Ortmanns Ordnung

Kolumne: Gewaltenteilung in Organisationen

Merkwürdig, dass man kaum oder gar nicht darüber stutzt, dass in Unternehmen, anders als im Rechtswesen, die Rollen des «Gesetzgebers», des «Anklägers» und des «Richters» von ein und derselben Person wahrgenommen werden – vom Vorgesetzten. Und nicht nur das, sondern die Manager sind auch noch Nutznießer in allen diesen Rollen, angereizt durch Entgelt-, Bonus- und Karrieresysteme, die ihre Interessen sogar systematisch mit ihren «Fällen» verknüpfen sollen. Im Falle von Richtern an Gerichten würde

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Kolumne: Besser, am besten, pareto-optimal

Was stört mich an der schönen Idee einer besseren Zukunft? Auf der Hand liegt, dass sie, so allgemein gehalten, zwei Fragen übergeht: «Besser in welcher Hinsicht?» und «Besser für wen?». Gibt «Veränderung zum Nutzen aller» eine Antwort auf beide Fragen? So könnte man es sehen, so sehen es Viele. Die Vielfalt möglicher Hinsichten scheint in der Vielfalt individueller Nutzen gewahrt und das «Für wen?» einer allseits befriedigenden Antwort zugeführt: «für alle». Der Haken an der Sache ist, dass, wie

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Kolumne: Organisationen, die Zweifel säen

Zweifel wird heute gern gerühmt, und nicht zu Unrecht. Das Lob des Zweifels ist eine Antwort auf enttäuschende, auf enttäuschte Sicherheitsversprechen. Darüber wird leicht seine altbekannte Schattenseite übersehen: Er stört beim oder hindert am Handeln. Hamlet. Auch das muss nicht von Übel sein, wenn man an die allfälligen Aktivismen in Wirtschaft und Politik denkt. Ob ein Handeln als geboten gilt, hängt von den Interessen der Handelnden und denen der davon Betroffenen ab. Wenn dieses Interesse ist,

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Kolumne: Der Videobeweis

Hätten Sie gedacht, dass im Fußball Ereignis wird, was dieser «postfranzösische» Philosoph Jacques Derrida «Dekonstruktion» genannt hat? De-kon-struktion, das lässt sich gut daran erläutern, dass Regeln ja eigentlich konstitutiv für ihre Anwendung sein sollen, dass aber die Art ihrer Anwendung ihrerseits (mit-) konstitutiv für die Bedeutung und Geltung einer Regel ist. Die Anwendung der Drei-Schritte-Regel im Handball etwa hat aus der Drei- eine «Dreieinhalb-bis-vier-Schritte»-Regel gemacht – De-

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Kolumne: Die Tauben von San Marco

Die Tauben von San Marco haben das Biotop «Markusplatz» nicht intendiert und nicht geschaffen, aber sie zehren davon und tragen zu seiner Reproduktion bei. Niemand – niemandes Ordnungswillen – hat diese ökologische Struktur gewollt, aber das hindert nicht, nun, da sie einmal in der Welt ist, sich daran zu nähren und ihr auf diese Weise ihre enervierende Beharrungskraft zu verleihen. Das tun nicht nur die Tauben, sondern auch zum Beispiel: Touristen, Fotografen, Futterverkäufer und Strassenreiniger,

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Kolumne: Start-ups, Feuerameisen und der Zirkel des Anfangs

Aller Anfang ist schwer. Am Anfang, um es so zu sagen, ist der Grund noch nicht gelegt, der Boden noch nicht bereitet, der Weg noch nicht geebnet, auf dem wir stehen und gehen könnten. «Wege, die in die Zukunft führen,» das wusste schon Franz Kafka, «liegen nicht als Wege vor uns. Sie werden zu Wegen erst dadurch, daß wir sie gehen.» Wie aber gehen, wenn der Weg erst durchs Gehen gebahnt werden kann? Ein Modell, wie man aus diesem fiesen Zirkel herauskommt, habe ich einmal (in «Noch nicht/Nicht

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Kolumne: Organisation und Langeweile

«Erfülltes Leben» ist der Signifikant einer abwesenden Fülle – des Anderen eines Mangels, einer Leere. Die Rede von einem «erfüllten Arbeitsleben» indiziert eine besondere Leere, eine, die sich zumal in Arbeitsorganisationen auftut. Ein Name für solche Leere ist: Langeweile, erzeugt durch Arbeitsteilung, Wiederholung und resultierende Monotonie. Das mag die Monotonie «repetitiver Teilarbeit», die Routine ewiger Meetings und Gremiensitzungen oder die Ödnis unserer Innenstädte mit ihren immergleichen

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Kolumne: Wandel und die Logik der Überbietung

Organisationen, nicht nur Unternehmen, unterliegen einer ziemlich gebieterischen Logik der Überbietung. Im Falle von Unternehmen liegt das auf der Hand. Sie müssen, um der Konkurrenz zu begegnen, nach comparative advantages streben. Sie müssen ihre eigenen Limits überbieten, möglichst heute besser sein als «gestern» und vor allem besser als «die anderen». «Bettersmarterfastercheaper» lautete einst ein Werbeslogan von IBM, und Hertie inserierte einmal, ganz in diesem Geiste: «Gut ist uns nicht gut

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Kolumne: Flottierende Signifikanten

Wie wir die Dinge nennen, ist nicht gleichgültig. Zwar gibt es, wie wir von dem französischen Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure wissen, die «Arbitrarität der Zeichen»: Ob wir dem länglichen Ding da im Garten das Etikett «Baum», «tree» oder «arbre» anheften, das ist arbiträr. Ob wir aber Toyotas Weise, Autos zu produzieren, «fragile buffered» nennen – so war es zunächst gedacht – oder «lean production», das macht dann doch einen Unterschied. «Lean», das fügte sich um 1990 geschmeidig in

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Kolumne: Das Institut Benjamenta, oder: Die Ironie der Organisation

Das Institut Benjamenta aus Robert Walsers Jakob von Gunten ist eine Knabenschule, in der nur ein einziges Buch gelehrt wird, das Buch «Was bezweckt die Knabenschule?» «Der Zweck der Schule, das Gesetz ihrer Gründung und ihres Daseins, ist die Einübung ihres Gesetzestextes», schreibt der Literaturwissenschaftler Rüdiger Campe (2004, S. 206), «die Unterweisung im Regelwerk vom Zweck der Schule» (ebd., S. 201). Das ist, als ob – aber was heißt hier als ob? – der Sinn und Zweck von Organisationen sich

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