Wer bin ich hier?


Je nach Kontext ist man jemand anders. | ©Elnur/fotolia.com

Der Titel eines philosophischen Bestsellers lautet: „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“. Dieser bringt eine wichtige Erkenntnis auf den Punkt: Man ist je nach Situation immer jemand anders. Entsprechende Beobachtungen in einem Gruppendynamik-Seminar lassen dies deutlich werden.

Ich bin doch ganz anders …

Zu Beginn des Seminars stellt sich Andrea als ausgebildete Schauspielerin vor, die seit einigen Jahren als Business-Coach arbeitet. Sie beteiligt sich höchst aktiv am Seminarablauf, thematisiert so manch schwierig scheinende Situation, animiert andere Teilnehmer dazu ihre Meinungen zu äußern und moderiert nach bestem Wissen Ideensammlungen und Diskussionen in der Gruppe. Nach zwei Tagen reflektieren die Gruppenmitglieder ihre Positionen und geben einander Rückmeldung darüber, wie sie die jeweils anderen beobachtet haben. Bei dieser Gelegenheit erfährt Andrea von den anderen, dass sie den Gruppenprozess dominiere, indem sie in den Diskussionen teilweise sehr bestimmend agiere und genau darauf achte, dass niemand ihre Position gefährden könne. Scheinbar – so die Bewertung der anderen Teilnehmer – ist ihr die „Führung“ der Gruppe ein großes Anliegen.

Andrea ist vollkommen überrascht: „So bin ich normalerweise doch gar nicht. Ganz im Gegenteil, in meinen üblichen Kontexten meinen alle, ich wäre äußerst sozial denkend und würde mich um das Wohl anderer besonders kümmern.“ Während der folgenden Stunden meldet sie sich kaum zu Wort, wirkt nachdenklich und verunsichert. Am nächsten Morgen wendet sie sich betroffen und mit Tränen in den Augen an die Gruppe: „Was ist da bloß mir mit passiert. Ich verstehe das gar nicht. Ich bin doch ganz anders. Das müsst ihr mir glauben.“

Man hat viele Personen

Ein Blick auf soziologische Erklärungsmodelle, insbesondere das Konzept der „Person“ betreffend, liefert interessante Erkenntnisse und hilft die Situation zu verstehen. Der Begriff „Person“ geht auf die im antiken griechischen Theater verwendete Maske („Persona“) zurück, durch welche die Schauspieler ihre Texte sprachen („personare“ für „durchtönen“).

Je nach Umfeld findet man Gegebenheiten vor, an die man seine eigenen Beiträge (und somit auch das eigene Verhalten) anpasst. Dieser Prozess der Anpassung beruht auf einer fein abgestimmten Abwägung von Möglichkeiten, die sich in bestimmten sozialen Kontexten ergeben. Überschreitet man bestimmte Grenzen, reagieren andere früher oder später darauf und schränken dies unter Umständen ein. Im Zuge von Kommunikationsprozessen erhält man daher im jeweils aktuell agierenden sozialen System „eine Person“, für die „individuell attribuierte Einschränkungen von Verhaltensmöglichkeiten“ gelten (vgl. Luhmann 1991, S.170).

Solche Situationen sind nicht neu und man kann sie bei vielen Gelegenheiten beobachten: Im Unternehmen ist Andrea die Projektleiterin (Person 1), die ihre Aufgaben konsequent und klar strukturiert durchführt. Im Privatleben ist sie die umsorgende Mutter (Person 2), die tolerant und geduldig ihre Kleinkinder beim Spielen beobachtet. Im Chor hat sie ebenfalls eine Position (Person 3), in der sie sich den Anweisungen des Chorleiters bereitwillig unterordnet. Diese drei Personae repräsentieren drei differenzierte „Lebenswelten“, die unterschiedliche, manchmal sogar sich widersprechende Verhaltensweisen erfordern, mit denen Individuen umgehen müssen. Je nach Kontext ist die Person ein (innerhalb des Systems zu verortender) Teil des jeweiligen sozialen Systems (vgl. Groth 2012, S. 88). Da man nicht überall der- oder dieselbe sein kann, wird ein Individuum in einem bestimmten Kontext eine Person mit charakteristischen Verhaltensweisen sein, welche in anderen Kontexten (z.B. als Vorstand im Kegelverein oder als Chauffeur der Vorstandsvorsitzenden) aber keinerlei Relevanz haben.

Mit Widersprüchen umgehen lernen

In unserem Gruppenbeispiel scheint Andrea bestimmte Beobachtungen gemacht, diese entsprechend eingeschätzt, und darauf basierend Vorstellungen darüber erzeugt zu haben, was geschehen sollte. Umgekehrt ließen die anderen Gruppenmitglieder sie gewähren (vielleicht weil sie es selber nicht besser wussten). Im Laufe der Zeit wurden Andreas in der Gruppe geäußerten Kommunikationsbeiträgen, bestimmte Bedeutungen zugeschrieben, die sie zum Großteil auch bereitwillig bestätigte, indem sie ihre Kommunikationen (bzw. die daraus resultierenden) Handlungen wiederholte oder verstärkte. Sie wurde in diesem sozialen System (als Akteurin, Autorin, aber auch Thema der Kommunikationen) zu einer „Person“ (vgl. Groth 2017, S. 48f).

Je unterschiedlicher die Kontexte sind, in denen man agiert, desto wahrscheinlicher werden widersprüchliche Verhaltensweisen erkennbar. Manche Handlungsmuster, die in einer Situation funktionieren, können in einer anderen vollkommen unpassend sein: So könnten Führungskräfte versuchen das Hinaustragen des Mülleimers an ihre Kinder zu delegieren, oder bei ihren Mitarbeitern mit „väterlicher“ Fürsorge Irritationen auslösen. Der Umgang mit solchen oft auch widersprüchlichen Verhaltensweisen will gelernt werden. Besonders gut kann dies im Rahmen einer „T-Gruppe“ geübt und gelernt werden.

 

Zur Nachlese:

 

  • Precht, R. D. (2012): Wer bin ich und wenn ja wie viele? München: Goldmann Verlag.
  • Luhmann, N. (1991): Die Form Person, in: Soziale Welt (42): S. 166-175)
  • Groth, T. (2013): Person und Organisation als eine Seite der Medaille – Systemtheoretische Reflexionen“, in: Schuhmacher, T. (Hrsg.): Professionalisierung als Passion. Heidelberg: Car Auer Verlag, S. 86-96
  • Groth, T. (2017): 66 Gebote systemischen Denkens und Handelns in Management und Beratung. Heidelberg: Car Auer Verlag.

 

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


Top