Aktuelle Rezensionen

Unsere Rezensenten, die alle selbst als Praktiker oder Wissenschaftler in den Bereichen Organisationsentwicklung, Change Management, Coaching, Führung und Weiterbildung tätig sind, besprechen in der Rubrik „Bücher“ im Heft regelmäßig aktuelle Literatur und schätzen deren Relevanz für Sie als Leser ein.

Unten geben wir einen kleinen Einblick in die Buchbesprechungen aus der aktuellen Ausgabe.

 

Bücher


Zwei Buchrezensionen aus Heft 01/2018 vorgestellt von Oliver Haas (OH) und Joachim Freimuth (JF):

Aaron C.T. Smith/Fiona Sutherland/David H. Gibert
Reinventing Innovation
Designing the Dual Organization
Palgrave Macmillan 2017, 138 Seiten,
Euro 50.28, E-Book: Euro 39.99

Führungskräfte im 21. Jahrhundert haben es nicht leicht. Sie müssen zum einen im Optimierungs- und Effizienzmodus ope­rieren, das Regelsystem der Organisa­tion verstehen und bespielen und dabei stets auf die Kultur achten, die sich wie ein grauer Schleier über all das legt, was geschieht. Der Systemiker würde sagen: Sie sind im System. Gleichzeitig müssen sie aber auch im Innovationsmodus ope­rieren, bewusst Ineffizienzen in Kauf nehmen, um dadurch neue Gestaltungsmöglichkeiten zu eruieren, das Unhinterfragte zu hinterfragen und bei alldem durchaus Kulturbrüche in Kauf nehmen. Anders formuliert: Am System sein.

Seit 1976 wird für genau dieses Phänomen der Begriff der organisationalen Ambidextrie verwendet. Über das, was eine ambidextere Organisation ist, gibt es verschiedene Definitionen, die aber im Kern recht ähnlich sind: Nach O’Reilly und Tushman ist die Ambidextrie die Fähigkeit eines Unternehmens, gleichzeitig in tradierten Operationsformen un­terwegs zu sein (Exploitation) und im Zukunftsmodus erkunden (Exploration) zu können, um langfristig zukunftsfähig zu sein.

Smith, Sutherland und Gilbert geben diesem Phänomen nun einen neuen Namen: Sie nennen es die «duale Organi­sation». Dabei beziehen sie sich in ers­ter Linie auf organisationale Fähigkeiten und blenden den Menschen erst einmal aus. Und genau darin liegt der explizite Mehrwert dieses Buches: Statt vorschnell auf Handlungsdispositionen von Führenden und Geführten in Organisationen zu springen und diese in Frage zu stellen, beleuchten die Autoren im ersten Schritt den organisationalen Kontext – also das Regel- und Wertesystem von Organisationen – welches individuelles Handeln in Organisationen maßgeblich beeinflusst. Damit setzen sie einen wich­tigen Rahmen, der einen unter anderem verstehen lässt, warum es gegebenenfalls fahrlässig wäre, beispielsweise hierarchisch geprägte Organisationen in einen agilen Operationsmodus zu jagen. Vielmehr muss es darum gehen, beide Organisationsmodi – Bewahrung und Stabilität sowie Erneuerung und Innovation – parallel am Laufen zu halten und die dabei bewusst entstehenden Widersprüchlichkeiten auszuhalten.

Das Buch beginnt mit einem kurzen Aufriss in die Bedeutsamkeit von Innovation und Erneuerung, mit Blick auf die Zukunftsfähigkeit von Organisationen. Im Anschluss verbringen die Autoren viel Zeit, um die sogenannte «Duality Theory» und die damit verbundene Spannung innerhalb von Organisationen zu beleuchten. Das tun sie zum einen theoretisch, liefern aber auch konkrete Beispiele anhand von Fallstudien, wie dies in der Praxis erfolgen kann. Letzteres mag auch aufgrund der durchaus wissenschaftlich geprägten Sprachwahl auf den ersten Eindruck nur bedingt einfach zugänglich sein.

Sehr gut gelungen sind die im letz­­ten Teil des Buches aufgeführten Hand­lungs­optionen für die Gestaltung aber auch Nutzung bestehender Organisa­­tionsdesigns, um Amidextrie einzuführen. So können beispielsweise heterogene, agile und in der Informalität der Or­ga­nisation operierende communities ein erster Schritt zu Innovation, bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des Stand­ard­geschäfts sein.
Auf gut 130 Seiten liefern die Autoren wertvolle Hinweise über das «Was» und das «Wie» der ambidexteren Organisa­tion. Sie liefern damit einen wichtigen Mosaikstein in der Gestaltung von Organisation zu einer Zeit, in der (disruptive) Innovation um jeden Preis das Mantra der Stunde zu sein scheint. Der Preis von über 50 Euro mag im ersten Moment abschreckend sein. Sie sind aber gut investiertes Geld für Organisationstheoretiker und Entscheidungsträger in Organisationen gleichermaßen. (OH)

 

Edgar H. Schein
Humble Consulting
Die Kunst des vorurteilslosen Beratens
Carl-Auer 2017, 187 Seiten, Euro 39

Bereits in seinem 2008 erschienenen Band «Helping» untersuchte der Altmeister der Organisationsentwicklung die besondere Beziehungsdynamik helfender Beziehungen bzw. Beratungen im individuellen Setting, bei der Entwicklung von Gruppen und Organisationen. An diese Konzeption knüpft Schein im nun aktuell vorliegenden Band an und stellt damit auch einen stark biografischen Bezug her.

