Einblick Ausgabe 4/2016

„Du selbst zu sein in einer Welt, die dich ständig anders haben will, ist die größte Errungenschaft.“

Ralph Waldo Emerson

Hidden Profile in Sitzungen: Warum wir unsere besten Karten nicht ausspielen

Es klingt paradox und trifft doch zu: Wir vergeuden viel Zeit in Sitzungen, weil wir einander erzählen, was alle bereits wissen. Gruppen neigen dazu, Informationen zu besprechen, die der Mehrheit der Teilnehmer bereits vor Beginn der Besprechung bekannt sind. Informationen, die nur einzelnen Teilnehmern bekannt sind, werden in Meetings
kaum ausgetauscht und tragen so nicht zur Lösungsfindung bei. Das versteckte Wissen oder «Hidden Profile» bleibt verborgen und die Gruppe profitiert nicht von der Vielfalt ihrer Mitglieder, denn diese spielen sozusagen ihre besten Karten
gar nicht aus. Die beiden Sozialpsychologen Garold Stasser und William Titus zeigten in zahlreichen Experimenten, dass Gruppenmitglieder individuelle (relevante) Informationen nicht austauschen. Dieser Effekt tritt verstärkt auf, wenn exklusive
Informationen von der Mehrheitsmeinung abweichen. Wie aber lässt sich dies erklären? Allgemein bevorzugen wir Informationen, die unsere ursprüngliche Haltung stützen. Informationen, welche allen Teilnehmern bekannt sind, scheinen
stichhaltiger zu sein und bestätigen, was man bereits weiß. Individuelle, exklusive Informationen hingegen fügen zusätzliche und z. T. widersprüchliche Aspekte hinzu und werden eher kritisiert. Zum anderen vergleichen Gesprächspartner in Diskussionen fortlaufend ihre Positionen untereinander und schätzen ab, wie diese von ihren Kollegen beurteilt werden. Sehen sie, dass ihre Meinung von anderen geteilt wird, fühlen sie sich in ihrer Position unterstützt und vertreten sie mit mehr Vehemenz. Der beste Weg, das Hidden Profile Problem zu lösen, ist die Teilnehmenden einer Sitzung zu bitten, vor der Besprechung ihre Sicht der Dinge dem Sitzungsleiter in einer kurzen E-Mail mitzuteilen. So kann er oder sie im Meeting diese individuellen Beiträge zur Sprache bringen und das exklusive Wissen der Teilnehmer aktivieren. Was natürlich
auch hilft, ist sich selbst treu zu bleiben – und bewusst auch unangenehme oder kontroverse Informationen in die Besprechung einzubringen.

Literatur:

  • Eppler, M.J. & Mengis, J. (2011). Management Atlas. Hanser.
  • Stasser, G. & Titus, W. (2003). «Hidden Profiles: A Brief History». Psychological Inquiry, 14(3), S. 304—313.

OrganisationsEntwicklung Ausgabe 4/2016 - Zusammen denken

OrganisationsEntwicklung Ausgabe 4/2016

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