Zum Scheitern

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Scheitern oder Erfolg: eine höchst subjektive Angelegenheit. | © ra2 studio / fotolia.com

Der Bau eines öffentlichen Gebäudes überzieht den geplanten Budgetrahmen bei weitem und die feierliche Eröffnung muss mehrmals verschoben werden. Oder:

Man setzt sich ein herausforderndes Ziel, bereitet sich intensiv darauf vor und richtet alle Energie und Aufmerksamkeit auf den „Tag X“. Allerdings treten einige unerwartete Ereignisse ein, die das Erreichen des Ziels unmöglich machen. Oder:

Man hofft auf einen interessanten und umfangreichen Auftrag, gestaltete mit großer Hingabe und viel Arbeitsaufwand eine wunderbare Präsentation, wird aber vom beratenen System abgelehnt.

Drei unterschiedliche Beispiele, die für ein Scheitern stehen können – vielleicht aber auch nicht?

Um dem Phänomen des Scheiterns auf die Spur zu kommen, stelle ich eine These voran: „Scheitern ist eine vorübergehend gültige und vom jeweiligen Kontext abhängige Bewertung eines beobachteten Ereignisses“. Um die Passung dieser These zu prüfen, soll sie im Folgenden genauer betrachtet werden.

Das Produkt einer Beobachtung

Ausgangspunkt ist die Beschreibung einer konkreten Situation durch „einen Beobachter“, der dabei bestimmte Information liefert. Informationen sind als „Unterschiede, die einen Unterschied machen“ (Bateson 1985, S. 488) zu sehen, daher rückt der Prozess des Unterscheidens in den Mittelpunkt. Wer sich beispielsweise ein Ziel setzt, hat eine Erwartung, die er am Ende überprüft. Die Differenz zwischen Erwartetem und Eingetretenem wird zur Information. Somit wird die Frage nach dem Unterschied und seinen Merkmalen interessant.

Beobachtung ist jedoch vom jeweiligen Beobachter abhängig: er entscheidet was er beobachtet, welche Kriterien des Beobachtens er heranzieht und warum diese Kriterien gewählt wurden. Die von einem Beobachter gelieferten Informationen sagen sehr viel über seine jeweiligen Präferenzen aus. Und auch darüber, wie er die Situation bewertet.

Die subjektive Bewertung der Situation

Die Bewertung von Informationen basiert auf subjektiven Annahmen, die sich aus Erfahrungen, Sichtweisen, Meinungen, Wissen, Werte, usw. ergeben. Man bewertet, um Informationen einordnen und somit rasch handeln bzw. reagieren zu können. Die einfachste (weil rascheste und unproblematischste) Methode etwas zu bewerten ist die Kategorisierung in „gut“ (willkommen, angenehm, passend, etc.) oder „schlecht“ (bzw. unangenehm, mit negativen Konsequenzen verbunden, unwillkommen, unpassend, etc.). Solche Einordnungen erfolgen regelmäßig und man kann sich ihnen auch gar nicht entziehen.

So gesehen ist die Einschätzung, ob man scheitert oder nicht, das Ergebnis einer höchst subjektiven Bewertung. Manche mögen eine Situation als positiv und willkommen betrachten, während andere die gleiche Situation negativ einschätzen und sie eher vermeiden wollen. Daher scheinen Fragen nach den jeweiligen Bewertungskriterien sehr hilfreich zu sein.

Scheitern ist kontextabhängig

Der jeweilige Kontext spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Im beruflichen Umfeld gemachte Beobachtungen werden nicht selten privat anders gedeutet. Setzt man sich bei einer gemeinsamen Entscheidung (z.B. was den nächsten Urlaub betrifft) im familiären Kreis nicht durch, so kann dies im beruflichen Umfeld bei Verhandlungen mit Kollegen wohl eher als Schwäche erlebt werden.