Eine der ersten Überschriften lautet: «Ich bin der Berater und ich habe kei­nen Schimmer, was ich tun soll.» Schein will damit sagen, dass es angesichts der Kom­­plexität von sozialen Systemen und der Selbstrückbezüglichkeit von Beratungen dort keinen Sinn mehr haben kann, mit theoretischen Konzepten, analytischen Schemata und vorgefertigten Modellen zu arbeiten. Denn nach Ansicht Scheins werde man so daran gehindert, sich auf die vorliegende Thematik einzulassen und aus der Situation heraus Lösungen im Dialog mit dem Klienten zu gene­rieren. Schein kommt damit sehr in die Nähe der sich aktuell entwickelnden, lösungsorientierten Beratung, die gleichfalls Theorien und vorgefertigte Modelle ablehnt. Entsprechend zielt «Humble Con­sulting» auf vorurteilfreies Verstehen und dialogische Konzeptentwicklung auf Augenhöhe.
Dazu bedarf es einer Beziehung zum Kunden. Schein spricht hier von Level 2-Beziehung, die sich jenseits der Distanz einer eher auf Inhalte reflektierenden Beratung (Level 1) darauf richtet, schnell Vertrauen herzustellen und die wirklichen Sorgen des Kunden zu adressieren. Die Level 2-Beziehung erreicht allerdings nicht den Grad der Privatheit (Level 3). Dann würde die professionelle Distanz verloren gehen.

Die Nähe von Scheins Vorschlag zum lösungsorientierten Ansatz zeigt sich auch dadurch, dass dort die Lösungen emergent entstehen und eher den Charakter von kleinen «Anpassungsbewegungen» haben. Diese stellen die unmittelbar konkrete Verbesserung aus der Sicht des Klienten dar, aber kein langfris­tiges Zukunftskonzept mit einem struktu­rierten Masterplan. Das bedeutet nicht, dass Theorien oder Konzepte keine Rolle mehr spielen, sie rücken lediglich ganz weit in den Hintergrund und verschwinden gleichsam in der Wahrnehmungs- und Dialogfähigkeit des Beraters.

Das Konzept Humble Consulting wird systematisch im Buch entfaltet. Konkretisiert wird es dabei vor allem exemplarisch durch zahlreiche Fallbeispiele aus der praktischen Erfahrung des Autors. Dieser führt aus, dass sich schon im ersten Kontakt entscheidet, ob eine solche Beratungsbeziehung gelingt. Das Buch ist ebenso durchzogen von zahlreichen Beispielen für Frageformen, von denen man sich für seine eigene Arbeit anregen lassen kann. Wie immer ist die gesamte Darstellung lebendig und anregend. Sie kommt unangestrengt daher und atmet die Leichtigkeit eines Beraters, der weiß wovon er redet.
Das Buch richtet sich vornehmlich an OE- und Change-Berater, Trainer und Coaches, aber auch an Führungskräfte, die ihre Lösungen im Dialog mit ihren Mitarbeitern entwickeln wollen. (JF)


Rezensionen der folgenden Titel vorgestellt von Joachim Freimuth (JF), Oliver Haas (OH), Heike Hölzner (HH), Gerhard P. Krejci (GK), Philipp Lüninghöner (PL), Stefan Teufl (ST), Karsten Trebesch (KT) und Brigitte Winkler (BW) finden Sie im aktuellen Heft 01/2018 der OrganisationsEntwicklung:

Eric Ries
The Startup Way
How modern companies use Entre­preneurial Management to transform culture and drive longterm growth
Penguin 2017, 400 Seiten
USD 18, E-Book: USD 12.88

 

Reinhart Nagel
Organisationsdesign
Modelle und Methoden für Berater und Entscheider
Schäffer-Poeschel 2017, 2. Aufl., 375
Seiten, Euro 39.95, E-Book: Euro 39.95

 

Corinna von Au (Hrsg.)
Struktur und Kultur einer Leadership-Organisation
Holistik, Wertschätzung, Vertrauen, Agilität und Lernen
Springer 2017, 217 Seiten, Euro 29.99,
E-Book: Euro 22.99

 

Hanspeter Reiter (Hrsg.)
Handbuch Hirnforschung und Weiterbildung
Beltz 2017, 410 Seiten, Euro 49.95,
E-Book: Euro 45.99

 

Mechtild Erpenbeck
Wirksam werden im Kontakt
Die systemische Haltung im Coaching
Carl-Auer 2017, 140 Seiten, Euro 19.95,
E-Book: Euro 18.99

 

Jürgen Kriz
Systemtheorie für Coaches
Einführung und kritische Diskussion
Springer 2016, 49 Seiten, Euro 9.99,
E-Book: Euro 4.99

 

Heiko Roehl/Oliver Haas/Malte Belau
Der Change-Navigator
48 Frage- und Aktionskarten für wirksames Change Management
Beltz 2017, Euro 39.95

 

Kai Romhardt
Lebensbruch
Nimm ihn an. Und verändere dein Leben
Herder 2017, 256 Seiten, Euro 19.99,
E-Book: Euro 14.99

 

Diagnostik- und Testkuratorium (Hrsg.)
Personalauswahl kompetent gestalten
Grundlagen und Praxis der Eignungs­diagnostik nach DIN 33430
Springer 2017, 248 Seiten, Euro 39.99,
E-Book: Euro 49.99

 

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