Thesen zur Arbeit mit Theorie


Theorie hat praktische Vorteile | ©fotofabrika/fotolia.com

Nach einer Reihe von Argumenten zur Theoriearbeit ist es angebracht, den Beobachtungsfokus auf sich selbst zu richten. Getreu Bateson (1972) soll am Ende der gesammelten Beobachtungen die Beobachtung zweiter Ordnung praktiziert werden: Wie beobachtet sich ein Organisationsbeobachter bei seinen eigenen Beobachtungen von Theoriearbeit? Eine Zusammenfassung von (natürlich subjektiven!) Thesen zur Theoriearbeit soll helfen die gesammelten Beobachtungen zuzuspitzen.

Theoriearbeit hilft Hypothesen über Phänomene zu erstellen

Organisationen sind soziale Systeme, die geprägt sind von Unsicherheiten, Unabwägbarkeiten, Komplexen Situationen, einer Fülle von Widersprüchen, einer unüberblickbaren Anzahl von Variablen und Einflussfaktoren. Jeder Versuch, Organisationen mit einem klar definierten Regelwerk zu steuern, ist schon von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Zwar haben Manager die Aufgabe, Organisationen zu „lenken“, aber sie wissen, dass dies im Prinzip unmöglich ist. Auch Berater wissen, dass das Gelingen jeder ihrer gut gemeinten Absichten nicht vorhersehbar ist.

Weil Organisationen nicht berechenbar sind, ist es auch nicht hilfreich eine umfassende, lückenlose, einfache und klare Theorie über Organisationen zu erstellen. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass man auf Theorie verzichten muss. Die Anwendung von Theorien über Organisationen (man beachte den zweifachen Plural) kann dabei helfen Annahmen und Thesen über beobachtete Phänomene zu formulieren. Auf diese Art ist man in der Lage überbrückende Konstruktionen der Wirklichkeit zu erzeugen, die bei der Findung und Entscheidung von Interventionen hilfreich sind.

Theoriearbeit bringt Unerkanntes in Beobachtung

Wer viel gereist ist, kann viel über die Welt erzählen. Wer über eine breite Palette an Theorieverständnis verfügt, ist in der Lage sowohl andere Beobachtungen, als auch andere Erklärungen zu generieren. Je mehr alternative Sichtweisen in das Blickfeld kommen, desto wahrscheinlicher kann Verborgenes und Unerkanntes aufgedeckt werden. Dies lässt sich besonders gut im Rahmen kollegialer Fallarbeit beobachten: Theoriefeste Kolleginnen und Kollegen sind in der Lage eine Vielzahl von Annahmen, Erklärungsansätzen und Lösungsvorschlägen zu erzeugen. Dadurch wird jede Diskussion mit Argumenten, Streitpunkten und Ideen angereichert, was zu produktiven, kreativen und vielschichtigen Ergebnissen führen kann. Auf diese Art können neue und überraschende Erkenntnisse gewonnen werden.

Theoriearbeit synchronisiert Teamhandlungen

Die Zusammenarbeit von mehreren Beratern hat keineswegs nur ökonomische Gründe, wie manche Beobachter vermuten. Vier oder mehr Augen sehen und beobachten mehr als nur zwei. Zwei oder mehr Gehirne können viel mehr Ideen produzieren als nur eines (vorausgesetzt, die Gedanken werden kommuniziert und nicht nur gedacht).

Der wesentliche Vorteil, mehrere Berater zu beauftragen, liegt aber in der paradoxen Situation von Teamarbeit, dass Teams dann besonders produktiv sind, wenn sie sowohl möglichst viele Gemeinsamkeiten, als auch möglichst viele Unterschiede aufweisen. Die sich dadurch ergebenden Differenzierungen können auf theoretischen Grundannahmen, Branchenerfahrungen, Erfahrungen mit bestimmten Problemstellungen, etc. basieren.

Ein an Theorie orientiertes Vorgehen in der Beratung könnte vermeiden, dass die Interventionen erratisch und beliebig gesetzt werden. Daher scheint der Kern der Gemeinsamkeiten in einem konsistenten Theorieverständnis zu finden zu sein (z.B. systemisch-konstruktivistische, strukturalistische, organisationspsychologische, personenzentrierte Ansätze, etc.). Dadurch können andere Unterschiede komplementär und somit produktiv genutzt werden.

Diese Argumente lassen sich übrigens auch auf Führungsteams umlegen.

 

Zur Nachlese:

  • Bateson, G. (1972): Ökologie des Geistes. Frankfurt: Suhrkamp.

 

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


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