… und gilt nur vorübergehend

Führt man auch die zeitliche Dimension in diese Betrachtung ein, so wird sich nicht selten eine Bewertung im Lauf der Zeit anders darstellen. Manches, das man im ersten Moment als dramatische Niederlage gesehen hat, wird nach einiger Zeit als größter Erfolg betrachtet.

Das hat vermutlich einerseits mit einer gewissen Abgeklärtheit zu tun, die das Resultat von Erfahrungen ist („Als ich jünger war, sah ich das ähnlich, aber jetzt erschüttert mich das nicht mehr so“). Anderseits kann es durchaus auch vorkommen, dass viele negative Erlebnisse über die Zeit anders bewertet werden. Gestern noch Schulversager, heute allseits geachteter Universitätsprofessor…

Die Möglichkeit zu lernen als Gewinn

Was für die einen ein unerwünschtes und negatives Ergebnis darstellt, kann von anderen als großes Lernpotenzial gesehen werden. Beispielsweise kann man zwar den Eindruck des Scheiterns haben, dabei aber trotzdem wertvolle Erkenntnisse aus der Erfahrung ziehen und davon profitieren.

Scheitern ist regelmäßig mit einem Lernpotenzial verknüpft. Oder um die Aussage einer Führungskraft zu zitieren: „Es macht nichts, wenn etwas schief geht. Man kann ruhig auch mal bei einer Sache scheitern. Aber hoffentlich lernen wir etwas daraus. Passiert es allerdings noch einmal, dann ist das ein Beweis, dass wir nicht gelernt haben. Ich spreche dann von Dummheit.“

Zusammenfassende Gedanken

Wir erkennen also, dass die Frage des Scheiterns auf den eigenen Beobachtungs- und Bewertungskriterien basiert. Diese Beobachtungs- und Bewertungskriterien sind von Beobachtern und deren Präferenzen abhängig. Das Ergebnis der subjektiven Beobachtungen und Bewertungen kann über die Zeit anders gedeutet werden, denn Kontexte und Zeitfragen sind ebenso von Bedeutung, wie mögliche Gewinne, die man daraus zieht.

Somit könnten Führungskräfte oder Berater für den Fall, dass ein Scheitern thematisiert wird, einige reflektierende Fragen stellen:

  • Woran erkennt man … und welche Merkmale werden dabei herangezogen?
  • Woran würden andere es auch erkennen?
  • Was genau macht den Unterschied zwischen … und …?
    (Beobachtungen werden thematisiert und es wird nach Unterschieden gefragt)
  • Was ist jemandem besonders wichtig?
  • Welche Sichtweisen hat man zu welchen Sachverhalten?
  • Welche Erfahrungen führten zu welchen Meinungen?
  • Sind diese positiv(er) oder negativ(er) zu sehen?
  • Was würden andere dazu sagen?
    (Bearbeitung von Bewertungskriterien)
  • Welche Rahmenbedingungen sind mit der Bewertung verknüpft?
  • In welchen Situationen würde das ähnlich, in welchen vollkommen anders bewertet werden?
    (Berücksichtigung unterschiedlicher Kontexte)
  • Wie hätte man das vor 10 Jahren gesehen?
  • Welche Schlagzeile würde man darüber in 10 Jahren in der Zeitung lesen?
    (Zeitdimension einführen)
  • Welches Lernpotenzial liegt in dieser Sache?
  • Wer müsste was das nächste Mal anders machen?
    (Lernen anregen)

 

Zur Nachlese:

  • Goessler, M. (2007): Die Kunst des Scheiterns. Zeitschrift OrganisationsEntwicklung, Nr. 1/2007.
  • Doerner, D. (2003): Die Logik des Misslingens. Reinbeck: Rowohlt.
  • Burmeister, L. Steinhilper, L. (2011): Gescheiter Scheitern: Eine Anleitung für Führungskräfte und Berater. Heidelberg: Carl-Auer Verlag.
  • Bateson, G. (1985): Ökologie des Geistes. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

(Autor: Gerhard P. Krejci, E-Mail: Krejci@simon-weber.de)


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