Der Schwerpunkt

ZOE

Schwerpunkt:

Von der Rolle

Wenn aus Person Funktion wird

Rollensalat


Neulich stand ein Polizist in Uniform samt Dienstwaffe vor mir an der Kasse im Supermarkt. Er kaufte ein, was man so einkauft, und legte alles mit ruhiger Hand aufs Band. Brot, Aufschnitt, Gemüse, Lebensmittel. Und als wäre der Blick in den Einkaufskorb eines anderen Kunden nicht schon private Enthüllung genug: Hier stimmte etwas grundsätzlich nicht. Es fühlte sich falsch an.

Es berührt uns immer etwas peinlich, wenn Menschen aus der Rolle fallen. Wenn sie etwas tun, was unseren Erwartungen an ihre professionelle Funktion widerspricht. Das gilt für Führungskräfte, die im Streit «persönlich» werden, ebenso wie für Lehrer, die über Schüler lästern. Berufliche Rollen fordern rollentreues Verhalten von ihren Trägern. Denn sie sind der Ort, wo Organisation in Person übersetzt wird.

In den vergangenen Jahren sind Rollen in Organisation und Gesellschaft vielfältiger, komplexer, aber auch widersprüchlicher geworden. Für die Organisationsentwicklung hat das wesentliche Bedeutung: Wenn der Wandel nachhaltig sein soll, dann braucht es veränderte Aufgaben, Verhalten, Haltungen. Tatsächlich scheitern viele Veränderungsprojekte an der Übersetzung neuer organisationaler Funktionen und Anforderungen in neue Rollen, die im Alltag wirklich funktionieren. Rollen, die lebbar und erträglich sind. Gleichzeitig ist der bewusste Umgang mit der Rollenfrage ein wichtiger Schlüssel zum Change. Rollenklärung gehört zu den mächtigsten Instrumenten der Organisationsentwicklung. Besonders Führungskräfte haben im Change die Aufgabe, den Rollensalat zu verstehen, den die Organisation jeden Tag aufs Neue anrichtet.

Wir zeigen Ihnen das Thema aus vielen spannenden Perspektiven: Stefan Kühl erklärt, warum die Trennung von Rolle und Person für beide Seiten überlebenswichtig ist und wieviel Persönliches denn eigentlich wirklich in der Organisation gefragt ist. Stefan Berger macht für den vielerorts entstehenden Rollenstress die multiplen Zugehörigkeiten in unterschiedlichen Teams verantwortlich, die besonders von Führungskräften immer stärker gefordert werden. Auch bei Brigitte Winklers messerscharfer Analyse zu den Schattenseiten von Führungsfeedbacks steht die steigende Verunsicherung von Führung im Mittelpunkt. Für Rainer Niermeyer resultiert Unsicher­heit und Überforderung aus verqueren Rollenerwartun­gen, die jahrzehntelang geschürt worden sind. In seinem Beitrag wird argumentiert, dass der überall hörbare Wunsch nach Authentizität blanker Unsinn ist, weil er Führung überlastet und Rollen kontaminiert. Wie Rollen ganz praktisch in der Organisation geklärt werden können, zeigen Bertine und Bernd Kessel. Ihr Rollenradar in unserer Werkzeugkiste ist eine Anleitung zum Entwirren falscher Rollenerwartungen. Dabei geht es auch um diejenigen Rollenanteile, die in der Organisation implizit, also «unter der Ladentheke» an die Rollen Tragenden ausgeteilt werden.

Besonders freue ich mich, dass wir mit Jens Beckert ins Gespräch gekommen sind. Er problematisiert die zunehmende Verschmelzung von Privat- und Arbeitsrolle in der digitalisierten Gesellschaft und zeigt, was der Verlust traditioneller Rollenzuschnitte zukünftig für uns alle bedeuten könnte.

Vielleicht stoßen Sie beim Lesen dieser Ausgabe auch auf die eine oder andere Rollenerwartung an Sie selbst, die Sie guten Mutes klären sollten.

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