraterin, dann wird diese zunächst versuchen ethnologisch vorzugehen, um umfangreiches Datenmaterial zu finden. So, als hätte sie es mit einen „fremden Stamm“ zu tun, beobachtet sie die Abteilung von Herren Meier.

Die Erzeugung von Kommunikation und Beziehungen

Wer beobachtet unterscheidet. Vieles, das von Bedeutung ist, das einen Unterschied darstellt wird zu einem interessanten Datum, zu einer Information. Es wird ein Unterschied festgestellt, der einen Unterschied macht (Bateson) und mit etwas Glück wird dieser Unterschied anderen Akteuren mitgeteilt. Womit wir bei der Kommunikationstheorie landen, einer weiteren wichtigen Disziplin systemischen Arbeitens. Herr Meier wird seine Beobachtungen und Schlussfolgerungen (Unterschiede, die einen Unterschied machen und somit zu Information werden) seinem Vorgesetzten mitteilen und dessen Entscheidung zu besagtem Training einholen. Je nachdem ob er dies mündlich, schriftlich oder über ein anderes Medium vornimmt, zeigt die Reaktion des Vorgesetzten, ob er die Mitteilung verstanden hat. Dadurch „gelingt“ die Kommunikationsabsicht.

Die Kommunikationen von Herrn Meier zu seinen Mitarbeitern, seinem Vorgesetzten, seinen Kollegen, seiner Beraterin, etc. sind abhängig von den jeweiligen Beziehungen zu den Kommunikationspartnern. Beziehungen werden gestaltet in Abhängigkeit von sachlichen, sozialen und zeitlichen Aspekten. Diese Aspekte sind (untere anderem) wichtige Themen der Soziologie.

Der Einfluss ist enden wollend …

Schließlich stellt sich die Frage, inwieweit die Absichten von Herrn Meier oder seiner Beraterin den erwünschten Erfolg zeigen. Manches wird Wirkung zeigen und folglich eine richtige Aktion darstellen. Andere Aktivitäten hingegen werden vermutlich unwirksam sein. Ähnlich einem Gärtner, der nicht weiß, ob er seine Pflanze richtig gießt. Je nach Pflanzenart und ihren jeweiligen internen und externen Gegebenheiten (Kaktus, Sonnenblume, Hortensie oder Rose) kann der Gärtner nur annehmen, dass er das richtige tut. Die Pflanze „entscheidet“, wie sie reagiert, man kann mit ihnen nicht „instruktiv interagieren“ (Maturana & Varela 1984). Solche biologischen Grundsätze können auf soziale Systeme (wie sie Teams oder Organisationen darstellen) umgelegt werden (Luhmann 1984).

Wir enden hier mit unseren (sehr eingeschränkt dargestellten) Erklärungsansätzen und stellen fest, dass ziemlich viele Möglichkeiten bestehen, die Wirkungsweisen von Systemen zu erklären.

Schlussfolgerung

Systemisch Arbeiten bedeutet, das System anzuregen unterschiedliche Konstruktionen der Wirklichkeit (d.h. Sichtweisen, Erklärungsansätze und Bewertungsmöglichkeiten) hinsichtlich sachlicher, sozialer und zeitlicher Dimensionen zu erzeugen. Dabei werden Strukturen, Muster und Beziehungen untersucht und bearbeitet, die sich im Rahmen von Kommunikationen ergeben.

„Systemiker“ akzeptieren, dass sie es nie mit „objektiven Wirklichkeiten“ zu tun haben können. Aus diesem Grund arbeiten sie lieber mit vorübergehenden Annahmen (Hypothesen). Dahinter steckt auch die wichtige Einsicht, dass keine direkte Einflussnahme möglich ist und das jeweilige Ergebnis ihres Wirkens relativ offen ist. Somit werden komplexe Gegebenheiten (Praxis) akzeptiert, die durch gleichfalls ausreichend komplexe Erklärungen (Theorie) bearbeitet werden.

Durch Berücksichtigung solcher (und in Wahrheit weiterer) Prämissen ist man als systemisch denkender und agierender Akteur übrigens in der Lage Fachwissen und Prozess-Know-How zu kombinieren. Und dafür lohnt es allemal sich mit einer umfangreichen Theorie auseinanderzusetzen.

Und übrigens: wer einmal damit begonnen hat, wird feststellen, das man gar nicht anders als systemisch denken kann.

 

Zur Nachlese:

  • Geertz, Clifford: (1987): „Dichte Beschreibung- Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme“ Frankfurt am Main: Suhrkamp
  • Luhmann, Niklas (1984): “Soziale Systeme“, Frankfurt am Main: Suhrkamp
  • Maturana, Humberto & Varela, Francisco (1984): Der Baum der Erkenntnis;

 

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


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