Aktuelle Rezensionen

Unsere Rezensenten und Rezensentinnen, die alle selbst als Praktiker oder Wissenschaftler in den Bereichen Organisationsentwicklung, Change Management, Coaching, Führung und Weiterbildung tätig sind, besprechen in der Rubrik „Bücher“ im Heft regelmäßig aktuelle Literatur und schätzen deren Relevanz für Sie als Leser ein.

Unten geben wir einen kleinen Einblick in die Buchbesprechungen aus der aktuellen Ausgabe.

 

Bücher


Zwei Buchrezensionen aus Heft 02/2019 vorgestellt von Elizabeth Kandziora (EK) und Karsten Trebesch (KT):

Heino Hollstein-Brinkmann/Maria Kalb
Beratung zwischen Tür und Angel
Professionalisierung von Beratung in offenen Settings
Springer 2016, 232 Seiten, Euro 34.99,
E-Book: Euro 26.99

«In der Unbestimmtheit der ersten Annäherung in einer Tür-und-Angel-Situation lassen sich bereits Merkmale typischer Konstellationen erkennen.»

Beratungstheorien beschreiben geregelte Formen der Interaktion zwischen Ratsuchenden und professionellen Fachkräften, die auch die Form des Beratungssettings einschließt. Die Struktur von Inhalten, Form und Zeit ist für bei­de Seiten absehbar. In Tür-und Angel­gesprächen fehlt sie in der Regel. Aber gerade psychosoziale Arbeitskontexte be­inhalten häufig diese wenig formalisierten, diffusen Begegnungsräume und –gelegenheiten mit «Hast du mal 5 Minuten Zeit?» «Kann ich dich mal kurz sprechen?» Es ist nicht planbar, wie komplex sich die Ansprache zwischen Tür und Angel herausstellen wird: Soll es ein noch ungeregelter Anfang eines Beratungsgespräches sein? Ist eine günstige Gesprächsgelegenheit genutzt worden, die beabsichtigt im Ungefähren bleiben soll? Geht es um einen kurzen Hinweis oder eine Absprache?

Die Herausgeber/innen Heino Hollstein-Brinkmann und Maria Kalb lehren an den Ev. Hochschulen Darmstadt und Ludwigsburg im Fachbereich Soziale Arbeit. Die bekannte Metapher: ‘zwischen Tür und Angel’ verweist auf das Flüchtige, Beiläufige, das Uneindeutige und Übereilte; auf die fehlende Zeit – so de­finieren sie Beratung im offenen Setting. Professionelle Gesprächsabläufe wie die Klärung des Auftrages, des Überweisungskontextes, der Motivation bis hin zu einem möglichen Kontrakt bleiben unbestimmt. Aus Sicht der Beraterin kommt es in diesen Begegnungen oft nicht zum (eigentlichen) Kern und wird daher leicht aus einer negativen («Opfer»-)Perspektive als unzulänglich oder unvollständig erlebt.
Das große Verdienst dieses Buches ist es, jene Gesprächssituationen ressourcenorientiert zu betrachten. Dazu ein Zi­tat: «Worin liegen die Vorteile solcher Begegnungen und Inszenierungen für Ratsuchende und Fachkräfte und sind solche offenen Situationen und wenig strukturierte Begegnungsmöglichkeiten nicht sogar eine für verschiedene AdressatInnen eine besonders angemessene Form des Angebotes?».

Die Herausgeber/innen plädieren für eine große Vielfalt in der Ausgestaltung dieser Settings, man könnte sagen, sie verlocken dazu, sich aus der massiv unterbewerteten Beratungsform «Tür-und-Angel» von der «Opfer»- hin zur «Täterperspektive» zu bewegen.
Offenheit und Uneindeutigkeit kann als eine wesentliche Qualität dieses Settings angesehen werden und erfordert von der professionellen Fachkraft we­niger die Anwendung von (Gesprächs-)Techniken, … «sondern das Aushalten und reflexive Umgehen mit einer hohen Rollenunsicherheit sowie ein ad hoc zu entwickelndes, der Situation angemesse­nes Handeln…» Das ist sehr anspruchsvoll und vielfach komplexer als eine definierte geregelte Beratungssituation.

