Ortmanns Ordnung

Kolumne: Der Videobeweis

Über Regeln und ihre Anwendung

Hätten Sie gedacht, dass im Fußball Ereignis wird, was dieser «postfranzösische» Philosoph Jacques Derrida «Dekonstruktion» genannt hat? De-kon-struktion, das lässt sich gut daran erläutern, dass Regeln ja eigentlich konstitutiv für ihre Anwendung sein sollen, dass aber die Art ihrer Anwendung ihrerseits (mit-) konstitutiv für die Bedeutung und Geltung einer Regel ist. Die Anwendung der Drei-Schritte-Regel im Handball etwa hat aus der Drei- eine «Dreieinhalb-bis-vier-Schritte»-Regel gemacht – De-

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Kolumne: Die Tauben von San Marco

Wie Bürokratie entsteht und gedeiht

Die Tauben von San Marco haben das Biotop «Markusplatz» nicht intendiert und nicht geschaffen, aber sie zehren davon und tragen zu seiner Reproduktion bei. Niemand – niemandes Ordnungswillen – hat diese ökologische Struktur gewollt, aber das hindert nicht, nun, da sie einmal in der Welt ist, sich daran zu nähren und ihr auf diese Weise ihre enervierende Beharrungskraft zu verleihen. Das tun nicht nur die Tauben, sondern auch zum Beispiel: Touristen, Fotografen, Futterverkäufer und Strassenreiniger,

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Kolumne: Start-ups, Feuerameisen und der Zirkel des Anfangs

Aller Anfang ist schwer. Am Anfang, um es so zu sagen, ist der Grund noch nicht gelegt, der Boden noch nicht bereitet, der Weg noch nicht geebnet, auf dem wir stehen und gehen könnten. «Wege, die in die Zukunft führen,» das wusste schon Franz Kafka, «liegen nicht als Wege vor uns. Sie werden zu Wegen erst dadurch, daß wir sie gehen.» Wie aber gehen, wenn der Weg erst durchs Gehen gebahnt werden kann? Ein Modell, wie man aus diesem fiesen Zirkel herauskommt, habe ich einmal (in «Noch nicht/Nicht

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Kolumne: Organisation und Langeweile

«Erfülltes Leben» ist der Signifikant einer abwesenden Fülle – des Anderen eines Mangels, einer Leere. Die Rede von einem «erfüllten Arbeitsleben» indiziert eine besondere Leere, eine, die sich zumal in Arbeitsorganisationen auftut. Ein Name für solche Leere ist: Langeweile, erzeugt durch Arbeitsteilung, Wiederholung und resultierende Monotonie. Das mag die Monotonie «repetitiver Teilarbeit», die Routine ewiger Meetings und Gremiensitzungen oder die Ödnis unserer Innenstädte mit ihren immergleichen

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Kolumne: Wandel und die Logik der Überbietung

Organisationen, nicht nur Unternehmen, unterliegen einer ziemlich gebieterischen Logik der Überbietung. Im Falle von Unternehmen liegt das auf der Hand. Sie müssen, um der Konkurrenz zu begegnen, nach comparative advantages streben. Sie müssen ihre eigenen Limits überbieten, möglichst heute besser sein als «gestern» und vor allem besser als «die anderen». «Bettersmarterfastercheaper» lautete einst ein Werbeslogan von IBM, und Hertie inserierte einmal, ganz in diesem Geiste: «Gut ist uns nicht gut

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Kolumne: Flottierende Signifikanten

Über Wörter wie lean, smart und agile

Wie wir die Dinge nennen, ist nicht gleichgültig. Zwar gibt es, wie wir von dem französischen Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure wissen, die «Arbitrarität der Zeichen»: Ob wir dem länglichen Ding da im Garten das Etikett «Baum», «tree» oder «arbre» anheften, das ist arbiträr. Ob wir aber Toyotas Weise, Autos zu produzieren, «fragile buffered» nennen – so war es zunächst gedacht – oder «lean production», das macht dann doch einen Unterschied. «Lean», das fügte sich um 1990 geschmeidig in

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Kolumne: Das Institut Benjamenta, oder: Die Ironie der Organisation

Das Institut Benjamenta aus Robert Walsers Jakob von Gunten ist eine Knabenschule, in der nur ein einziges Buch gelehrt wird, das Buch «Was bezweckt die Knabenschule?» «Der Zweck der Schule, das Gesetz ihrer Gründung und ihres Daseins, ist die Einübung ihres Gesetzestextes», schreibt der Literaturwissenschaftler Rüdiger Campe (2004, S. 206), «die Unterweisung im Regelwerk vom Zweck der Schule» (ebd., S. 201). Das ist, als ob – aber was heißt hier als ob? – der Sinn und Zweck von Organisationen sich

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Kolumne: Kleists Schwester meets Molières Magd

Die Erregung ist groß. Leidgeprüfte Praktiker rufen «Death by Meetings», «Meetings Are Toxic» und «Don’t Let Meetings Rule». Auf- oder abklärungsbedachte Kommunikations- und Kulturwissenschaftler beugen sich gedankenschwer über Walter Benjamins Erwägungen zur Unterredung als Technik ziviler Übereinkunft und schreiben in der FAZ Sachen wie «Der runde Tisch und sein bellizistischer blinder Fleck» (Nils Werber). Daher hier, zur allseitigen Beruhigung, um nicht zu sagen, Besinnung, ein Lob des Meetings:

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Kolumne: Orbáns Ordnung - Die Medien und die Demokratie

Die Gründungsszene von Demokratien, ihr Ursprung, ihre Stiftung kann nicht selbst deren demokratischen Spielregeln folgen, denn die gilt es ja erst zu (be-)gründen. Diesen Geburtsfehler legen Demokratien nie ganz ab. Ihre Legitimität können sie allenfalls mit einer konstitutiven Nachträglichkeit begründen. Sie werden damit nie fertig. Unter anderem das hat Jacques Derrida mit seinem berühmten Diktum im Sinn gehabt: «Die Demokratie ist (und bleibt) im Kommen.» Im Kommen – oder im Gehen, wie man mit

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Kolumne: Volkswagen too big to fail

Mit Blick auf Volkswagen von einer Schicksalsgemeinschaft zu schreiben, da sträubt sich die Feder, und doch ... Am Schicksal des Unternehmens hängt bekanntlich das der Beschäftigten, 600.000 weltweit, ohne Zulieferer. Auch deswegen ist VW «too big to fail». In diesem Licht wohl dürfen und müssen wir die Milde sehen, mit der die Politik in Deutschland die causa - jenseits starker Worte - behandelt. Das Kraftfahrtbundesamt etwa hat im Oktober 2015 den von VW schon beschlossenen Rückruf von 2,5 Millionen

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