Einblick Ausgabe 3/2009

„Der Kluge ist der, welchen die scheinbare Stabilität nicht täuscht
und der noch dazu die Richtung, welche der Wechsel zunächst nehmen wird, vorhersieht.“

Arthur Schopenhauer

Der Schwarze Schwan

Es scheint das richtige Buch zur richtigen Zeit zu sein: „Der Schwarze Schwan“ von Nassim Nicholas Taleb. Dieses kurzweilige Buch über den Einfluss des Unwahrscheinlichen und Zufälligen hat den Nerv der Zeit getroffen, weil es uns sensibilisiert für die Exzesse der pseudo-genauen Risikomodellierung. Es zeigt uns auf, wie stark wir einer Kontrollillusion unterliegen und die Prognostizierbarkeit von Ereignissen überschätzen. Wir leben, ohne dies zu merken, in Extremistan und hier gelten eigene Prognoseregeln, die sich von der herkömmlichen Statistik stark unterscheiden.

Das Konzept des schwarzen Schwans beruht auf einer Anekdote, nach welcher in Europa lange Zeit die Vermutung herrschte, es gebe nur weisse Schwäne. Erst als bekannt wurde, dass es in Australien sehr wohl schwarze Schwäne gibt, wurde diese Meinung revidiert. Etwas scheinbar höchst Unwahrscheinliches erwies sich als möglich.
In unserem Denken neigen wir dazu, derartig unwahrscheinliche Vorkommnisse auszublenden. Wir suchen nur nach Beweisen, um unsere eigenen Prognosen und Szenarien zu bestätigen, anstatt diese zu widerlegen. Wir lassen uns von einzelnen, illustrativen Anekdoten blenden, die vermeintlich generelle Muster aufzeigen. Wir theorisieren uns von der realen Welt und ihren Zufällen weg, hin zu einer prognostizierbaren Zukunft. Dabei vernachlässigen wir, was Taleb „silent evidence“ nennt, also die vielen stillen Hinweise auf Unregelmäßigkeiten, Zufälle und Risiken. Stattdessen fokussieren wir auf bekannte Informationsquellen und auf einige wenige, bekannte Risikoszenarien. Falls wider Erwarten neue Risiken eintreten, die wir nicht vorhergesehen haben, versuchen wir diese ex-post zu erklären und sehen dann plötzlich, wie offensichtlich ein Risiko eigentlich war (wie etwa im Fall der Subprime Hypothekenkrise in den USA).
Was also tun? Taleb empfiehlt uns, der Gaußschen Glockenkurve der Normalverteilung zu misstrauen, nach der Extremsituationen nur äußerst selten auftreten. Er empfiehlt uns, uns aktiver mit undenkbaren Szenarien auseinanderzusetzen und mehr in unsere Widerstandsfähigkeit und Robustheit für Risikofälle zu investieren. Er ermuntert uns dazu, Risiken auch als Chancen zu begreifen, die neue Handlungsräume erschließen.

Martin J. Eppler


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