Die von den Autor/innen herausge­arbeiteten Möglichkeiten und Perspek­ti­ven zeigen, welche guten Gründe Ratsuchende bewegen, genau dieses Setting zur Kontaktaufnahme zu wählen. Und sie zeigen, dass methodisch mehr möglich ist, als vielleicht zunächst gedacht.
Besonders eindrucksvoll finde ich in diesem Zusammenhang das von Lohse entwickelte Konzept des Seelsorgerischen Kurzgespräches. Und auch die von Mi­­chaela Kaczor angeregte «Be­ra­tung im Gehen» befreit aus den vermeintlichen Fesseln von Tür und Angel und ist unbedingt nachahmenswert. (EK)

 

Andreas Krebs/Paul Williams
Die Illusion der Unbesiegbarkeit
Warum Manager nicht klüger sind als die Inkas vor 500 Jahren
Gabal 2018, 239 Seiten, Euro 29.90,
E-Book: Euro 25.99

«Möglicherweise ist es gerade die Illusion der Unbesiegbarkeit, die den rasanten Absturz vorprogrammiert – Jeder langdauernde Erfolg trägt in sich schon den Keim des Scheiterns, weil die Akteure blind werden.»

Zwei erfolgreiche Top Manager legen die psychologischen Muster der Grund­kons­tanten menschlichen Wirkens in der Unternehmenswelt auf – die des Gelingens und die des Scheiterns. Das geht selbstkritisch und vergnüglich zu. Die gelungene Reflexion über das Management wurde von 21 Interview-Partnern unterstützt (Top Manager, Psychoanalytiker, Unternehmensberatende und ein bekannter junger Bürgermeister).

Als roten Faden haben die Autoren die Inkas gewählt, die Idee dazu kam auf einer gemeinsamen Reise. Am Auf- und Abstieg der Inkas spiegeln sie den Erfolg und Niedergang von Konzernen. Diese Inka-Idee liefert einen neuen Blickwinkel auf das alte Thema Führungslehre.

Die Autoren beschreiben nicht nur die Management-Welt der Großkonzerne, sondern sie geben auch Anregungen, wie man der ständig drohenden Ego-Falle ausweicht. Und das alles geschieht ohne Moralisierung, ohne Besserwisserei, sondern ist das Ergebnis von selbstkritischer Reflexion.

Die Autoren zerreißen den Mythos der Rationalität im Management an vielen Beispielen. Sie zeigen, dass eben nicht die Sachargumente dominieren und die Emotionen doch eine Rolle spielen. (KT)


Rezensionen der folgenden Titel vorgestellt von Joachim Freimuth (JF), Elizabeth Kandziora (EK), Philipp Lüninghöner (PL), Paul Maisberger (PM), Karsten Trebesch (KT) und Brigitte Winkler (BW) finden Sie im aktuellen Heft 02/2019 der OrganisationsEntwicklung:

Stephanie Kaudela-Baum/Erik Nagel/Paul Bürkler/Verena Glanzmann (Hrsg.)
Führung lernen
Fallstudien zu Führung, Personal­management und Organisation
Springer Gabler 2018, 2. Auflage,
303 Seiten, Euro 54.99,
E-Book: Euro 42.99

 

Walter Dietl
Strategieentwicklung für Unternehmensfunktionen
Operative Bereiche und Funktionen strategisch ausrichten
Schäffer-Poeschel, 235 Seiten,
Euro 39.95, 2018, E-Book: Euro 39.95

 

Michael Lang/Stefan Scherber
Der Weg zum agilen Unternehmen
Hanser, 360 Seiten, Euro 44,
E-Book: Euro 34.99

 

Torsten Groth
66 Gebote systemischen Denkens und Handelns in Management und Beratung
Carl-Auer 2017, 175 Seiten,
Euro 29.95

 

Peter Kels/Stephanie Kaudela-Baum (Hrsg.)
Experten führen
Modelle, Ideen und Praktiken für die Organisations- und Führungsentwicklung.
Springer Gabler 2019, 464 Seiten,
Euro 59.99, E-Book: Euro 39.99

 

Andreas Slogar
Die Agile Organisation
Hanser 2018, 449 Seiten, Euro 42,
E-Book: Euro 33.99

 

Marlies W. Fröse
Transformationen in «sozialen» Organisationen
Verborgene Komplexitäten – Ein Entwurf
Ergon 2015, 584 Seiten, Euro 58

 

Jochen Kalka
Die Startup-Lüge
Wie die Existenzgründungseuphorie missbraucht wird – und wer davon profitiert
Econ 2019, 220 Seiten, Euro 180

 

Dorothea Assig/Dorothee Echter
Freiheit für Manager
Wie Kontrollwahn den Unternehmenserfolg verhindert
Campus 2018, 268 Seiten, Euro 34.95,
E-Book: Euro 30.99

 

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