Der Schwerpunkt

ZOE

Schwerpunkt:

Mehr als Technik

Herausforderung Industrie 4.0

Kein Hexenwerk!


Die deutschsprachige Diskussion über Industrie 4.0 ist getrieben von technokratischer Euphorie. Wir laufen Gefahr, Weltmeister im Datenschutz zu werden, statt uns der Realität von Big Data zu widmen, so eine polemische Bemerkung. Nüchtern betrachtet, darf der aktuelle Erfolg der deutschen Wirtschaft in der Tat nicht darüber hinwegtäuschen, wie sehr er noch auf der Beherrschung isolierter Maschinen wie etwa Autos gründet. Das Internet der Dinge beruht jedoch auf der Vernetzung von Technologien, Produkten und Prozessen. Dies leisten wiederum Technologien, die sich auf Kommunikation, Integration und eigenständige Steuerung in Echtzeit verstehen.
Technische Revolutionen von dieser Dimension ziehen allerdings immer soziale Transformationen nach sich. Die Gestaltung dieses Wandels ist auch eine Erfolgsbedingung des technischen Fortschritts, besonders wenn Berufe, komplette Arbeitsorganisationen und soziale Strukturen davon berührt sind.

Vor diesen Themen stehen Entscheider und stellen sich die Frage, was sie damit machen sollen. Im vorliegenden Heft kommen daher vornehmlich Praktiker zu Wort, die mitten in diesem Wandel stehen oder ihn beraten. Sie berichten aus ihrer Erfahrung und plädieren für ein pragmatisches Vorgehen, jenseits der großen Vokabeln. Digitalisierung ist kein Hexenwerk, so bemerkt Thomas Edig, Markenvorstand bei VW-Nutzfahrzeuge, im Interview. Das ist ein Leitgedanke dieses Heftes. Ines Lietzke von Evonik gibt in diesem Sinne einen Einblick in die Arbeit einer Konzernabteilung, die sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf Innovationen und Geschäftsmodelle befasst. Peter Speck, Leiter des Festo Lernzentrums Saar, betont im Gespräch die zentrale Rolle von HR sowie des betrieblichen Lernens für den digitalen Wandel und Monika Hackel untersucht im BIBB die Auswirkungen auf die Berufsbildung. Bei der Veränderung von Berufen und Arbeitsorganisationen kommen die betrieblichen Beziehungen ins Spiel und natürlich muss auch die Frage nach der veränderten Rolle von Führung im Rahmen von Industrie 4.0 aufgeworfen werden. Schließlich wird gezeigt, wie in einer ganzen Region digitaler Wandel gestaltet werden kann.

In den Beiträgen des Heftes, die nicht unmittelbar zum Schwerpunktthema gehören, erhalten Sie Einblicke in einen Veränderungsprozess bei der ARD, in den Pfarrberuf sowie in eine Fertigung, die mit Kata eine Methode aus dem Lean-Management Repertoire eingeführt hat. Jochen Ludewig und Nico Rahm von Sweco berichten über den Wandel der Kooperationskultur in Großprojekten der Baubranche, deren Katalysator eine Software ist. Ein weiterer Beitrag stellt die strategische Rolle mittlerer Führungspositionen für jeden Wandel heraus.

Also wirklich kein Hexenwerk? Eine Zeitschrift, die sich mit Change Management befasst, muss natürlich darauf verweisen, dass die Treiber des Wandels keinesfalls plötzlich zu Zauberlehrlingen werden, wenn der Hexenmeister sich mal aus dem Haus begeben hat. Es reicht nicht, gebetsmühlenartig zu wiederholen, man müsse die Menschen mitnehmen. Dazu braucht es den erklärten Willen, konzeptionelle Klarheit, den Mut zu beginnen und die Ermöglichung von Beteiligungsspielräumen. Diese Gedanken verbinden die Beiträge des vorliegenden Heftes. Das Klassiker-Kapitel bildet nicht zufällig ein Beitrag über die Gestaltung soziotechnischer Systeme, ein altes OE-Konzept, welches seine Aktualität auch in einer virtuellen Welt nicht verloren hat.

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