Verantwortlichkeit und Verantwortung


Organisationen orientieren sich in erster Linie an Zwecken und beschäftigen sich üblicherweise nicht mit Ethik. | © Aaron Amat/fotolia.com

Ein international äußerst erfolgreiches Produktionsunternehmen gerät in die Schlagzeilen: Es wurde publik, dass bei der Beschreibung technischer Details einiger Produkte offenbar „ein wenig geschummelt“ wurde. Die Suche nach Schuldigen beginnt, der CEO tritt zurück und sein Nachfolger versucht die Wogen zu glätten. Die Feuilletons der Medien diskutieren aufgeregt und intensiv die Forderung nach „ethischem Verhalten in Organisationen“.

Nicht einzelne, sondern Strukturen fokussieren

Die Suche nach und Bestrafung von Schuldigen, als auch die Forderung nach mehr Ethik scheint mir eher simplifizierend und unzureichend. Die Problemlage wird dadurch personalisiert und die Funktionsweise von Organisationen negiert. Organisationen orientieren sich nämlich in erster Linie an Zwecken und beschäftigen sich üblicherweise nicht mit Ethik. Menschen können zwar Fehlverhalten an den Tag legen (also unethisch handeln), aber die Widerstandsfähigkeit eines Systems zeigt sich daran, wie es individuelles Fehlverhalten im Rahmen seiner inneren Strukturen korrigiert. Daher rücken Fragen nach jenen Gegebenheiten in den Mittelpunkt, die unerwünschte Handlungen in einem System begünstigen, ermöglichen oder vielleicht sogar erfordern. Im konkret vorliegenden Fall richte ich meine Aufmerksamkeit auf die für Entscheidungen in Organisationen wichtige Unterscheidung zwischen Verantwortlichkeit und Verantwortung.

Verantwortlichkeit und Verantwortung – ein Paar Schuhe

Verantwortlichkeit bezeichnet eine strukturelle Adresse, die im Zweifelsfall ansprechbar ist und Auskunft über Sachverhalte geben kann. Eine solche Adresse steht anderen Akteuren wie zum Beispiel Kooperationspartnern, Lieferanten, Regulatoren, Medien, etc. zur Verfügung, um über alle Handlungen und Unterlassungen für jene Themen „Antworten“ zu geben, für die Verantwortlichkeit definiert wurde. Verantwortlichkeit ist in formalisierten Organisationen zu finden; sie ist üblicherweise eng mit Hierarchie verknüpft und nicht delegierbar.

Verantwortung übernehmen bedeutet, bei Bedarf das Richtige zu tun.

Kommt man bei einem Unfall vorbei und hilft man den Verletzten, übernimmt man Verantwortung in der Situation. Verantwortung ist nicht an Formalisierung gebunden, man kann nur hoffen, dass sie bei Bedarf ausgeübt wird. Fällt einer Mitarbeiterin bei der Montage eines Produktes etwas Unübliches auf und stoppt sie die Produktion um größere Schäden zu vermeiden, zeigt sie Verantwortung. Verantwortliche (z.B. Führungskräfte) würden vieles nicht bemerken und sind auf das Verantwortungsgefühl der Mitarbeiter angewiesen.

Verantwortlichkeit kann in Organisationen explizit entschieden werden, Verantwortung jedoch nicht. Allerdings bedarf es nicht nur der Bereitschaft der Mitarbeitenden, sondern sie müssen auch Gelegenheiten haben, im Bedarfsfall Verantwortung ergreifen zu können. Das rückt allerdings eine wichtige Praktik in den Vordergrund, die eine große Herausforderung für viele Organisationen und ihre Mitglieder darstellt: sich im Widerspruch üben.

Zur Nachlese: 

(Autor: Gerhard P. Krejci, eMail: Krejci@simon-weber.de)

  • Smarc sagt:

    Toller Beitrag!

    Ich frage mich, wie mein Unternehmen – in dem Verantwortlichkeiten klar vergeben sind – fördern kann, dass die Mitarbeiter Verantwortung übernehmen?

  • finde ich top, Gerhard!

    bin gespannt auf deine folgenden beiträge…

    sunshine!
    Jan

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