Der Schwerpunkt

ZOE

Schwerpunkt:

Wissen für Veränderung

Wie Theorien die Praxis stärken

Mut zur Theorie:
Validiertes Wissen jenseits der eigenen Erfahrung


«Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie». Stimmt dieses, dem OE-Pionier Kurt Lewin zugeschriebene, Bonmot wirklich? Oder besteht ein unüberwindbarer Graben zwischen theoretischer Betrachtungsweise und praktischen Erfordernissen der Management- und Wandelpraxis?

Selbst wenn es unterschiedliche Perspektiven und Prioritäten geben mag (ja geben muss), glauben wir nicht an die These des Theorie-Praxis-Grabens und geben damit Lewin Recht: Wir kennen viele fruchtbare Austauschbeziehungen zwischen Theorie und Praxis und erleben fast täglich, dass die eine Seite nur mit Hilfe der anderen weiterkommt. Dass man sich bei diesem partnerschaftlichen Tanz bisweilen gegenseitig auf die Füße tritt (oder aus dem Rhythmus gerät) kommt vor, sollte aber nicht in eine kollektive Vorverurteilung münden. In dieser Ausgabe der OrganisationsEntwicklung möchten wir Sie deshalb überzeugen, dass sich gerade für PraktikerInnen die Auseinandersetzung mit Theorien lohnt.

Lernen Sie in diesem Heft von erfahrenen Spezialisten und Generalisten, wie Sie Theorien als Vorgehensvorschlag, Diagnostikwerkzeug oder Verständigungshilfe nutzen können. Finden Sie heraus, welche Theorien für Change Manager, Beraterinnen und Organisationsentwickler besonders relevant sind, beispielsweise durch Ralph Höfligers Beitrag, unsere Kurzinterviews mit Praktikern oder die Fallklinik zur Theory U. Dabei lernen wir von Johannes Binswanger, dass Theorien gerade im Zeitalter von künstlicher Intelligenz und Big Data essenziell für unser Verständnis sind.

Doch was ist eigentlich eine Theorie? Dirk Baecker liefert am Anfang dieser Ausgabe die kürzest mögliche und erst noch selbstreferenzielle Antwort, nämlich: minimale Komplexität. Um diese Definition wirklich zu verstehen, ist maximale Konzentration (der LeserIn) gefordert. Dabei lohnt es sich, die Lektüre durchzuhalten und Theorietoleranz zu zeigen. Dafür plädiert ebenfalls ZOE-Redakteurin Brigitte Winkler in ihrem Meinungsbeitrag: Sie argumentiert gegen die grassierende Theoriemüdigkeit und zeigt auf, warum Theoriekenntnis gerade für PraktikerInnen unverzichtbar ist. Flankierend präsentieren alle Redaktionsmitglieder der ZOE kompakt ihre jeweilige Lieblingstheorie und wie man diese in der Praxis nutzt.

Der Mehrwert von Theorie lässt sich zudem an unserem Klassikerbeitrag zur Framing Theorie bzw. zu Erving Goffman erkennen. Seine ausführliche Lektüre lohnt sich für alle, die sich in einer Organisation zurechtfinden (und darstellen) müssen. In unserer Rubrik Basiswissen geht es ebenfalls um eine praktische Theorie: Fabienne Bünzli skizziert die wesentlichen Elemente der Stakeholdertheorie – inklusive eingängiger Strukturierungshilfen.

Ganz anders aufgestellt ist die sogenannte «Theory of Change». Dabei handelt es sich um eine Methode, mit der Non Profit-Organisationen ihre Wirkungsweise überprüfen. Anhand des Beispiels Greenpeace lernen wir diesen wichtigen Evaluationsansatz näher kennen.
Darüber hinaus finden Sie in dieser Ausgabe weitere ganz und gar praktische Methoden, beispielsweise für den Wissenstransfer, die Krisenkommunikation oder agiles Arbeiten in Teams. Trotzdem verwahren wir uns gegen eine allzu starke und starre Tool-Gläubigkeit ohne Reflexion und lernen gern von den validierten und distanzierten Einsichten anderer.

Wir wünschen Ihnen in diesem Sinne eine anschauliche (altgriechisch theoréein) Lektüre mit vielen interessanten Kontrasten – vielleicht sogar zu Ihrer eigenen Meinung.

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