Wenn Beraterinnen forschen


"Was ist hier los?" | ©denisismagilov/fotolia.com

Beratung ist nicht Forschung und Forschung ist nicht Beratung. Dennoch lassen sich in der Beratung viele Tätigkeiten erkennen, die in der Forschung angewendet werden. Umgekehrt verwenden viele Forscherinnen ihrerseits Phänomene, die zur regelmäßigen Praxis der Beratung gezählt werden können. Konkret wollen wir uns in den nächsten Beiträgen mit Beratung und Forschung von Organisationen beschäftigen.

Wer Beratung sucht hat ein Problem

Wenden wir uns zunächst dem Beginn zu. Am Anfang einer Beratung steht ein Problem, das gelöst werden soll. Üblicherweise geht es darum, ein Phänomen (genauer gesagt bestimmte Strukturen oder Muster) neu einzuführen, zu verändern oder überhaupt zu entfernten. Wenn Berater beauftragt werden, wird ein bestimmter erwünschter Zustand als Ziel definiert und somit auch der zeitliche Rahmen für die Beratung festgehalten. Das ist sowohl für den Auftraggeber, als auch für die Beratung wichtig. Die Erwartungshaltung der Auftraggeber liegt darin, dass Berater einen bestimmten, oft genau definierten Leistungsumfang abliefern. Am Ende wird üblicherweise eine Rechnung gestellt und vom Auftraggeber bezahlt. Beratung folgt somit im Wesentlichen der Logik des Funktionssystems „Wirtschaft“, dessen Medium Geld ist (vgl. Luhmann 1998)

Forschung sucht Wahrheiten

Am Anfang eines Forschungsvorhabens steht eine Frage, für die Forscherinnen nach einer Antwort suchen. Diese Frage kann auch von außen kommen, d.h. es ist nicht ausgeschlossen, dass es Auftraggeber für Forschungsvorhaben gibt. Dennoch geht es den Forscherinnen in erster Linie um möglichst hohe Unabhängigkeit und Selbständigkeit. Das gilt insbesondere für die Formulierung und Bearbeitung ihrer Forschungsfrage. Forscherinnen streben nach Wahrheitsfindung und Verstehen. Sie untersuchen Rahmenbedingungen und Auswirkungen und sind auf der Suche nach Regelmäßigkeiten und Gesetzmäßigkeiten. Forschung folgt dem Funktionssystem „Wissenschaft“, das wesentliche Medium dafür ist die Publikation. Forschung lebt von der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse und dem Diskurs.

Gemeinsamkeiten in der Praxis …

Trotz der klaren Unterschiede lassen sich einige interessante Überschneidungen und Parallelen feststellen. So wie eine Forscherin ist auch eine Beraterin damit beschäftigt Daten zu erheben. Es geht beiden darum Erkenntnis zu gewinnen. Ihre zentrale Frage lautet: „Was ist hier los?“. Ihre wichtigsten Handwerkzeuge sind die Fähigkeit zu beobachten und Fragen zu stellen. Sie beobachten Beobachter und eine solche „Beobachtung 2. Ordnung“ unterliegt natürlich gewissen Vorannahmen, über die man idealerweise selbst Bescheid wissen sollte. Solche Vorannahmen bieten als Arbeitshypothesen Orientierungen für Beraterinnen und Forscherinnen. Sie formulieren ihr Bild von der Wirklichkeit, das als vorübergehende Konstruktionen betrachtet wird. Nichts ist fix und alles kann sich jederzeit wieder anders darstellen.

… und in der Theorie

So weit zur Praxis, aber auch der Bezug auf ein gleiches (oder ähnliches) theoretisches Grundverständnis liefert einige Gemeinsamkeiten. Wenn Forscherinnen beispielsweise Daten in Organisationen erheben und sich dabei auf systemische Theorien beziehen, richten sie ihr Augenmerk so wie Beraterinnen auf Strukturen und Muster. Betrachten Beraterinnen Organisationen als sich selbstorganisierende selbststeuernde und lebende Kommunikationssysteme, verstehen sie, dass nur bedingt Einfluss genommen werden kann. Solche „autopoietischen Systeme“ (vgl. Maturana/Varela 1984; Luhmann 1984) können nun dazu angeregt werden, ihre Muster und Strukturen zu hinterfragen und eventuell zu verändern. Beraterinnen müssen Organisationen zu einem gewissen Grad „irritieren“, um wirksam zu werden. Diese Einsicht fällt Organisationsforscherinnen in ihrer Praxis leichter, denn für sie steht es grundsätzlich nicht im Vordergrund auf die Organisation einzuwirken. Dennoch – und hier findet sich die Gemeinsamkeit – auch die systemisch versierte Forscherin akzeptiert, dass sie durch ihre Forschungsaktivitäten die Organisation in gewisser Weise beeinflusst. Insbesondere die Art wie beobachtet, gefragt, zurückgemeldet und kommentiert wird, egal ob dies von einer Beraterin, oder einer Forscherin erfolgt, hat Wirkung auf die Organisation (vgl. Tuckermann 2013).

Synergien

Forscherinnen leisten mit ihren Arbeiten Beiträge an Erklärungen für praktische Phänomene. Beraterinnen profitieren davon, denn solche Erklärungen helfen ihnen bei ihrer Arbeit in Organisationen. Umgekehrt können sich Forscherinnen der Beschreibungen von Praxisfällen bedienen und so empirisches Material generieren. Gerade weil beide Disziplinen unterschiedlichen Funktionssystemen zugeordnet sind und demnach auch unterschiedlichen Logiken folgen, können beide Seiten Synergieeffekte generieren.

Um solche Synergien passend einordnen und nutzen zu können ist es wichtig sich mit den unterschiedlichen Logiken zu beschäftigen.  So versuchen sich viele Forscherinnen – nicht zuletzt mit der Absicht berufliche Alternativen aufzubauen – in beratenden Tätigkeiten. Aber auch Beraterinnen erkennen die Vorteile, wenn sie sich intensiver mit Forschung beschäftigen. Sie könnten ihr Wissensspektrum erweitern, die Mechanismen des anderen Funktionssystems hautnah erleben und sich außerdem aktiver am Fortschritt beteiligen. Darüber hinaus werden sie (getreu den Mechanismen des Wirtschaftssystems) auch Wettbewerbsvorteile zu anderen Beraterinnen generieren können. Allerdings wird es erforderlich, sich mit entsprechenden Regeln, Rollenflexibilitäten und Konsequenzen zu beschäftigen.

Mehr davon in der nächsten Kolumne …

 

Zur Nachlese:

  • Luhmann, Niklas (1984): „Soziale Systeme“, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Luhmann, Niklas (1998): „Gesellschaft der Gesellschaft“ Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Tuckermann  Harald (2013): „Einführung in die systemische Organisationsforschung“, Heidelberg: Carl-Auer Verlag
  • Maturana, Humberto und Varela, Francisco. (1984): „Der Baum der Erkenntnis“, Bern und München: Goldmann-Verlag.

 

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


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