Einblick Ausgabe 2/2018

„Theorien sind nie mehr als kühne Vermutungen und Hypothesen; von uns gemachte Netze, mit denen wir die wirkliche Welt einzufangen versuchen“

Karl Popper

Ein Theoriebaum für die Wandelpraxis

Der Reigen der informativen Theorien für den reflektierten Change Praktiker ist lang und das ist gut so. Denn es ist gefährlich, sich bei der Wandelarbeit nur von einer Perspektive leiten zu lassen. Jede Theorie beleuchtet gewisse Transformationsaspekte und belässt andere im Dunkeln. So erklärt eine Gruppe von Wandeltheorien – wir nennen diese die kognitiven Ansätze – unsere Wahrnehmungs-, Interpretations- und Reaktionsweisen angesichts sich verändernder Umstände. Häufig erfolgt die Betrachtung aufs Individuum bezogen, manchmal jedoch auf Gruppen und teilweise auch gemischt bzw. in Bezug auf die Interaktion von Einzelpersonen und Gruppen. Die Theorie des sozialen Lernens ist ein Beispiel hierfür. Andere Ansätze betonen demgegenüber kulturelle Phänomene und kollektive Aspekte von Wandelvorhaben. Dabei werden, wie etwa bei Argyris, veränderte Rituale und kollektive Werte in den Vordergrund gerückt. Ein Stück weiter gehen sogenannt (neo-)strukturalistische Theorien: Sie postulieren eine stetige Interaktion zwischen unseren Handlungen und den institutionellen Strukturen, in denen wir agieren. Eine weitere Gruppe von Wandeltheorien ist weniger erklärungs-, sondern stark interventionsorientiert. Wir bezeichnen diese als pragmatische Wandeltheorien. Ein Beispiel hierfür ist Richard Thalers Nudging Mechanismus, um Verhaltensänderungen durch subtile Impulse anzustoßen oder auch die verschiedenen Prozessmodelle für betrieblichen Wandel (wie etwa die Theory U).

Die Basisdisziplin für diese Ansätze bildet oft die Psychologie. Doch einige Wandelmodelle sind bewusst breiter aufgestellt und verwenden soziologische Erklärungsweisen. Andere verwenden eine Führungsperspektive, etwa die betriebswirtschaftlichen Wandeltheorien. Einige der meist zitierten Modelle sind in der (Wirtschafts-)Informatik zu verorten, da sie IT-Innovationen als Ausgangspunkt von Wandel thematisieren. Eine weitere Disziplin für Wandeltheorien bildet die Kommunikationswissenschaft. Ihre Wandelmodelle fokussieren vor allem auf die für Wandel notwendige Überzeugungsarbeit (so etwa Rogers Innovationsdiffusionstheorie).

Und nun wünschen wir Ihnen viel Spaß beim ≪Cherry Picking≫ vom Baum der Wandelerkenntnis, der natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.


OrganisationsEntwicklung Ausgabe 2/2018 - Wissen für Veränderung

OrganisationsEntwicklung Ausgabe 2/2018

Wissen für Veränderung: Wie Theorien die Praxis stärken.

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