Der Schwerpunkt

ZOE

Schwerpunkt:

Reine Leere

Organisationen suchen ihren Sinn

Wozu das Ganze?


Berlin, im Dezember 2016: Ein Dinner unter Top Managern, das Dessert wird serviert. Gehobene Stimmung. Nur mein Sitznachbar will sich nicht so recht amüsieren. Wir kommen ins Gespräch. Er erzählt mir, dass er früher bei jeder Gelegenheit mit großem Stolz von seiner Aufgabe bei Volkswagen erzählte. Das sei jetzt anders. Seinen Arbeitgeber nennt er nur noch, wenn es unbedingt sein muss. Die Reaktionen fielen dann immer gleich aus: Entweder mitleidig oder empört. Der Abgasskandal wäre für alle ein Schock gewesen. Was für eine Enttäuschung. Er fragt sich, warum er sich das Ganze überhaupt noch antut.

In der postfaktischen Welt der digitalisierten Empörungskulturen steigt das Misstrauen gegen Organisationen aller Art. Die EU, etablierte Parteien, Konzerne, Institutionen jeder Form werden beargwöhnt. Shitstorms allerorten. Oft aus gutem Grund, ebenso oft mit weit reichenden Konsequenzen für die Organisationen. Für deren Mitglieder ist das nicht immer leicht zu ertragen. Dass ihre Organisationen den Weg der Tugend verlassen haben und sich von Kunden, Bürgern, Menschen entkoppeln, findet außerhalb ihrer Reichweite statt. Und doch sind sie irgendwie daran beteiligt.

Die Organisationstheorie erklärt das recht eindeutig. Es ist die vornehmste Aufgabe der Organisation, ihre Mitglieder an ihrem Zweck teilhaben zu lassen, Sinn zu stiften. Aber genau das funktioniert nicht mehr so einfach. Immer mehr Menschen erleben ihre Aufgaben als austauschbar und sinnentleert. Sie haben zunehmend Schwierigkeiten, das, was sie tun, mit dem Großen und Ganzen der Organisation in Verbindung zu bringen.

Für die Organisationsentwicklung gehört die Frage nach dem Zweck an den Anfang eines jeden Veränderungsprozesses. Denn ab einer gewissen Intensität stellt der Wandel automatisch auch die Sinnfrage: Warum tun wir das hier? Was macht uns eigentlich aus? Warum und für wen existieren wir? Wird diese Zweckfrage von außen gestellt, ist es meist schon zu viel zu spät. Ein regelmäßiges, ehrliches Selbstgespräch der Organisation zu ihrem eigenen Sinn und Zweck hingegen kann vor bösen Überraschungen bewahren.

Heike Bruch und Sandra Berenbold eröffnen das Thema dieses Hefts der OrganisationsEntwicklung. Sie stellen die schwierige Führungsaufgabe Sinnstiftung in den Vordergrund. Mit dem klugen Doug Ready habe ich ein bewegendes Gespräch zur Frage geführt, wie das Warum in der Organisation eine so ungeheure Kraft entfalten kann. Besonders freue ich mich, dass uns Bischof a. D. Wolfgang Huber seine so zuversichtliche Perspektive auf das menschliche Bedürfnis nach Sinn gezeigt hat. Viele Sinnkrisen sind für ihn schlicht sinnlos.

Ein schönes Praxisbeispiel der purpose-driven organization liefert Martina Mönninghoff mit ihrem Projekt der Bertelsmann SE. Dass ein kraftvoller Zweck der Organisation eine immense Anziehungs- und Bindungskraft auf die Organisationsmitglieder ausübt, betont auch Haras Rafiq Rafiq, Geschäftsführer der Quilliam Foundation, London im Interview. Als einer der herausragenden Terrorismusexperten weltweit berät er u. a. die britische Regierung zu Fragen der Terrorismusbekämpfung und Deradikalisierung von Extremisten. Seine ernüchternde Analyse zeigt, dass die Mechanismen der Sinnstiftung in Organisationen – unabhängig vom Inhalt derselben – wohl universell sind.

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