Einblick Ausgabe 4/2013

„Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß eine große Sache.“

Archilochos (griechischer Lyriker, 680 – 645 v. Chr.) nach Isaiah Berlin

Von Füchsen und Igeln

Timo Meynhardt

Manchmal passt die Welt eben nicht in ein noch so intelligentes Schema oder gar Koordinatensystem, und es braucht Gelassenheit, sich mit einer Vielzahl kleinerer Wahrheiten abzufinden. Ohne eine größere Idee geht es aber auf längere Sicht auch nicht. Genau diese Spannung bringt die populäre Metapher vom Fuchs und Igel auf den Punkt.
Füchse kennen viele Perspektiven und können Widersprüche und Mehrdeutigkeiten akzeptieren. Sie haben verschiedene geistige Zugänge, neue Informationen aufeinander zu beziehen und sie sind bereit, auf dem Weg zum Ziel Umwege in Kauf zu nehmen. In ein schlüssiges Gesamtbild fügt sich ihre Weltsicht allerdings nicht.
Igel hingegen haben ein klar umgrenztes, meist von einer übergreifenden Idee oder Logik bestimmtes Weltbild, in dem sie neue Informationen verorten. Durch ihre klaren Worte können Igel häufig andere von sich überzeugen und mitreißen. Sie streben nach direkter Zielerreichung. Dies führt jedoch schnell zum Ausschluss von alternativen Sichtweisen.
Eine Studie an der Universität St. Gallen mit knapp 40 Topmanagern zur Frage nach dem Public Value ihrer Organisation hat ergeben, dass auf dieser Führungsebene der Denkstil des Igels dominiert: Auf drei Igel kommt nur ein Fuchs. Pikant daran ist folgendes: Die überwiegende Mehrheit der Igel unterstellt, dass die breitere Öffentlichkeit ihre Sicht 1:1 teilt. Die wenigen Füchse sehen die Lage differenzierter, denken stärker in echten Dilemmata und verfangen sich weniger in Schwarz-Weiß-Kategorien.
Die grundsätzlich verschiedenen Arten der Informationsverarbeitung führen zu unterscheidbaren Realitätskonstruktionen und Handlungsstrategien. Im Bild: Die füchsische Verweigerung einer verbindlichen Idee ist schlau in einer von Turbulenzen geprägten Zeit. Solch ein Pragmatismus ist nötig, um machbare Lösungen zu entwickeln. Aber reicht das aus, um nicht nur Getriebener der Umstände zu sein und vor allem, um als Führungskraft, andere zu motivieren? Hier hat der Igel einen Riesenvorteil. Aber Helmut Schmidt hat wohl auch recht: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Mal werden also die Igel, mal die Füchse hochgejubelt. Ist etwa die deutsche Bundeskanzlerin ein Igel im Fuchspelz? So verspielt diese Frage erscheint, trivial ist sie nicht.

Doch fragen Sie sich selbst: Sind Sie eher ein Igel, für den „letzten Endes“ die Logik einer Idee zählt? Oder misstrauen Sie eher jenen, die allzu oft ihre Sätze mit „Letzten Endes…“ beginnen? Macht es Sie unruhig, wenn ein Gesprächspartner nicht sofort zum Punkt kommt? Ist es nicht vorteilhafter, einen klaren Plan zu haben?
Selbst wenn die Igel sich dadurch beleidigt fühlen und umfangreiche Begründungen anführen, spricht heute Vieles für die Philosophie des Stückwerks („piece meal“) der Füchse. Eines ist ganz sicher: Man hüte sich vor Leuten, die auf jede fragliche Position die schnelle Antwort wissen.

Weiterführende Literatur

Berlin, I. (1953/1999).
The hedgehog and the fox: essay on Tolstoy’s view of history. Revised edition, Phoenix.
Gomez, P. & Meynhardt, T. (2012).
More foxes in the boardroom: Systems thinking in action. In: Systemic Management for Intelligent Organizations: Concepts, Models-Based Approaches and Applications (S. 83-98). Springer.
Meynhardt, T. (2012).
Mehr Füchse, weniger Igel! Harvard Business Manager, 7/2012, S. 94-95.


OrganisationsEntwicklung Ausgabe 3/2013 - Gefährten des Wandels

OrganisationsEntwicklung Ausgabe 3/2013

Gefährten des Wandels: Coaching im Change Management

» Bestellen Sie die „OrganisationsEntwicklung Ausgabe 3/2013 – Gefährten des Wandels“ bei uns im Handelsblatt Fachmedien Onlineshop

» Zurück zur Gesamtübersicht der Einblick-Grafiken